Polizei greift trotz mehrerer Anzeigen nicht ein / Turnschwestern und Anwohner kümmern sich Stalking-Opfer ohne Hilfe

Seit knapp zwei Jahren steht Marion P. Todesängste aus. So lange schon wird sie von ihrem Nachbarn terrorisiert und bedroht. Etwa zwölf Anzeigen hat sie bereits bei der Polizei aufgegeben. Ohne Erfolg, der Terror des Stalkers geht weiter.
04.07.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Christina Denker

Seit knapp zwei Jahren steht Marion P. Todesängste aus. So lange schon wird sie von ihrem Nachbarn terrorisiert und bedroht. Etwa zwölf Anzeigen hat sie bereits bei der Polizei aufgegeben. Ohne Erfolg, der Terror des Stalkers geht weiter.

Blumenthal. Eine eingetretene Wohnungstür, böse Briefe, verklebte Schlösser und pornografische Filme, die regelmäßig auf der Türschwelle liegen: Marion P. (Name und Alter geändert) aus Blumenthal hat Angst. Vor ihrem Nachbarn, der direkt unter ihr wohnt. Seit knapp zwei Jahren schon bedrohe und terrorisiere der Mann, schildert Marion P., die Hausgemeinschaft, vor allem aber die alleinstehende Frau. Helfen konnte ihr bislang niemand. Weder die Polizei noch der Weiße Ring.

Wie viele Nächte sie in den vergangenen Jahren voller Furcht wach in ihrem Bett gelegen hat, könne sie schon gar nicht mehr zählen. 2011 hat das alles angefangen, erzählt Marion P., das Datum weiß sie noch ganz genau: Es war der 24. November, als der Nachbar sie im Treppenhaus des Zwölf-Parteien-Hauses zum ersten Mal "ganz furchtbar angeschnauzt" habe. Doch wie gesagt, das war nur der Anfang. Heute, rund 18 Monate später, geht die 55-Jährige nicht mehr in den Keller ohne ihr Handy, ihr Festnetztelefon, Pfefferspray und eine Taschenlampe.

Dem Unbehagen ihrem Nachbarn gegenüber ist Todesangst gewichen. Die fühlte sie zum ersten Mal Ende 2011, als ihr Nachbar – und Marion P. ist sich sicher, dass es ihr Nachbar war – Zettel mit obszönen Botschaften in den Briefkasten legte, "nachts an meiner Tür Sturm klingelte" und das Schloss an ihrem Auto manipulierte. Marion P. fand glitschige Mohrrüben vor der Wohnungstür. "Und die Sicherungen hat er mir auch immer wieder rausgedreht", erzählt sie.

Doch es wurde noch schlimmer: Irgendwann habe der Nachbar, sagt Marion P., den Wasserhahn an ihrer Waschmaschine aufgedreht und den Keller geflutet. Außerdem soll er sich an ihrer Unterwäsche vergriffen haben: Zwischen den weißen Schlüpfern hätten plötzlich rote gehangen. Wochenlang soll das so gegangen sein. Meistens passiert der Terror nachts.

Immer wieder klebte auch Rasierschaum an der Wohnungstür, sagt die alleinstehende Frau. Irgendwann habe er auch ihre Tür eingeschlagen und sie im Flur ihrer Wohnung beschimpft. Bedroht haben soll er sie und die Hausgemeinschaft auch: "Ich weiß, du bist ’ne einsame Frau", "ich schlag dir die Tür wieder ein", "alles, was hier vorbeigeht, stech’ ich ab", sind Sätze, an die sich Marion P. noch erinnern kann. Natürlich hat Marion P. die Polizei gerufen – viele Male hat sie das schon getan.

Manchmal hätten die Beamten den Mann mitgenommen, doch nur zwei Stunden später sei er wieder in seiner Wohnung gewesen und alles sei von vorn losgegangen, schildert sie. Was die Rasierschaum-Schmierereien, die obszönen Briefe oder die verklebten Schlösser angehe, da könne Marion P. nun einmal nicht nachweisen, dass eben der Nachbar der Verursacher sei – habe die Polizei ihr gegenüber argumentiert.

Ein knappes Dutzend Anzeigen hat die alleinstehende Frau bereits aufgegeben. Im Fall der eingetretenen Tür hat die Staatsanwaltschaft die 55-Jährige dazu angehalten, von der Strafanzeige abzusehen, weil es bereits andere, schwerwiegendere Verfahren gegen ihren Nachbarn gebe – und ihre Anzeige das Strafmaß nur unwesentlich erhöhen würden. Auch beim Weißen Ring ist Marion P. nicht weitergekommen: Dort habe man ihr einen Gutschein für eine Rechtsberatung geschenkt – der ihr im Akutfall allerdings nicht helfe.

Ein Sprecher der Anwohner hat sich nach Informationen dieser Zeitung jüngst der Sache angenommen und sich mit der Hausverwaltung in Verbindung gesetzt, aber auch dort keinen Erfolg gehabt. "Der Eigentümer will dem Mann nicht kündigen", sagt er. Und die anderen Hausbewohner? "Die sagen nichts – aus Angst", meint er. Mittlerweile hat die 55-Jährige ihr Telefon am Bett stehen, um Männer aus der Nachbarschaft zu Hilfe holen zu können. Gleichzeitig hat sie ihre Wohnung mit einem Schließeisen gesichert und eine neue Klingel einbauen lassen. Das sind schon rund 700 Euro, für Marion P. ist das viel Geld, das sie mühsam abknapsen muss. Das Türschloss ist jedoch gerade wieder verklebt worden. "Das werden noch einmal 120 Euro", klagt sie.

2007 hat Marion P. die kleine Wohnung gekauft und viel Geld in sie investiert. Sie möchte endlich ihre Ruhe haben und vor allen Dingen keine Angst mehr. Ohne Furcht nach Hause zu kommen – das kennt sie seit schon vielen Monaten nicht mehr. Ihre Turnschwestern und Männer aus der Nachbarschaft helfen, wo es geht: Marion P. betritt meistens nur noch in Begleitung das Wohnhaus. Die Männer behalten den Nachbarn im Blick. Derzeit lauere er immer wieder im Gebüsch vor Marion P.’s Balkon und brülle Obszönitäten hinauf. "Ich weiß einfach nicht, was ich tun muss, damit das aufhört", sagt die 55-Jährige.

Rita Brede ist Stalkingbeauftragte bei der Polizeiinspektion Nord. Den Fall kennt sie nicht, aber aus Erfahrung weiß sie um die Schwierigkeiten, dem vermeintlichen Stalker seine Taten erst nachweisen zu müssen. "Zumindest", sagt sie, "ist es richtig, dass Marion P. immer wieder die Polizei ruft und Anzeige erstattet." Ganz allgemein seien Stalkingopfer häufig enttäuscht, "viele wünschen sich von der Polizei eine größere Durchschlagskraft".

Das jedoch gebe die Gesetzeslage nicht her. Die Stalkingbeauftragte rät, in solchen Fällen das Familiengericht hinzuzuziehen und eine einstweilige Verfügung zu erwirken, "die regelt, was der Stalker darf oder nicht", so Brede.

Stalking-Opfer ohne Hilfe

Polizei greift trotz mehrerer Anzeigen nicht ein / Turnschwestern und Anwohner kümmern sich

Zitat:

"Ich weiß einfach nicht,

was ich tun muss,

damit das aufhört."

Stalking-Opfer Marion P.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+