74 Arbeitsplätze in Bremen

Thyssen-Krupp streicht erneut Stellen

Am Bremer Standort von Thyssen-Krupp sollen 74 Stellen wegfallen. Es ist nicht der erste Jobabbau in diesem Jahr. Die IG Metall kritisiert die „Salamitaktik“ des Konzerns.
20.11.2020, 05:00
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Von Stefan Lakeband und Claus Haffert
Thyssen-Krupp streicht erneut Stellen

Die Konzernzentrale von Thyssen-Krupp in Essen: Der Industriekonzern steht vor drastischen Einschnitten.

Roland Weihrauch / dpa

Die Monate des Zitterns sind vorbei, nun gibt es Gewissheit: Bei Thyssen-Krupp in Bremen-Farge fallen weitere 74 Stellen weg. Eine Zahl, die lange Zeit unbekannt war und im Vergleich zu dem, was Ende September vorgestellt wurde, eine kleine Erleichterung ist. Zuletzt waren noch mehr als 100 Stellen im Gespräch, die der Essener Konzern in der Hansestadt streichen wollte.

Insgesamt steht Thyssen-Krupp vor dem größten Sparprogramm seiner Unternehmensgeschichte – als Reaktion auf die immensen Verluste im abgelaufenen Geschäftsjahr. Ohne das mittlerweile verkaufte Aufzugsgeschäft musste der Konzern einen bereinigten operativen Verlust (Ebit) von 1,6 Milliarden Euro hinnehmen. Im Vorjahr war noch ein Minus von 110 Millionen Euro angefallen. Das Stahlgeschäft steuerte mit einem Verlust von fast einer Milliarde Euro den größten Teil zum Minus bei. Der Umsatz brach im fortgeführten Geschäft um 15 Prozent auf rund 28,9 Milliarden Euro ein. „Die Corona-Krise hat uns voll erwischt“, sagt Vorstandschefin Martina Merz.

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Statt der bisher geplanten 6000 Stellen sollen insgesamt 11.000 Arbeitsplätze gestrichen werden, wie der Industriekonzern am Donnerstag bei der Bilanzpressekonferenz mitteilte. Das ist mehr als jeder zehnte Arbeitsplatz im Unternehmen. Der Stellenabbau wird vor allem die deutschen Standorte treffen, wo 7000 Jobs zur Disposition stehen oder bereits gestrichen wurden.

Dass am Personal gespart werde, sei „ein sehr schmerzhafter Schritt“, sagt Udo Petrack, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats. „Ich bin aber froh darüber, dass wir den ursprünglich geplanten Stellenabbau deutlich abfedern und komplette Standortschließungen verhindern konnten.“

Bestandteil des Sparprogramms ist, dass die Konzerntochter Thyssen-Krupp System Engineering, zu der auch der Bremer Standort gehört, in zwei eigenständige Firmen aufspaltet wird. Eine Geschäftseinheit soll für Karosseriemontage zuständig sein, die andere für Antriebs- und Batteriemontage. Zu Letzterer gehören auch die Niederlassungen in Bremen und dem niedersächsischen Langenhagen, wo das Unternehmen Montage- und Testanlagen für Verbrennungs-, E-Motoren und Brennstoffzellen entwickelt.

Zukunft mittelfristig sichern

Laut Volker Stahmann von der IG Metall liegt auch hier das Problem. Automobilhersteller müssten den Schritt weg vom Verbrenner und hin zu alternativen Antrieben schaffen. „In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch Thyssen-Krupp“, sagt er. Hinzu komme die Corona-Krise, die Autobauern und Zulieferern gleichermaßen zusetze. Die nun verkündeten Einsparungen würden die Zukunft mittelfristig sichern. „Beruhigt hat sich die Lage dadurch aber nicht.“

Der Gewerkschafter spricht von einer „Salamitaktik“, die Verunsicherung schaffe. Denn der Stellenabbau ist längst nicht der erste, der den Bremer Standort trifft. Bereits Anfang des Jahres sei eine Personalreduzierung ausgehandelt worden: Rund 230 Arbeitsplätze wurden in Bremen-Nord gestrichen. Die meisten Mitarbeiter sind bereits weg, die letzten werden Ende des Jahres gehen. Guido Heinrich, Betriebsratschef im Nordbremer Werk, geht nun davon aus, dass sich der neue Stellenabbau nahtlos an den alten anschließen wird.

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Die Streichungen sollen sozialverträglich gelingen. Personalvorstand Oliver Burkhard machte am Donnerstag aber noch einmal deutlich, dass der Konzern damit noch nicht aus der Krise sei. Die Zahl der Stellen, die wegfallen müssten, seien „eine Momentaufnahme aus heutiger Perspektive“. Wie es weitergehe, hänge vom weiteren Geschäftsverlauf und der Entwicklung der Pandemie ab. „Neue, langfristige Beschäftigungsgarantien können wir aktuell nicht geben.“ Betriebsbedingte Kündigungen seien nicht ausgeschlossen, sollen aber das letzte Mittel sein.

Von entscheidender Bedeutung für den Traditionskonzern aus dem Ruhrgebiet ist eine Lösung seiner Probleme beim Stahl. „Wir wollen im März im Prinzip die Zukunftslösung für den Stahl haben“, sagt Vorstandschefin Merz. Dann solle entschieden sein: „Wir machen es selbst, oder wir gehen zusammen.“ Thyssen-Krupp lotet Kooperationen mit anderen Stahlherstellern in Europa aus, prüft aber auch ein Übernahmeangebot des britischen Konzerns Liberty Steel für seine Stahlsparte. Selbst als Käuferin will Merz aber nicht auftreten. Eine Übernahme biete sich in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verfassung von Thyssen-Krupp nicht an. Deshalb sei diese Option nicht geprüft worden.

Forderung der IG Metall

Für eine Sanierung des Stahlgeschäfts im Alleingang benötige Thyssen-Krupp aber finanzielle Hilfe, machte Merz deutlich. Mit der Bundesregierung sei man in Gesprächen über Geld aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds. Wenn Thyssen-Krupp beim Stahl alleine weitermache, wäre es „eine große Hilfe, wenn wir Mittel daraus bekommen könnten“, betont die Konzernchefin. Der IG Metall reicht das nicht, sie fordert einen Einstieg des Staates bei der Stahlsparte von Thyssen-Krupp.

Großaktionär Cevian reicht das Tempo beim Umbau des Konzerns nicht aus. „Die Aufzugssparte wurde verkauft, um die Sanierung der anderen Geschäfte zu finanzieren. Bisher ist noch nicht genug passiert“, ­kritisierte Cevian-Partnerin Friederike Helfer, die auch Mitglied des Aufsichtsrats von Thyssen-­Krupp ist. Der Konzern verliere weiter Milliarden. Cevian ist mit 18 Prozent nach der Krupp-Stiftung der zweitgrößte Anteilseigner von Thyssen-Krupp.

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