Bremer Wollkämmerei Tradition mit Einsturzgefahr

Die Bremer Wollkämmerei war ein Weltunternehmen – heute droht den Gebäuden auf dem Gelände des früheren Unternehmens der Verfall. Nun kommt langsam neues Leben auf das Areal.
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Tradition mit Einsturzgefahr
Von Felix Wendler

Wer heute über das weitläufige Gelände der ehemaligen Bremer Wollkämmerei (BWK) in Blumenthal spaziert, ohne dessen Geschichte zu kennen, sieht an vielen Stellen vor allem den Verfall. Ein Glaser hätte seine wahre Freude – unbeschädigt ist hier kaum ein Fenster. Überall stehen Bauzäune, Schilder warnen vor unbefugtem Betreten, vor herabfallenden Teilen, vor Einsturzgefahr. Die roten Backsteinmauern hingegen machen von außen einen guten Eindruck. Von der Sonne angestrahlt, wirken sie fast orange. Sie lassen zumindest erahnen, dass hier bis vor zehn Jahren eines der bedeutendsten Unternehmen der Bremer Geschichte seinen Sitz hatte.

Als die BWK am 27. Februar 2009 die Verarbeitung von Rohwolle einstellte, endete eine 125-jährige Ära. Das 1883 gegründete Unternehmen aus dem Bremer Norden hatte sich Mitte des 20. Jahrhunderts zum weltweit größten seiner Branche entwickelt. Ein sogenannter Global Player, lange bevor dieser Name existierte. Die BWK hat nicht nur vielen Menschen Arbeit geboten, sondern aus dem ehemaligen Fischer- und Bauerndorf Blumenthal einen Industriestandort gemacht. Für das Ortsbild und für die Identität des Stadtteils sei die BWK prägend gewesen, heißt es in einem Audio-Guide, den der Förderverein Kämmereimuseum am Eingang des Geländes anbietet. Die BWK war demnach am Bau von Schulen, Kirchen und dem Kreiskrankenhaus beteiligt. Auch für die erste Straßenbeleuchtung im Stadtteil habe die Firma 1895 gesorgt.

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Das Gelände in Blumenthal hatten die sieben Gründungsmitglieder der BWK gewählt, weil es gut an das Schienennetz und an die Weser angebunden war. Zudem gehörte Blumenthal zu dieser Zeit der preußischen Provinz Hannover an und war Mitglied im Deutschen Zollverein, wovon sich Gründer und Direktor Paul Zschörner wirtschaftliche Vorteile versprach. Auch eine eigene Wasserversorgung durch Tiefbrunnen bot der Standort. Letzteres war besonders bedeutsam, denn Wasser benötigte das Unternehmen in großer Menge. Zu Hochzeiten musste hier täglich die Wolle von 60.000 Schafen verarbeitet werden.

Das Rohprodukt kam mit dem Schiff am Weserhafen an und wurde anschließend per Drahtseilbahn – ab den 1930er-Jahren mit Elektrokarren – in das Sortiergebäude transportiert. Hier sortierten die Arbeiter die Ware nach Feinheit und Beschaffenheit. Anschließend wuschen sie die Wolle mehrfach, um das Fett herauszulösen. Das, was im Namen der BWK steckt, erfolgte erst danach. Beim Kämmen wurden pflanzliche Verunreinigungen wie Gras oder Kletten aus der Wolle entfernt. Im letzten Schritt bündelten Maschinen die gekämmte Wolle zu einem bandförmigen Strang aus langen, glatten Fasern – dem sogenannten Kammzug. Diesen kauften dann Spinnereien auf der ganzen Welt zur Weiterverarbeitung.

Wollhandel blühte in den Nachkriegsjahren auf

Während des Zweiten Weltkrieges beschäftigte die BWK mehr als 1000 Zwangsarbeiter, deren Unterkünfte teilweise noch heute existieren. In den Nachkriegsjahren blühte der Wollhandel auf. Zur Hochzeit der späten 1950er-Jahre arbeiteten fast 5000 Menschen für das Unternehmen. Ab Beginn der 1980er-Jahre ging die Nachfrage dann jedoch zurück und hunderte Arbeitsplätze brachen weg; einige Jahre später kamen erstmals Gerüchte über eine drohende Schließung des Bremer Werkes auf. Mit Investorenhilfe rettete sich das Unternehmen bis ins 21. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt konnten Werke in anderen Ländern bereits deutlich günstiger arbeiten. 2007 verlor die BWK ihre Börsennotierung, 2008 verkündete der Investor, die Wollkämmerei im darauffolgenden Jahr zu schließen.

