Rundgang Viel Raum und Ruhe

Am nördlichsten Zipfel Bremens gibt es viel wildes Grün, weite Flure und interessante Architektur. Immer wieder wird es während des Rundgangs ganz still.
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Von Annika Mumme

Am nördlichsten Zipfel Bremens gibt es viel wildes Grün, weite Flure und interessante Architektur. Immer wieder wird es während des Rundgangs ganz still.

Erste Etappe

Der Rundgang startet am Marktplatz im alten Ortskern Blumenthals. Von hier aus geht es vorbei am Hotel Union – hier werden Pläne geschmiedet, Feste gefeiert – und rüber zum sogenannten Müllerloch: Das Blumenthal-Center liegt hier, Neubau und Einkaufswelt. Nicht hübsch, nicht hässlich. Es handelt sich eben um Ladenzeilen. Den Kaffee zur Stärkung in der Hand und ein Stück weiterspaziert öffnet sich dem Blick die Weite: die Bahrsplate. Und plötzlich ist der Verkehr der Hauptstraße ganz fern und es wird still. Weit und breit niemand in Sicht. Es nieselt.

Zweite Etappe

Vor allem im Sommer gibt es Diskussionen um die Nutzung der Bahrsplate, wo zur Zeit des Nationalsozialismus ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme war. Auf einer Gedenkplatte steht: „Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg“, damit mahnen Opfer und Widerstandskämpfer, heißt es auf der Platte. Freiluftparties – hier? Nicht an einem Ort mit diesem geschichtlichen Hintergrund, sagen die einen. Dennoch soll es ein Ort der Zusammenkunft sein...

Wir passieren einen Spielplatz. Auf der Bahrsplate finden die Besucher Körbe, die auf der weiten Fläche hie und da verteilt sind. Discgolf heißt der Sport, der damit gespielt werden kann. Dabei müssen Frisbeescheiben in die Körbe geworfen werden. Gleich gegenüber ist ein kleiner Sportplatz. Das Fußballfeld mit dem SV Werder Bremen Emblem wurde an dieser Stelle unter anderem vom Förderverein Bürgerstiftung Blumenthal ermöglicht. Blumenthaler berichteten im Vorfeld von viel Müll auf der Bahrsplate, doch der Park wirkt nahezu rausgeputzt und zahlreiche Bänke, viele mit Blick auf den Fluss, laden zum Ausruhen ein. Es geht vorbei an der Gedenkstätte „Rosen für die Opfer“ und dem „Stein der Hoffnung“ weiter in Richtung Fähre.

Dritte Etappe

An der Rönnebecker Straße steigen wir in den Bus. Nicht fern von hier hat Blumenthal einen weiteren Park zu bieten: den Dillener Park. Zwischen den Wohnhäusern erhaschen wir einen Blick auf die Weser. Dahinter Industrie und etwas Grün. In Farge angelangt, wird deutlich, dass sich hier in den letzten Jahren viel getan hat. Wir kommen an zwei Discountern, einem Bahnhof, einem Getränke- und einem Drogeriemarkt vorbei; dörfliche Strukturen finden sich dennoch. Nicht weit entfernt stehen traditionelle Reetdachhäuser. Je mehr es ins Innere Rekums hineingeht, desto weniger Verkehr ist auf der Straße, die sich wie eine Schnur durch Blumenthal zieht. Rekumer Siel. Dann sehen wir ihn: der Denkort Bunker Valentin.

Vierte Etappe

Eine kleine Straße führt zu dem geschichtsträchtigen Ort. Vor dem Bunker selbst steht das Mahnmal „Vernichtung durch Arbeit“ von 1983, das an die Zwangsarbeit und an die Menschen, die darunter leiden mussten, erinnert. Unzählige Zwangsarbeiter, darunter Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, wurden zum Bau des U-Boot-Bunkers während des Zweiten Weltkrieges eingesetzt. Über 1100 Menschen starben. Auf der Hälfte des 1,5 Kilometer langen Rundgangs machen wir eine Pause. Nachdenken. Ein seltsames Gefühl stellt sich ein: Vor uns liegen die weiten Felder des Marschlandes, schön und frei. Doch im Rücken der Beton-Koloss mit seiner erdrückenden Geschichte in Höhe und Breite. Stille.

Fünfte Etappe

Zurück in den Bus. Aussteigen am Bahnhof Blumenthal, auch „Ständer“ genannt. Der Namen stammt von einer alten Gaststätte, die es längst nicht mehr gibt. Ein kleiner Fußmarsch zum Wätjens Park, schon wird eines der fürstlichen Tore sichtbar. Hier macht der Stadtteil seinem Namen alle Ehre: Ein kleines Tal der Blumen liegt gleich hinter dem Eingang. Nicht vor Frische strotzend, – der Sommer ist endgültig vorbei – dennoch hübsch anzuschauen. Auch hier eine architektonische Besonderheit: Mitten im Park, der 1830 entstand und von Christian Heinrich Wätjen fertiggestellt wurde, steht ein Schloss. Wenn man davorsteht, fühlt man sich fast ein bisschen wie ein Eindringling auf Privatgelände. Der Park hat aber noch mehr zu bieten. Er hat etwas Wildes, Unzähmbares. Auffallend: Auch hier keine Menschenseele. Wieder Stille. Eine beruhigende.

Sechste Etappe

Ein letzter Halt auf einem für Blumenthals Geschichte sehr wichtigen Gelände: Das BWK-Gelände. Die Bremer Wollkämmerei, 1883 gegründet, schloss 2009. Ähnlich wie im Wätjens Park, fühlt es sich verboten an, sich hier zu bewegen. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Eine Aktion soll dafür sorgen, dass die Geschichte dieses Ortes nicht in Vergessenheit gerät. Unter der Telefonnummer 089 210 833 421 102 kann man sich per Telefon-Guide über das Gelände führen lassen. Wir machen mit und sind von den herrschaftlichen Industriebauten aus Ziegelstein gleich noch mehr beeindruckt. Dann kommt der Regen. Schnell zurück zum „Ständer“ und in die Regio-S-Bahn, ein vorerst letzter Blick geht in Richtung des schönen „Tals der Blumen".

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