Gerhard Koopmann liest heute im Doku Blumenthal Zeitzeugen erzählen über den Bunker-Bau

Blumenthal. Es ist ein Buch geworden, in dem Zeitzeugen sich erinnern und die gesamtdeutsche Geschichte einen Platz findet. Der Bremer Autor Gerhard Koopmann hat mit „Im Schatten des Bunkers“ auch persönlich Neuland betreten.
21.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefanie Grube

Es ist ein Buch geworden, in dem Zeitzeugen sich erinnern und die gesamtdeutsche Geschichte einen Platz findet. Der Bremer Autor Gerhard Koopmann hat mit „Im Schatten des Bunkers“ auch persönlich Neuland betreten.

„Sie müssen meine Geschichte schreiben!“, sagt Hartmut Müller. Da ist Gerhard Koopmann noch skeptisch, diesem Mann gegenüber, den er nur vom Sehen kennt, und den er jetzt im Fahrstuhl trifft. Autor Koopmann lässt sich zumindest auf ein erstes Treffen mit Müller ein – und fängt Feuer an der Geschichte. Hartmut Müller ist während der Nazi-Zeit in einem Bremer Lebensborn geboren, als Kind zieht er in ein Haus in Farge, in dessen Nähe der Bunker Valentin gebaut wird. Müller hat Dokumente gesammelt, die er Koopmann zeigt.

So beschreibt Gerhard Koopmann den Beginn seiner Recherchen zu seinem im November erschienen Buch „Im Schatten des Bunkers“. Fasziniert von der Lebensgeschichte Müllers forscht Koopmann weiter. Er findet Annelore Fenske. Sie wohnte 1943 in dem gleichen Haus in Farge, in dem auch Müller wohnte. „Sie sprach ohne jede Scheu über das Leben und die Leute im Dorf“, schreibt Koopmann.

Gerhard Koopmann ist nun entschlossen, nicht nur die Biografie Müllers zu schreiben, sondern eine Geschichte über den Bremer Lebensborn und vor allem den Bunkerbau. Er sucht weitere Zeitzeugen, findet sie. Manche wollen nicht genannt werden, aber erzählen, andere sind „zuerst sehr zurückhaltend“. Es vergehen sechs Jahre, bis Koopmann schließlich das Buch beendet. Es ist auch eine Alltagsgeschichte aus dem Bremer Norden zur Nazi-Zeit geworden. Koopmann schreibt lebhaft auf, was ihm erzählt wurde. Immer wieder aber auch fügt er nüchtern geschichtliche Fakten hinzu, die der Leser für das Verständnis des Textes braucht, zum Beispiel, was überhaupt ein Lebensborn ist.

Gerhard Koopmann erklärt: 1935 wurde von SS-Chef Heinrich Himmler der Lebensborn gegründet. Zur „Auslese hochwertigen Menschenmaterials“, so das Nazi-Regime. Hartmut Müller kommt in dem Bremer Lebensborn-Haus zur Welt: „In Löhnhorst an der Hauptstraße, die von Bremen-Lesum nach Schwanewede führt, hatte die SS im Mai 1938 in dem ehemaligen Herrenhaus der Familie Lahusen ein viertes Lebensbornheim eingerichtet, das Heim Friesland,“ schreibt Koopmann. Das Heim sei eines der größten in Deutschland gewesen, mit einer Kapazität von bis zu sechzig Kindern.

Es sei kein Sachbuch und auch kein Roman, erklärt der Autor sein Werk. Er habe die Vergangenheit literarisch aufarbeiten wollen. Koopmann ist seit 2007 Teil der Autorengruppe „Literaturpforte“, die sich alle vierzehn Tage in Privathäusern in Bremen-Nord trifft, um über eigene und fremde Texte zu diskutieren. Koopmann, der zuvor fiktionale Texte geschrieben hat, betritt mit „Im Schatten des Bunkers“ neues Terrain: Das Buch ist ein neues Format für ihn, sagt er. Eine Herausforderung sei gewesen, dass verschiedene Zeitzeugen ihm jeweils ihre eigene Geschichte der Geschichte erzählten. „Das passte zwar alles wunderbar zusammen – aber Hartmut Müller erzählt aus einer Zeit, da war er sieben, acht Jahre alt“, sagt Koopmann. Was tun? Der Autor suchte einen zweiten Zeitzeugen, der damals älter war als Müller.

Annelore Fenske war 1943 dreizehn Jahre alt. Koopmann hat in seinem Buch ihre Erinnerungen in der Ich-Perspektive festgehalten: „Es war der Sommer 1943. Unten an der Weser hatten sie eine riesige Baugrube ausgehoben und allerlei Werkzeug und Maschinen herangeschafft. Auch wurden überall Baracken aufgebaut. Und Vater sollte von seiner Arbeit auf dem Bremer Vulkan auf diese Baustelle versetzt werden.“ Fenske erinnert sich, dass ihr Vater sagt: „Jetzt ist es so weit. Die wollen hier bei uns einen Bunker bauen, so groß, wie wir uns das jetzt noch gar nicht vorstellen können.“

Koopmann hat seinem Buch ein Zitat von Alt-Bürgermeister Hans Koschnick vorangestellt: „Wenn jemand sagt, er habe nichts gewusst, muss er sehenden Auges geschlafen haben.“ Das veranschaulicht Koopmann, wenn er die Zeitzeugen von ihrem Alltag erzählen lässt. Wie zum Beispiel die vielen Zwangsarbeiter, die den Bunker gebaut haben, gar nicht ignoriert werden konnten, da sie das gesamte Leben rund um den Bunkerbau beeinflussten.

Kartoffeln für Gefangene

Hartmut Müller und Annelore Fenske gehören zu einer Gruppe, die Töpfe mit Kartoffeln für die Gefangenen herausstellt, die den Bunker bauen müssen. Bis einer der Wachtposten die Töpfe sieht und sie umtritt. Der neue Plan: Sie wollen die Töpfe später hinstellen, wenn die ersten Gefangenen schon vorbei sind – damit die Wachsoldaten die Kartoffeln nicht sehen. Doch ein Freund Hartmut Müllers wirft ein: „Aber dann kriegen die Leute, die vorne laufen, ja keine ab!“

Am heutigen Dienstag wird Gerhard Koopmann um 19 Uhr aus seinem Buch „Im Schatten des Bunkers“ im Doku Blumenthal, Heidbleek 10, lesen. Das Buch ist im Eigenverlag erschienen. Gerhard Koopmann hat Zeitzeugen zu der Lesung eingeladen.

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