Thyssen-Krupp in Farge

Neuer Stellenabbau bei Thyssen-Krupp

Thyssen-Krupp will nach dem Jahreswechsel noch einmal Stellen abbauen. Rund 800 Arbeitsplätze sollen gestrichen werden, davon 500 in Deutschland. Wie stark Farge betroffen sein wird, wurde noch nicht gesagt.
30.09.2020, 06:32
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Neuer Stellenabbau bei Thyssen-Krupp
Von Christian Weth
Neuer Stellenabbau bei Thyssen-Krupp

Kampagne gegen den Verkauf des Standorts: Im Sommer informierte die IG Metall bei einer Versammlung am Werkstor.




Christian Kosak

Blumenthal. IG Metall und Betriebsrat haben es seit Tagen befürchtet, jetzt ist offiziell: Die Konzernspitze hat beschlossen, dass es an allen Standorten von Thyssen-Krupp System Engineering zu einem weiteren Firmenumbau kommt – und zu einem erneuten Stellenabbau. Rund 800 Arbeitsplätze sollen gestrichen werden, davon 500 in Deutschland. Ob im Farger Werk 50, 100 oder 150 Jobs wegfallen, lässt die Essener Geschäftsführung offen. Zahlen zu den jeweiligen Standorten nennt sie bisher nicht.

Die Entscheidung der Unternehmensleitung ist allen 3500 Beschäftigen der Engineering-Gruppe am Dienstag mitgeteilt worden. In Farge kamen am Morgen rund 100 Frauen und Männer in einer Produktionshalle zusammen, um zu hören, was der Konzern vorhat. Weitere 350 Mitarbeiter waren per Videokonferenz zugeschaltet, als die Geschäftsführung die Pläne vorstellte. Betriebsratschef Guido Heinrich sagt, dass die Stimmung im Werk seit Monaten schlecht ist – und dass sie jetzt noch einmal schlechter geworden ist.

Ihm zufolge sind viele Beschäftigte enttäuscht darüber, dass nicht ausgereicht hat, was bisher unternommen und von ihnen geleistet wurde, um den Standort zukunftssicher zu machen. Und dass es einen neuen Firmenumbau geben soll, obwohl der alte noch nicht abgeschlossen ist. Erst im Vorjahr hat der Konzern mit der IG Metall und dem Betriebsrat über Wochen einen sogenannten Zukunftsplan für alle sechs Standorte von Thyssen-Krupp System Engineering in Deutschland ausgehandelt.

Zum Plan für Farge gehörte nicht nur, dass im Werk künftig Montageanlagen für Elektroantriebe statt Verbrennungsmotoren entwickelt werden, sondern auch, dass die Zahl der Stellen kleiner wird. Allein im Nordbremer Unternehmen ging es um 230 Arbeitsplätze. Laut Betriebsratsvorsitzenden Heinrich gab es damals noch 880 Werksmitarbeiter, zum Jahresende werden es nach seiner Rechnung etwa 650 sein. Er geht davon aus, dass sich der neue Stellenbau nahtlos an den alten anschließen wird.

Die Engineering-Standorte von Thyssen-Krupp, meint Heinrich, sollen schlanker werden, damit der Konzern im nächsten Jahr vorantreiben kann, was er Anfang dieses Jahres angekündigt hat: entweder nach einem Partner für die Unternehmen zu suchen oder nach einem Käufer, der sie komplett übernimmt. Davon ist in der zweiseitigen Mitteilung der Essener Geschäftsführung von Dienstag keine Rede, aber davon, die Werke und ihre Aufgabengebiete noch einmal zu unterteilen.

Die Konzernleitung will aus dem Geschäftsbereich von Thyssen-Krupp System Engineering zwei eigenständige Unternehmen machen – eine Firma für den Antriebs- und eine für den Karosseriebau. Während es an den Standorten Heilbronn, Lockweiler und Burghaun künftig nur noch um Produktionsstraßen für die Aufbauten von Fahrzeugen gehen soll, wird sich an den drei übrigen in Hohenstein-Ernstthal, Langenhagen und Farge alles um Montageanlagen für die Technik drehen, die diese Fahrzeuge in Bewegung setzt.

Was Betriebsratsvorsitzender Heinrich als Vorkehrungen für einen Verkauf der Unternehmen deutet, nennt Konrad Böcker eine Portfoliostrategie. Der Sprecher von Thyssen-Krupp sagt, dass der Konzern den Plan, den Geschäftsbereich zu splitten, bereits im Mai angekündigt hat. Und dass der Grund für den erneuten Firmenumbau ein Einbruch bei Auftragseingang und Umsatz ist, der durch die Corona-Krise verschärft wurde. Laut Böcker wird Thyssen-Krupp mit der Teilung des Anlagenbaus zum 1. Oktober starten.

Nach Ansicht von Betriebsrat Heinrich hat der Konzern im Prinzip schon in diesem Monat damit begonnen. Er sagt, am Dienstagnachmittag darüber informiert worden zu sein, dass der Haustarif, der die Einstellungen und die Übernahme von Auszubildenden regelt, gekündigt wurde – ohne mit der Gewerkschaft oder dem Betriebsrat vorher darüber zu sprechen. Dabei, meint Heinrich, hatte es dazu Gelegenheit genug gegeben. In der Vorwoche war er für mehrere Tage zu Gesprächen bei der Geschäftsführung in Essen.

In dieser Woche will er nun mit anderen reden. Die Betriebsräte der Engineering-Standorte haben sich zu einer Konferenz verabredet. Sie wollen die Zahlen bekommen, die der Konzern bisher nicht mitgeteilt hat. Nach Ansicht von Heinrich kann es nicht angehen, dass ein Unternehmen sagt, dass Jobs abgebaut werden, aber nicht wie viele an welchen Standorten. Er rechnet damit, dass es bei der Telefonschalte auch darum gehen wird, wie die Unternehmen auf ihre Probleme aufmerksam machen können.

Heinrich spricht von Aktionen am Werkstor und von Treffen mit Politikern wie im Sommer. Er hofft, dass die Parteien wieder Briefe an den Konzern schreiben – und dass ihre Post diesmal tatsächlich hilft, zumindest den Stellenabbau doch noch abzuwenden.

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