Thyssen-Krupp in Blumenthal

Betriebsrat schließt Verkauf nicht aus

Dass Thyssen-Krupp verkauft werden soll, wird seit Längerem diskutiert. Jetzt gab es eine erste Aktion der Gewerkschaft, zu der nicht nur Beschäftigte sondern auch Politiker gekommen sind.
26.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Betriebsrat schließt Verkauf nicht aus
Von Christian Weth
Betriebsrat schließt Verkauf nicht aus

Beschäftigte vor der IG-Metall-Bühne: Rund 100 Frauen und Männer hörten sich an, was Betriebsrat, Gewerkschaft und Politik zu sagen hatten.

Christian Kosak

Rote T-Shirts sind an diesem Morgen häufig zu sehen. Viele, die auf dem Parkplatz von Thyssen-Krupp stehen, tragen sie. Auch Guido Heinrich hat eins an. Das Rot ist die Farbe der IG Metall und Heinrich der Betriebsratschef. Eigentlich wollte er die Belegschaft auf einer herkömmlichen Mitarbeiterversammlung informieren. Doch weil nach der Ankündigung des Konzerns, das Unternehmen zu verkaufen, nichts mehr normal ist am Farger Standort, ist aus dem Treffen der Beschäftigten mehr geworden – eine Veranstaltung der Gewerkschaft und der Politik.

Betriebsratschef Guido Heinrich bei einer Gewerkschaftsaktion: Im Sommer hatte er die Beschäftigten über einen möglichen Verkauf des Farger Werks informiert.

Guido Heinrich am Mikro: Der Betriebsratschef will sich einem Verkauf nicht verschließen, wenn dadurch der Standort gesichert wird.

Foto: Fotos: Kosak

Am Tag zuvor war Heinrich noch in der Zentrale in Essen, um bei den Gesprächen der IG Metall mit der Konzernführung dabei zu sein, jetzt spricht er von einer provisorischen Bühne aus Holzpaletten herab, vor der rund 100 Frauen und Männer stehen. Der Betriebsratsvorsitzende sagt, was ihm die Chefs aus der Zentrale gesagt haben: dass eine Schließung des Standorts aktuell keine Option für sie ist. Doch nach Heinrichs Worten bedeutet das wenig, schon gar nicht Entwarnung. Was, fragt er, passiert denn, wenn kein Käufer oder Partner für den Standort gefunden wird? Der Arbeitnehmervertreter schaut die Menge an, die Menge schaut ihn an und schweigt.

Vorwurf des Wortbruchs

Auch Michael Gerdes kennt die Antwort nicht. Der Gewerkschaftssekretär der IG Metall weiß bloß, dass er wütend ist. Und dass es seiner Ansicht nach nur ein Wort dafür gibt, was die Konzernleitung begangen hat – Wortbruch. Gerdes sagt, was die Frauen und Männer, die vor der Bühne stehen, bereits wissen: Dass die Essener Zentrale mit ihnen einen Zukunftsplan für den Standort entwickelt hat. Dass sie die Autobauer jetzt mit Montageanlagen für Elektroantriebe statt für Verbrennungsmotoren beliefern sollen. Und dass dieser Zukunftsplan, der 230 Stellen gekostet hat, nun offensichtlich keine Rolle mehr spielt, wenn das Unternehmen nun verkauft werden soll.

Betriebsratschef Heinrich sagt, dass die ersten Kollegen im Zuge der sogenannten Restrukturierung des Farger Unternehmens längst gegangen sind und dass die nächsten Anfang August gehen werden. Er spricht von weiteren 45 Frauen und Männern, die dann nicht mehr da sein werden. Ihm zufolge soll der vereinbarte Abbau von Arbeitsplätzen, der den Standort sicherer machen sollte, bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Für ihn hat Thyssen-Krupp System Engineering in der Hoffnung, dass es mit dem Unternehmen weitergeht, einen hohen Preis gezahlt. Im März war der Betriebsratschef noch auf 788 Beschäftigte am Farger Standort gekommen.

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Heinrich will nicht, dass weitere Stellen gestrichen werden. Deshalb sagt er den Beschäftigten an diesem Morgen auf dem Parkplatz, was er den Konzernvertretern bei den Gesprächen am Tag zuvor auch gesagt hat: Er ist nicht zwangsläufig für einen Verbleib des Unternehmen im Thyssen-Krupp-Portfolio. Wenn der Standort dadurch gesichert und die übrigen Arbeitsplätze gerettet werden können, will er sich einem Verkauf nicht verschließen. Nach seinen Worten ist die Farger Geschäftsführung inzwischen dabei, ein Abspalten der Firma von den übrigen Geschäftsbereichen des Konzerns vorzubereiten.

Heinrich bekommt nicht nur Beifall von der Belegschaft. Auch Beiratspolitiker und Bürgerschaftsabgeordnete applaudieren. Die CDU ist da, die SPD und Blumenthals neuer Ortsamtsleiter. Oliver Fröhlich sagt, dass er sich ein Bild von der Situation bei Thyssen-Krupp System Engineering machen will. Andere haben das schon getan. Volker Stahmann zum Beispiel. Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion kennt das Unternehmen und seine Probleme. Er ist der dritte Redner auf der Parkplatzbühne. Stahmann kündigt eine parteiübergreifende Solidarität mit den Beschäftigten und dem Standort an.

Entscheider sollen die Menschen nicht vergessen

Später wird er noch mehr machen: mit anderen aus seiner Fraktion einen Brief an die Konzernleitung formulieren. Auch mit Ute Reimers-Bruns. Die Bürgerschaftsabgeordnete und Nordbremer SPD-Chefin ist mit Fraktionschef Mustafa Güngör zur Gewerkschaftsaktion auf dem Firmengelände gekommen. Reimers-Bruns sagt, dass die Zentrale in Essen merken muss, es in diesem Fall nicht allein mit Beschäftigten zu tun zu haben, sondern auch mit der Politik. Und dass die Entscheider des Konzerns an ihre Verantwortung, die sie für den Standort und die Menschen übernommen haben, erinnert werden müssen.

Das macht auch der Blumenthaler Beirat. In einem gemeinsamen Antrag verweisen die Fraktionen auf den ausgehandelten Tarifvertrag. Bricht der Konzern ihn, soll Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) mit der Essener Führung nicht nur über die Bedeutung des Standorts sprechen, sondern auch mit der Belegschaft über Perspektiven für den Erhalt der Arbeitsplätze. Die Stadtteilpolitiker wollen außerdem, dass Bremen die Rahmenbedingungen für einen Käufer beziehungsweise Unternehmenspartner erleichtert, damit am Ende alles gut wird – und der Standort nicht geschlossen wird, weil ein Kauf oder eine Partnerschaft gescheitert sind.

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