Comic über den U-Boot-Bunker Farge „Viele sehen nicht das Leid“

Der Bremer Jens Genehr hat einen 240 Seiten umfassenden Comic über das Schicksal der Zwangsarbeiter auf der ehemaligen Bunker-Baustelle in Farge gezeichnet. Im Interview spricht er über das Projekt.
21.10.2019, 17:58
Lesedauer: 5 Min
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Von Imke Molkewehrum

Herr Genehr, wann sind Sie zum ersten Mal beim Bunker Valentin in Farge gewesen, und was haben Sie damals empfunden?

Jens Genehr: Der Denkort war damals noch im Aufbau. Ich war sehr geplättet von den Dimensionen. Das war wie ein tiefes Becken, in das man eintaucht – mit vielen Geschichten von Menschen. Ich selbst habe mich immer mit antifaschistischer Arbeit auseinandergesetzt und wollte im Denkort Führungen machen. Aber weil ich das Thema für mich sortieren und bearbeiten musste, habe ich viel gezeichnet. Manchmal vor Ort und manchmal wie ein Kind, das den Tag Revue passieren lässt und verarbeiten muss.

Und wie sind Sie darauf gekommen, ihre Illustrationen in einem Comic zusammenzufassen?

Kollegen haben meine Zeichnungen gesehen und mich dazu ermutigt. Daraufhin kam mir die Idee, mich mit dem Comic als Hauptprojekt an der Hochschule für Künste und zu bewerben. Tatsächlich wurde ich in der Klasse von Katrin von Maltzahn aufgenommen.

Gab es Hindernisse während der Arbeit am Comic „Valentin“?

Schwierigkeiten gab es zuhauf. Ich hatte kaum Austausch. Der Zugang zur Geschichte war schwierig. Es gab ja nur die Tagebuchaufzeichnungen von Raymond Portefaix, der als Jugendlicher aus dem französischen Dorf Murat nach Bremen-Nord verschleppt wurde. Aber seine Eindrücke allein waren nicht ausreichend, weil sie eine einzelne Sicht auf den Bunker und das KZ wiedergaben. Das war seine eigene Geschichte. Die 8000 Zwangsarbeiter konnte Portefaix allein nicht abbilden. Ich musste also seine Vita in einen Kontext einbinden, um Fakten zu vermitteln und auch die Dimensionen des Bunkerbaus.

Wie haben Sie diese Aufgabe letztendlich bewerkstelligt?

Das war ein Ringen und Experimentieren. Nach zwei Jahren habe ich auch alles über den Haufen geworfen. Mir haben die Zeichnungen nicht mehr gefallen. Und die Pädagogik, die ich über eine erdachte Schülergruppe am Denkort eingeflochten habe, war ultra-langweilig. Das haben mir zum Glück auch Leute von Verlagen gesagt.

Und wie sah das neue Konzept aus?

Marcus Meyer und Christel Trouvé vom Denkort haben mir geholfen. Genutzt habe ich dann die Film- und Fotoaufnahmen von Johann Seubert, der für die Nationalsozialisten den Bau des U-Boot-Bunkers Valentin in Bremen-Farge dokumentiert hat. Er hat über 1000 Fotos gemacht. Dadurch hatte ich sehr genaue räumliche Vorstellungen von der Baustelle.

Inwieweit haben Sie Ihre Quellen, also die Tagebucheinträge Portefaix' und die Bilddokumente Seuberts, vermengt? Und inwieweit ist Fiktion im Spiel?

Ich habe Sie nicht vermengt, weil die Quellen zu unterschiedlich sind. Fiktion ist zwangsläufig dabei. Das ist so, wenn man mit Geschichte arbeitet. Geschichte ist, was wir uns erzählen. Wir konstruieren neue Zusammenhänge.

Ein Blick in die Gegenwart: Welches Erlebnis am Denkort Bunker Valentin ist Ihnen persönlich besonders im Gedächtnis geblieben?

Zur ersten Führung, bei der ich hospitiert habe, kamen sechs Daimler-Mitarbeiter per Taxi mit einer Dose Bier in der Hand. Einer machte beim Anblick des Bunkers die Bemerkung: „Na, das ist ja mal deutsche Wertarbeit.“ Man kann ja durchaus beeindruckt sein, sollte sich aber schon fragen, ob dieser Bau als „großartige Ingenieursarbeit“ bezeichnet werden kann. Viele sehen den Bunker noch heute als großes Wunderwerk der deutschen Technik – und nicht das Leid der Zwangsarbeiter. Ich wünsche mir, dass die Geschichte nachwirkt. Deshalb finde ich es auch nicht gut, dass die Bundeswehr den Bunker in den 60er-Jahren als Lager genutzt hat.

