Borgfelder Kaisenstift „Es wird immer schwieriger“

Das Borgfelder Kaisenstift wird renoviert und umstrukturiert. Wie sich das auf die Arbeit mit den teils traumatisierten Kindern und Jugendlichen auswirkt, berichtet der Leiter des Hauses, Frank Drescher.
06.04.2021, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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„Es wird immer schwieriger“
Von Antje Stürmann
Die Einrichtung Kaisenstift befindet sich im Umbruch. Warum braucht das Wohnheim für beeinträchtigte Kinder und Jugendliche ein neues Profil?

Frank Drescher: Das liegt hauptsächlich daran, dass sich die Klientel verändert hat – durch gesellschaftliche Veränderungen. Menschen, die hohe soziale Kompetenzen haben, werden heute eher in ambulanten Settings versorgt, sodass im Kaisenstift nur noch für Kinder angefragt wird, die besondere Schwierigkeiten mitbringen. Das können sehr hohe Pflegebedarfe sein, es sind aber häufig auch herausfordernde Verhaltensweisen, denen hochproblematische Lebensgeschichten vorausgehen, die mit Gewalt und auch mit Problemen in der Entwicklung der Sexualität zu tun haben. Das hat dazu geführt, dass sich in den Wohngruppen acht Bewohner nicht mehr verständigen konnten. Es gab immer weniger positive Interaktionen zwischen den Kindern, dafür immer häufiger negative. Wir mussten die Gruppen verkleinern und das Personal pro Bewohner erhöhen. Heute ist es so, dass es im Extremfall eine Wohngruppe gibt, in der die vier Bewohner Probleme produzieren. Wenn es eskaliert, müssen wir möglichst alle vier Kinder einzeln betreuen und dafür sorgen, dass die sich nicht begegnen.

Wie sieht der Alltag mit diesen sogenannten Systemsprengern aus?

Wir haben heute Vormittag in der einen Gruppe vier Mitarbeiter für vier Kinder. In der anderen Gruppe wohnt eine junge Frau mit Einzelbetreuung. Und trotzdem sind drei von ihnen in Streit geraten und wir haben am Ende zwei große Fensterscheiben eingebüßt, weil Ziegelsteine durchgeworfen wurden. Wir konnten den Streit so schnell nicht schlichten. Um dem vorzubeugen, müssen wir gemeinsam Konzepte entwickeln.

Sie haben im Beirat von „Putschversuchen“ gesprochen, von sexueller Belästigung durch Kinder, von Gewaltausbrüchen und darüber, dass vor allem junge Mitarbeiterinnen mit wenig Berufserfahrung das Haus verlassen, weil sie mit der schweren täglichen Belastung nicht zurechtkommen. Finden Sie noch Personal?

Wir haben immer noch Bewerbungen und können mit ein paar guten Sachen hier punkten – aber es wird immer schwieriger. Wir hatten für den Nachtdienst zwei Jahre eine Stelle ausgeschrieben und konnten jetzt einen Mitarbeiter einstellen. Inzwischen gibt es eine weitere Lücke, sodass wir in der Nacht mit unseren Mitteln dauerhaft nicht mehr auskommen und Zeitarbeit zubuchen müssen. Bei dem „Putschversuch“, den Sie erwähnen, hatten sich zwei Kinder verbündet und ihre Macht ausprobiert. Sie haben für kurze Zeit die Oberhand gewonnen und die Regeln bestimmt. Darauf mussten wir sehr schnell reagieren. Zu dem anderen Beispiel: Wenn Kinder sexuelle Gewalt erlebt haben, zeigen sie oft sehr stark sexualisierte Verhaltensweisen. Da gibt es Kinder, die junge Frauen anspringen, ihnen in die Geschlechtsteile fassen und „Ficken, ficken, ficken“ schreien. Und das mit Vehemenz.

Wie unterstützt der Arbeitgeber Arbeiter Samariter Bund seine Mitarbeiter im Kaisenstift?