Die BWK hatte nicht nur in der Wollproduktion viele Jahre lang ein Alleinstellungsmerkmal, sondern konnte auf dem Areal in Blumenthal auch eine botanische Besonderheit vorweisen. Laut Förderverein Kämmereimuseum wuchsen auf dem Gelände mehr als 200 verschiedene Pflanzenarten, die es sonst nirgendwo in Europa gab. Der Grund dafür: Im Wollabfall befanden sich viele exotische Pflanzensamen aus den Herkunftsländern. Dieser Abfall wurde nicht entsorgt, sondern auf einer vom Fachbereich Vegetationsökologie der Universität Bremen betreuten Weide verteilt.

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Von einer solchen Vegetation ist auf dem 500.000 Quadratmeter großem Gelände heute nichts mehr zu sehen. Stattdessen wachsen gewöhnliche Büsche und Sträucher aus Teilen der Gebäude. In den vergangenen Jahren sei das Areal verwahrlost, sagt Detlef Gorn, Vorsitzender des Fördervereins Kämmereimuseum. „Bremen besitzt kein Geld, um hier zu investieren.“ 2011 hat Gorn mit einigen Mitstreitern den Verein gegründet, um dem Werk ein Denkmal zu setzen. Den langjährigen Traum von einem Museum auf dem Gelände der ehemaligen BWK wird er sich wahrscheinlich nicht mehr erfüllen können. Im kommenden Jahr feiert Gorn seinen 70. Geburtstag und möchte dann als Vorsitzender zurücktreten. Nachfolger gebe es wahrscheinlich keine, sagt er. Der Verein werde sich wohl auflösen.

Aktuell widmet sich Gorn jedoch noch seinem Herzensprojekt. Kürzlich hat er einen Bildvortrag über wenig bekannte Aspekte der BWK-Geschichte gehalten. „Viele Leute waren überrascht, dass Teile des ARD-Films über das Gladbecker Geiseldrama in den Räumen der ehemaligen BWK gedreht wurden“, sagt Gorn. Dort habe ein Filmteam das Gladbecker Kommissariat originalgetreu nachgebaut. Auch für den Erhalt der Gebäude setzt sich der 69-Jährige ein. Aktuell sieht der Förderverein vor allem den sogenannten Hochbau bedroht. Während die meisten anderen Gebäude – zum Beispiel das Sortiergebäude und der Wasserturm – unter Denkmalschutz stehen, könnte der Hochbau mit seiner historischen Klinkerfassade schon bald abgerissen werden. Grund dafür sind konkrete Pläne, auf dem ehemaligen Gelände der BWK einen Berufsschulcampus zu errichten.

Eines der letzten Wollhandelsfirmen in Deutschland

Allen neuen Plänen zum Trotz, spielt Wolle auf dem Gelände auch heute noch eine Rolle. Wo früher die technische Verwaltung der BWK ihren Sitz hatte, ist nun das Bremer Wollhandelskontor beheimatet. Die Geschäftsführer Eckhard Lübsen und Jens Berhmann waren knapp 20 Jahre bei der Wollkämmerei beschäftigt. Heute sind sie mit ihrem Unternehmen eine der letzten Wollhandelsfirmen in Deutschland – die Umsätze des ehemaligen Weltunternehmens BWK erreichen sie bei Weitem nicht.

Als Ortsansässiger hat Lübsen die Entwicklung des Geländes verfolgt. „In den letzten Jahren ist hier schon einiges passiert“, sagt er. Auf dem Areal haben sich unter anderem eine Lackiererei, eine Oldtimer-Werkstatt und eine Firma für Bootszubehör angesiedelt. Für die Vermarktung der Gebäude ist die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) zuständig, die das Ensemble 2011 erworben hat. Bestimmt 200 Arbeitsplätze wurden seitdem geschaffen, schätzt Lübsen. „Aber in den alten Gebäuden passiert nichts. Da wachsen Bäume aus den Dächern und irgendwann fallen die Dinger von alleine zusammen.“ Es lohne sich nicht, hier zu investieren, findet er. „Die kann man auch abreißen“. Andererseits gebe es auf dem Gelände ohnehin noch mehr als genug Platz für Neubauten.

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Zumindest temporär hat mittlerweile die Bremer Kultur das weitläufige Gelände für sich entdeckt. 2018 veranstalteten Organisatoren auf dem Areal das 13-Grad-Festival. Für das kommende Jahr ist hier ein Metal-Festival geplant. An diesem einst so lebendigen und heute so stillen Ort soll es dann richtig laut werden.

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