Gedenken an die Opfer des Holocaust Warum Erinnerung wichtig ist

Am 27. Januar jährt sich zum 75. Mal der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Marcus Meyer, Leiter des Denkorts Bunker Valentin, lobt die lebendige Erinnerungskultur in Bremen.
11.01.2020, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Imke Molkewehrum

Farge. Marcus Meyer sitzt an seinem Schreibtisch im Bürogebäude des Denkorts Bunker Valentin in Farge. Durch das Fenster fällt der Blick auf die grauen Betonmauern des gigantischen Bauwerks. Ein Mahnmal gegen den Krieg. Mahnen will auch der Verein „Erinnern für die Zukunft“, dem Marcus Meyer als Leiter des Denkorts Bunker Valentin angehört. In enger Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung koordinieren die Vereinsmitglieder Veranstaltungen, die an die Gräueltaten der Nationalsozialisten erinnern.

Am 27. Januar jährt sich zum 75. Mal der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Der Lagerkomplex nahe Krakau ist ein zentrales Symbol des Holocausts, weil hier der Massenmord auf eine unfassbar grausame, nahezu industrialisierte Art betrieben wurde. Zwischen 1942 und 1944 habe die Nazis an diesem Ort mehr als eine Million Menschen umgebracht, darunter hauptsächlich Juden, aber auch Tausende Polen, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, Kriegsgefangene, unliebsame Kommunisten und Sozialdemokraten, oppositionelle Priester und Pastoren.

Am frühen Nachmittag des 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee 7600 ausgemergelte, dem Tode nahe Überlebende aus der Gefangenschaft in Oswiecim, so der polnische Name der schlesischen Stadt Auschwitz. Lagerinsassen, die noch ansatzweise laufen konnten, befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit sieben Tagen auf Todesmärschen gen Westen.

Die Bilder von der Befreiung des Lagers gingen um die Welt und wurden zum Inbegriff menschlicher Grausamkeit. Daher ernannte der damalige Bundespräsidenten Roman Herzog den Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz-Birkenau im Jahr 1996 zum gesetzlich verankerten deutschen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Die Vereinten Nationen erklärten diesen Tag im Jahr 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

Alljährlich setzen sich Menschen nunmehr am 27. Januar mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinander, um die historischen Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen. Und das ist auch das erklärte Ziel des Bremer Vereins „Erinnern für die Zukunft“, der sich dieser Thematik bereits seit Beginn der 90er-Jahre verschrieben hat. Der Verein koordiniert für den 27. Januar alle Termine und erstellt ein stadtweites Programm.

„Das Bremer Programm ist viel älter und wegweisend für die Erinnerungskultur. Bei uns beteiligen sich unzählige Vereine, Initiativen und Organisationen, die ihre Veranstaltungen immer in Eigenregie konzipieren. Ich weiß nicht, ob es das in anderen Städten gibt“, sagt der Leiter des Denkorts Bunker Valentin. Der Begriff „Die Volksgemeinschaft“ ist inhaltlicher Schwerpunkt in diesem Jahr. Warum gerade dieses Thema? „Das Volk hat die Verbrechen gesehen – schon ab 1933“, erläutert Marcus Meyer. „Die Bürger müssen akzeptiert haben, dass Menschen flüchten, verschwinden und deportiert werden. Das waren nicht nur Hitler, Himmler und Goebbels.“

In der Auseinandersetzung mit diesem Phänomen gehe es nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, sich bei vergleichbaren Szenarien zu solidarisieren und aufzustehen, so der Historiker. „Wenige waren damals Täter, einige Opfer – die meisten waren Beobachter. Man muss sich doch fragen, wie es möglich war, 80 Prozent der Bevölkerung zu überzeugen.“

Fakt sei, dass das Volk vom Antisemitismus profitiert habe. Den Bürgern hätten die Deportationen im Zuge der Arisierung neuen Wohnraum und günstiges Mobiliar beschert. Gleichzeitig sei die Wirtschaft dank der Rüstungskonjunktur aufgeblüht. Und hier gehe es um Bezüge zur Gegenwart, sagt der Denkort-Leiter. Zentrale Fragen sind: „Wer zeigt gegebenenfalls Zivilcourage? Wer wird zum Denunzianten? Und was hat die NS-Gesellschaft getragen?“

In direkter Konsequenz aus den NS-Verbrechen ist heute im deutschen Grundgesetz verankert, dass Denunziantentum staatlich verfolgt werden kann. Unabdingbar sei trotzdem die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, sagt Marcus Meyer und betont: „Dabei geht es nicht um Demut oder gebückt sein, sondern um eine selbstbewusste Auseinandersetzung.“

Oft heiße es, der Staat drücke den Bürgern die Erinnerungskultur auf, weiß der Denkort-Leiter. Umso bemerkenswerter sei im vergangenen Jahr die Resonanz auf den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Bunker Valentin gewesen. „Diese Veranstaltung war unglaublich. Wir hatten mit 300 Leuten – insgesamt 550 Leute sind gekommen, viele aus der Stadt. Sie haben 35 Kilometer in Kauf genommen. Das war ein aktives Zeichen für diese Form der Erinnerung“, freut sich der Historiker. „Zugleich war es auch einen Solidaritätserklärung für den Denkort.“

Eine Gleichgültigkeit gegenüber den NS-Verbrecher sei nicht zu beobachten. Und das gelte auch für Jugendliche. Der Verein „Erinnern für die Zukunft“ habe sich inzwischen sogar verjüngt. Zudem sei das Programm zum Gedenktag beinahe ein Selbstläufer. „Alle Stadtteile sind dabei mit Buchpräsentationen, Performances, Filmen, Lesungen, Führungen oder Vorträgen. Treffpunkte sind Museen, Bibliotheken, Bürgerhäuser, Theater oder Kirchen. Marcus Meyer: „Das ist zivilgesellschaftliche Erinnerungskultur.“

Am Sonntag, 26. Januar, beginnt um 10 Uhr ein Gedenkgottesdienst in der Evangelischen Kirche Alt-Aumund, An der Aumunder Kirche 4. Am Sonntag, 26. Januar, wird um 11 Uhr am Jacob-Wolff-Platz, dem ehemaligen Standort der Aumunder Synagoge, der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Im Bürgerhaus Obervieland, Alfred-Faust-Straße 4, steht am Mittwoch, 18. März, um 10 und 18 Uhr das Arbeitserziehungslager Bremen-Farge im Fokus. Dabei geht es auch um den Gestapo-Terror gegen vermeintliche Arbeitsverweigerer. Den Vortrag hält Vortrag Simon Rau.

Info

Zur Sache

30 900 Besucher im Denkort

Die Zahl der Menschen, die den Denkort Bunker Valentin aufgesuchen, steigt leicht. 2019 wurden insgesamt 30 900 Gäste gezählt, 1500 mehr als im Vorjahr. Unter ihnen befanden sich 2100 Schülerinnen und Schüler. Unter anderem haben 65 Projekttage mit drei bis fünf Stunden stattgefunden, an denen junge Menschen aus Bremen, Niedersachsen, Italien, Frankreich, Mexiko und Polen teilgenommen haben. 2019 haben darüber hinaus elf Bildungsurlaube in Kooperation mit den Trägern Wisoak und Volkshochschule stattgefunden, mit 180 Teilnehmern. Zu Sonderveranstaltungen wie der Langen Nacht der Museen oder Lesungen kamen 1550 Besucher.

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