Es gibt Supervision, Fortbildung, es gibt Konzepte zur Nachbereitung von Übergriffen durch Bewohner. Das braucht es aber auch, weil es häufiger vorkommt, dass Mitarbeiterinnen leicht verletzt werden: blaue Flecken, Kratzer, Bisswunden. Außerdem haben wir ein ausgeklügeltes Dienstplansystem, das den Mitarbeitern ein Höchstmaß an Flexibilität ermöglicht. Es gibt ein Zeitsparkonto, auf dem Überstunden gesammelt und dann wie Urlaub verwendet werden können. Und es gibt inzwischen auch eine ganz ordentliche Bezahlung.

Das Haus Kaisenstift wird in diesem Jahr für eine halbe Million Euro umgebaut. Was wird gemacht und welche Hoffnung verbinden Sie damit?

Dadurch, dass jetzt weniger Bewohner bei uns sind, haben wir drei Zimmer pro Gruppe frei. Zwei dieser Zimmer sind jeweils zu einem Differenzierungsraum zusammengelegt worden. Den gewonnenen Platz nutzen wir, um zum Beispiel mit einem schwerbehinderten Kind mal mehr Ruhe zu haben. Ansonsten wird hier vieles renoviert und wieder schön gemacht, was über 20 Jahre einigermaßen gelitten hat.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Umbauarbeiten aus?

Die Einrichtung darf seit Herbst von Außenstehenden nicht betreten werden. Das gilt auch für alle Handwerker. Arbeiten waren nur möglich, indem separate Zugänge genutzt wurden. Die Räume, in denen die Handwerker gearbeitet haben, mussten mit Zwischenwänden und Planen abgetrennt werden von den Räumen, in denen sich die Bewohner aufgehalten haben. Die Handwerker sind durch die Fenster eingestiegen. Wegen dieser Umstände sind vorerst nur die nötigsten Arbeiten gemacht worden. Zwischendurch waren zudem fünf Bewohner und acht Mitarbeiter an Corona erkrankt.

Vor einigen Monaten war das Kaisenstift finanziell in Schieflage geraten. Konnte sich die Einrichtung berappeln?

Ja, absolut. Wir haben mit der Behörde verhandelt und mit der Strukturreform relativ schnell eine gemeinsame Lösung hinbekommen. Unser Entgeltsatz ist gestiegen, weil es jetzt weniger Bewohner gibt. Die Einrichtung ist finanziell sehr gut aufgestellt.

Früher gab es Tage der offenen Tür. Jürgen Linke vom Borgfelder Beirat wünscht sich, dass die Nachbarn wieder mehr einbezogen werden und über das Leben im Kaisenstift erfahren. Ist das aus Ihrer Sicht umsetzbar?

Ja, das ist umsetzbar – allerdings nicht zu Coronazeiten. Wir haben im letzten Jahr das Sommerfest nur in ganz kleinem Rahmen gefeiert und solange die Krise andauert, werden wir das auch weiter so halten. Bei unserer 25-Jahr-Feier im nächsten Jahr wird es wieder offene Türen geben.

Das Gespräch führte Antje Stürmann.

Info

Zur Person

Frank Drescher ist gebürtiger Leipziger und leitet das Borgfelder Kaisenstift seit 17 Jahren. Der Diplom-Behindertenpädagoge hat an der Universität Bremen studiert. Er ist außerdem gelernter Krankenpfleger.

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Zur Sache

Kaisenstift in Borgfeld

Die Einrichtung Kaisenstift am Rethfeldsfleet gibt es seit 1998, Betreiber ist der Bremer Arbeiter Samariter Bund (ASB). In dem Wohnhaus leben 15 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit geistigen, körperlichen und manchmal auch seelischen Behinderungen im Alter zwischen sieben und 21 Jahren in drei Gruppen. Außerdem gibt es zwei Projekte für Einzelbetreuung. Um die Bewohner kümmern sich 110 Mitarbeiter vom Ungelernten über die Heilerziehungspfleger und Erzieher bis hin zu den Gesundheits- und Kinderkrankenpflegern. Die Borgfelder Einrichtung ist 365 Tage im Jahr rund um die Uhr geöffnet. Vergleichbare Wohnhäuser gibt es in Norddeutschland nur wenige, wie Leiter Frank Drescher sagt. In Bremen bietet noch die Stiftung Friedehorst Wohnplätze an. Weitere Informationen unter www.asb-bremen.de, Suchbegriff: Kaisenstift.

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