Würdigung eines Blumenthaler Ehepaars Ungewöhnlich engagiert

Dorothea und Karl-Heinz Schweingruber haben viel in Blumenthal bewegt. Jetzt ist ein Weg nach ihnen benannt worden – und auf diese Weise erinnern sich Menschen an das Ehepaar.
17.02.2019, 14:19
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Von Volker Kölling

In Blumenthal gibt es jetzt einen Schweingruber-Weg. Bürger haben diesen Namen vorgeschlagen. Karl-Heinz Schweingruber hatte sich vom Vulkanarbeiter zum Gewerkschaftssekretär, Lehrer und schließlich zum Oberschulrat hochgearbeitet. Seine Verdienste um soziale Belange in Blumenthal wiegen dabei ähnlich schwer wie die seiner Frau Dorothea, die alle kurz Thea nannten. Sie hat sich als Awo- und SPD-Funktionärin sowie stellvertretende Ortsamtsleiterin unter Carl Lüneburg einen Namen gemacht hat. Die Würdigung gilt nach Ansicht der Bürger einem ungewöhnlich engagierten Ehepaar.

Manfred Haneberg ist von 1957 bis 1971 an der Schule am Pürschweg Lehrer gewesen. Er berichtet: „Schon als Junglehrer erlebte ich Karl-Heinz Schweingruber als eine herausragende Persönlichkeit. Er war für mich der ideale Lehrer.“ Schweingruber habe sich als erfahrener Lehrer mit den Anfängern geduzt und ihnen vom ersten Tag an zur Seite gestanden, erinnert sich Haneberg. Bei den Schülern war Schweingruber ähnlich beliebt. Haneberg: „Einen seiner Hegewegschüler hat er sogar bei sich zu Hause aufgenommen. In den Pausen sah man ihn stets von Schülern umringt.“ Die beruflichen Wege von Haneberg und Schweingruber trennten sich 1965, als Schweingruber Schulaufsichtsbeamter für Bremen-Nord wurde.

Bilder aus dem Jahr 1969 zeigen ihn an der Seite des damaligen Bildungssenators Moritz Thape. Der soll große Stücke auf Schweingruber gehalten haben, erinnert sich auch Detlev Gorn, der seinerseits Karl-Heinz Schweingruber viel zu verdanken hatte: „Mein Vater und er kannten sich. Ich hatte ein Faible für Geschichte. Und Karl-Heinz Schweingruber brachte mich in seiner sehr ruhigen Art – fast vergleichbar mit der eines Pfarrers – dazu, in Museen zu gehen.“ Heute kämpft Detlev Gorn einen schon jahrelang dauernden Kampf für ein Kämmereimuseum in Blumenthal.

Privat noch viel wichtiger war aber der Rat des väterlichen Freundes für Gorn, dass in diesen Zeiten auch Arbeiterkinder studieren könnten. Das war in den 1960er-Jahren, erinnert sich Gorn: „Er war ja selbst über den zweiten Bildungsweg aufgestiegen und riet mir als Fernmeldelehrling zur Deutschen Post zu gehen und danach noch einmal die Schulbank für das Fachabi zu drücken.“ Das alles endete für Detlev Gorn mit dem Titel Diplomingenieur für Fernmeldetechnik. „Dafür bin ich Karl-Heinz Schweingruber bis heute dankbar.“

Detlev Gorn erinnert sich auch, dass junge Leute wie er damals bei den Schweingrubers ein und aus gingen. Das Paar wohnte in der Ostlandstraße in einem Doppelhaus. das Ehepaar blieb kinderlos, aber nicht wirklich. Gorn: „Anderen hat er noch ganz anders auf den Weg geholfen als mir.“ Aus Zeiten, als sich die beiden noch nicht duzten, erinnert sich Gorn an den feinen Humor des Mannes: „Ich hatte aus Versehen Herr Schweinegruber zu ihm gesagt und er sagte nur trocken: Mach es nicht noch schlimmer – ein Schwein reicht.“

Karl-Heinz Schweingruber fotografierte damals viel in Blumenthal. Mitunter war seine Frau Thea, 1927 in Bremen als Dorothea Westendorf geboren, zu sehen. Sie posierte im Grün vor den Neue-Heimat-Wohnblöcken ihrer Zeit, die damals den Traum vom modernen Wohnen verkörperten.

Die Bahrsplate mit dem utopischen Unterstand wird Motiv, genauso wie der Eingang zur George-Albrecht-Straße. Die Fotos hat Thea Schweingruber kurz vor ihrem Tod 2014 im Alter von 88 Jahren dem Archiv des Doku Blumenthal gespendet, in dem sie jahrelang ehrenamtlich arbeitete. Auch für das Dokumentationszentrum hatte das Paar jahrelang gekämpft.

Dorothea Schweingrubers Lebensgeschichte ist Teil des Bremer Frauenmuseums. In einem Artikel der Ausstellung heißt es, dass sich das Paar direkt nach dem Krieg bei den „Roten Falken“ kennenlernte. Gemeinsam traten beide in die SPD ein. Sie wird als gelernte Stenotypistin wie er zum Gewerkschaftssekretär, bekommt aber noch Fortbildungen in Sachen Ökonomie und Arbeitsrecht.

Die Ausbildung hilft ihr später im Amt für Wohnung und Städtebauförderung, wo sie mit der kommunalen Wohnungsvermittlung betraut wird. Aus dem DGB-Kreisfrauenausschuss macht sie den männlichen Kollegen Dampf für die Angleichung von Männer- und Frauenarbeit, auch bei der Bezahlung. In der Museums-Würdigung heißt es: „Sie war nach Aussage derer, die sie gut kannten, ein hochpolitischer Mensch, hatte den Überblick über politische Zusammenhänge, diskutierte leidenschaftlich und galt deshalb für viele Jüngere in ihrem SPD-Ortsverein Lüssum-Bockhorn, heute Blumenthal, als Vorbild.“ Die Awo-Aktivistin der ersten Stunde bekleidet dort zahlreiche Ämter. Außerdem ist sie im SPD-Unterbezirksvorstand, drei Wahlperioden lang auch ehrenamtlich im Beirat Blumenthal und 1982 bis 1986 stellvertretende Ortsamtsleiterin.

Sie engagiert sich für den Erhalt des Freibades Blumenthal, schwimmt mit 70 noch täglich ihre Bahnen. Die Verödung des Blumenthaler Ortskerns regt sie auf. Die Kommunalpolitik der Genossen bringt das Ehepaar nach 58-jähriger Mitgliedschaft in der SPD dazu, aus Protest auf alle Mitgliedsrechte zu verzichten. Von ihnen wird im Frauenmuseum berichtet, sie hätten bis zu seinem Tod in großer emotionaler und politisch-weltanschaulicher Harmonie gelebt.

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