Blumenthal Verein trainiert Schulverweigerer

Blumenthal. 58 Schulschwänzer aus Bremen-Nord hat die Bildungsbehörde im ersten Schulhalbjahr registriert. Timo S.* ist einer von ihnen. Seit anderthalb Jahren ist er nicht mehr in der Schule gewesen. Jetzt bekommt er Hilfe.
11.06.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Verein trainiert Schulverweigerer
Von Patricia Brandt

Blumenthal. 58 Schulschwänzer aus Bremen-Nord hat die Bremer Bildungsbehörde für das erste Schulhalbjahr registriert. Fast so viele wie im ganzen Schuljahr davor. Timo S.* ist einer von ihnen. Seit anderthalb Jahren ist er nicht mehr in der Schule gewesen. Jetzt trainiert er beim Verein Bremer Integrationshilfen (Brigg), früh aufzustehen und zum Unterricht zu gehen.

Immer mehr Bremer Schüler machen blau. 648 Kinder sind dem Unterricht im Schuljahr 2011/2012 mehr als dreimal im Monat unentschuldigt ferngeblieben. Aus Bremen-Nord waren der Behörde 82 Schulschwänzer gemeldet worden, für das laufende Schuljahr sind es bereits fast 60. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft beobachtet das stadtweite Phänomen bereits seit Jahresbeginn mit zunehmender Sorge. Die Bildungsbehörde prüfe nun, ob Schulverweigerer künftig noch früher erfasst werden sollen als bisher, sagt Ressortsprecherin Christina Selzer. Der Grund: Die Behörde will vorbeugend eingreifen.

Über die Stadt verteilt gibt es Christina Selzer zufolge diverse Schulmeiderprojekte. Eins davon läuft in Bremen-Nord, genauer in Lüssum. Seit 2002 kümmern sich Sozialpädagogen der Brigg mit Lehrern der Bildungsbehörde um Heranwachsende, die sich vor der Schule drücken. Allerdings: Den fidelen Schulschwänzer, der sich freut, der Schule fern bleiben zu können, gibt es im wirklichen Leben nicht. Das sagt Christoph Knievel, Familientherapeut und Leiter der Brigg. "Diese Jugendlichen sind ängstlich und meiden deshalb die Schule."

Timo S. ist so einer. Es war nicht der Schulstoff, mit dem er Probleme hatte. "Ich bin wegen meines Gewichts gemobbt worden", sagt der 14-Jährige aus Blumenthal. Sogar mit einem Besenstil seien Mitschüler damals auf ihn losgegangen. Die Täter seien aber nie bestraft worden. Ihm habe der Lehrer geraten, über die verletzenden Kommentare hinweg zu hören.

Timo tauchte stattdessen ab. Für anderthalb Jahre. Das heißt, er war nicht wirklich fort. "Ich bin Zuhause geblieben, habe geschlafen und mich irgendwie selbst beschäftigt", sagt Timo. Es habe niemand nach ihm gefragt. Nur einmal habe es eine Schulkonferenz gegeben. Seine Mutter habe ihn aber vor weiteren Angriffen schützen wollen. Deshalb blieb Timo, wo er war.

Erst als die Behörden der Mutter mit einer Geldstrafe drohten, wurde nach einer Lösung gesucht. "Es ist krass, wenn man sich vorstellt, dass Kinder so durch die Maschen fallen", sagt Brigg-Leiter Knievel. Er hat sich oft gefragt, wie es passieren kann, dass Schüler so lange fehlen. Meist lägen familiäre Probleme vor. "Die Jugendlichen sind sich selbst überlassen. Das ist nicht bös’ gemeint von den Eltern. Sie sind selbst belastet." Manchmal lägen die Schwierigkeiten aber auch bei den Lehrern und Mitschülern.

Larissa R.* zum Beispiel hatte Stress mit ihrem Lehrer. Es kam zu Rauswürfen aus dem Unterricht wegen vergessener Schulbücher. "Wenn ich morgens reinkam, hat er mich gleich gefragt: Na, was bietest Du uns heute?" Larissa ist nicht von heute auf morgen zur Schulverweigerin geworden. Es war eher ein schleichender Prozess: "Ich bin manchmal erst um 9.30 Uhr gekommen und nach der Pause wieder gegangen", erzählt die die Neuntklässlerin. Erst, als sich der Streit zuspitzte, entzog sie sich komplett der Schule. Sie blieb sechs Monate zu Hause.

Lernen, sagt Brigg-Lehrer Marcus Weber, läuft in der Regel über Beziehung. "Wenn die nicht klappt, ist halt Ende." Die Brigg ist die letzte Instanz für Schulverweigerer, die weder durch Interventionen von schulischer Seite noch durch andere Angebote in die Schule integriert werden konnten. Die Brigg bietet bis zu zehn Schulverweigerern im Alter von zwölf bis 16 Jahren für maximal ein Jahr einen geschützten Rahmen.

Von 8.30 bis 15 Uhr dauert der Schultag in den Räumen am Bockhorner Weg. Auf dem Stundenplan stehen Deutsch, Mathe und Englisch. Einmal die Woche kommen Sport oder Hauswirtschaft dazu. An diesem Vormittag versuchen fünf junge Leute einen Text aus dem Englischen zu übersetzen, in dem es um das Telefonierverhalten der Amerikaner geht. Brigg-Pädagoge Weber legt Wert auf einen "Lebensweltbezug": "Vieler dieser Schüler haben Schule als lebensfremd erfahren," weiß er.

Die Brigg will die Schulverweigerer wieder zu Schülern machen. Ob das langfristig klappt, kann auch bei der Brigg niemand sagen. Timos Neustart an einer Regelschule ist für die Zeit nach den Sommerferien geplant. An seine alte Schule will er allerdings nicht zurück. Brigg-Sozialarbeiterin Susan Hoffmeyer hilft bei der Ummeldung und will Timo bis dahin noch für ein Adipositas-Projekt begeistern. "Damit die Kinder gar nicht erst einen Grund finden, ihn zu mobben", begründet sie. Denn das ist auch nach einem Schuljahr bei der Brigg noch seine größte Angst: "Dass ich wieder gemobbt werde."

*Namen geändert

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