Sie kommen gerade von einer Lese-Reise zurück, wie haben die Menschen auf das Buch reagiert?

Ich hatte in einer Woche Lesungen in Hannover, Leipzig, Kassel, Köln, Frankfurt am Main und Dortmund. Ich bin natürlich kein Star, aber es sind bis zu zwanzig Leute gekommen. Mit einem Beamer habe ich einige Seiten des Comics an die Wand geworfen und mit Sound-Effekten unterlegt. Dazu habe ich einen historischen Vortrag gehalten. Es hat Spaß gemacht, hinterher mit so vielen Leuten ins Gespräch zu kommen. Viele fremdeln erst mal mit der Bezeichnung „Comic“. Ich habe aber viel Lob gekriegt. Das war wie warmes Öl, das einem über den Rücken gegossen wird. Natürlich waren die Leute von der krassen Geschichte auch geschockt, die ja sehr emotional endet und die Leser mit vielen Fragen zurücklässt.

Wie endet die Geschichte?

Johann Seuberts Arbeit dauerte vom Juli bis Dezember 1944. Raymond Portefaix wird auf den Todesmarsch geschickt. Was er dort erlebt, kann er nicht in Worte fassen. Unnötige Barbarei, kein Essen und lange Märsche. Es ist ihm unverständlich, warum Deutschland nicht kapituliert. Portefaix bezeichnet es als Wahnsinn. Die Story endet mit dem Besuch des Filmemachers Thomas Mitscherlich bei Raymond Portefaix 1991 in Paris. Es ist ein Interview für den Film „Der Bunker“.

Heute kennt man auch die Geschichten anderer Zeitzeugen. Gibt es womöglich einen zweiten Comic?

Andere Protagonisten wären heute denkbar. Mittlerweile kennt man mehr Namen. Aber ich brauche jetzt Abstand. Insgesamt sechs Jahre sind lang. Es gibt keine Fortsetzung dieses Comics.

Noch mal zur Begrifflichkeit: Es gibt ja auch den etwas seriöser anmutenden Begriff Graphic Novel. Woher stammt er und wie finden sie diese Bezeichnung?

Der Begriff stammt von dem US-Comiczeichner Will Eisner, der „Ein Vertrag mit Gott“ geschrieben hat. Das waren Comics mit literarischem Anspruch. Um den Comic aus der Schmuddelecke zu ziehen, hat Eisner die Graphic Novel erfunden. Aber ich finde den Begriff Comic passender.

Was ist die besondere Kraft eines Comics?

Ein Comic ist eine Schnittstelle zwischen bildlicher und literarischer Darstellung, die sich gut ergänzen. Ernste Themen gibt es schon lange, beispielsweise bei Art Spiegelman, dem Sohn von Shoa-Überlebenden. In „Maus“ verarbeitet er ihr Schicksal. Juden und Jüdinnen sind Mäuse, Nazis sind Katzen.

Sie haben Ihren Comic in Schwarz-Weiß gestaltet. Aus dramaturgischen Gründen?

Ich habe auch mit Farbe experimentiert. Die Bilder habe ich mit Hand gezeichnet und mit Aquarell bearbeitet, aber es ist schwierig, immer dieselbe Farbe zu treffen. Und wenn das nicht funktioniert, fliegen einem die Geschichten auseinander. Deshalb habe ich mich für Schwarz-Weiß entschieden.

Wie sehen Ihre aktuellen Pläne aus?

Ich bin froh, wenn ich wieder mehr Raum und Zeit habe, um neue Sachen in Angriff zu nehmen. Ich mache auf jeden Fall weiterhin Führungen und engagiere mich für den Antifaschismus. Vielleicht mache ich auch noch einen Comic zum Thema Faschismus.

Das Interview führte Imke Molkewehrum.

Info

Zur Person

Jens Genehr (29)

hat in Bremen Psychologie und Freie Kunst studiert. In seinem Comic „Valentin“ thematisiert er die menschenverachtenden Bedingungen auf der Bunkerbaustelle.

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Zur Sache

Buchvorstellung

Am Originalschauplatz, im Denkort Bunker Valentin in Rekum, präsentiert Jens Genehr an diesem Dienstag, 22. Oktober, um 18 Uhr seinen 240-seitigen Comic „Valentin“. Untermalt wird die Veranstaltung durch die tschechische Band Tomáš Palucha. Das Buch ist im September im Golden-Press-Verlag Bremen erschienen und kostet 32 Euro.

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