Borgfelder Kirchenmusik Neue Wege und frische Impulse

Statt im großen Chor zu proben, Konzerte mit vielen Musikern zu veranstalten und im Gottesdienst gemeinsam zu singen, erfindet sich die Borgfelder Kirchenmusik gerade neu.
19.09.2020, 14:58
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Neue Wege und frische Impulse
Von Antje Stürmann

Borgfeld. Die Stühle von Joris, Lenny, Finja und Johanna stehen meterweit auseinander. In der Mitte des Gemeindesaals steht ein einsamer Flügel. Dies ist eine Chorprobe – oder das, was unter den aktuellen Vorschriften davon noch übrig ist. Die Acht- bis Zehnjährigen der Nachtigallengruppe aber lassen sich den Spaß am Singen nicht nehmen. Das Proben in kleinen Gruppen, sagt Kirchenmusiker Daniel Skibbe, habe sogar Vorteile. Die Kirchengemeinde geht in Sachen Kirchenmusik neue Wege.

Hintergrund sind die Auflagen zum Schutz vor Covid-19. Bis heute darf in der Kirchengemeinde nicht frei gesungen werden. Dabei ist die Musik laut Pastorin Almut Wichmann so wichtig. Der Gesang, erklärt sie, bringe Kindern, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen die Inhalte ihrer Religion näher. Die Lieder vermittelten ein Gefühl zum Glauben. Gottesdienste und andere Veranstaltungen mache das Singen stimmungsvoller. „Es ist wie bei jeder guten Party: Die Musik muss gut sein.“ Auf den Freizeiten für Senioren, Konfirmanden, Kinder und Familien empfindet Almut Wichmann das gemeinsame Singen als sehr verbindend. Die Senioren im Seniorenheim dagegen seien froh, dass sie zumindest im Garten nun endlich wieder ihre Lieder trällern dürfen – einfach, weil es ihnen gut tut. „Für den Glauben und die Kirchengemeinde ist das Singen elementar“, so Wichmann.

Harte Zeiten

Die Wochen, in denen es nicht einmal erlaubt war, im Freien zu singen, bezeichnet Kantorei-Mitglied Gudrun Mahlau im Nachhinein als hart. „Fitness kann man allein machen, aber als Chormitglied kann man nicht allein singen“, sagt sie. „Gemeinsam zu singen, ein Teil der Gemeinschaft zu sein, das ist, was wir Chorsänger so lieben.“ Sie sei froh um jede Gelegenheit, wieder üben zu dürfen. „Und wir tun das sehr diszipliniert“, sagt Mahlau. Mit häufigem Lüften und unter großem Abstand. Finja von den Nachtigallen sagt: „Egal, Hauptsache, wir können singen.“ Und der achtjährige Lenny ist froh, dass er die anderen besser hört, wenn sie weiter weg stehen. „Man kann auch weniger Quatsch machen oder sich mit der Stimme verstecken.“

Es ist vieles anders, aber es entstehe gerade auch sehr viel Neues, sagt die Pastorin. Das Verbot, in großen Gruppen zu singen, habe in der Kirchengemeinde große Kreativität freigesetzt: „Wir entwickeln neue Formate, weil bestimmte Sachen nicht machbar sind“, sagt Almut Wichmann. Zum Beispiel dürfen nur maximal 16 Kinder oder Erwachsene gemeinsam singen, in der Borgfelder Kirche sogar nur höchstens zehn Menschen. In den Gottesdiensten singen Einzelne oder Ensembles, die sonst im Chor üben; das Publikum dagegen hört nur zu, anstatt selber zu singen. Auf diese Weise, und das ist ein Vorteil, bekommen talentierte Sängerinnen und Sänger neuerdings schneller die Chance, Soli vorzutragen oder spontan vor einer Gruppe Senioren aufzutreten. „Das ist eine Sache, die wir sonst nie hatten“, sagt Wichmann. Auch die Nachtigallen sollen bald im Gottesdienst auftreten.

Anstelle der vier seit März ausgefallenen Konzerte und Auftritte gibt es nun die eigens entwickelte Konzertreihe „Musik und Wein“ in der Borgfelder Kirche. Die vier Konzerte, bei denen die Pastoren und Kirchenmusiker mitwirken, werden so gut angenommen, dass die Organisatoren fürs Frühjahr eine Neuauflage fest ins Auge fassen. Aus der Konfirmandengruppe heraus habe sich ein Jugendensemble aus acht Sängerinnen und Sängern gebildet, das einmal pro Woche gemeinsam probe. Für die Adventszeit plant Kirchenmusiker Daniel Skibbe einen Flashmob. „Super Idee“, findet Wichmann, „denn das klassische Adventskonzert können wir ja knicken.“

„Vieles“, sagt sie, „hätten wir ohne Corona gar nicht so neu gemacht“. Das Feedback ist positiv: „Das Beste an Corona ist die Kirchenmusik“, hat ihr kürzlich ein Gemeindemitglied versichert. Auftritte und Projekte – „es wird alles flexibler und spontaner“, stellt Almut Wichmann fest. „Das ist okay.“

Aufwendige Koordination

Daniel Skibbe als neuer Chorleiter dagegen habe zu Zeiten des Singverbots den schlechtesten Einstieg gehabt, den man sich vorstellen kann. „Er hat nach den Lockerungen sehr schnell Andachten angeboten, bei denen die Lieder gesummt wurden“, erinnert Wichmann. Die Sängerinnen und Sänger trugen Masken. Inzwischen versammeln sich in Borgfeld und in Horn-Lehe im Wechsel jede Woche wieder zwei Dutzend Menschen, um im Chor zu proben. Aufwendig sei vor allem, die gewachsene Anzahl kleiner Gruppen in den drei Gemeinden Borgfeld, Horn und Andreas zu koordinieren, so Skibbe. Und noch sind gar nicht alle wieder an Bord. „Manche haben Angst, sich anzustecken, die sind erst mal weggeblieben“, sagt Almut Wichmann.

Schon jetzt sind die Kirchenmusiker Jonathan Hiese und Daniel Skibbe emsig dabei, über Änderungen schnellstmöglich zu informieren. Ab Oktober soll die Kirchenmusik dafür eine Internetseite bekommen. „Künftig müssen drei Gemeinden informiert werden, für die es auch gemeinsame Veranstaltungen geben wird“, begründet Wichmann. Über die Homepage könnten die Kirchenmusiker über Neuigkeiten zum Infektionsschutz, geänderte Probenzeiten und Treffpunkte informieren, Gruppen aufteilen oder Veranstaltungen absagen. Auch Youtube-Videos von Auftritten der Borgfelder Chöre sollen dann online zu finden sein.

Im Nachhinein, sagt Almut Wichmann, ist alles gut so, wie es ist. Das zeitweise Singverbot, sagt sie, haben „ein bisschen Ruhe reingebracht“. Unbehagen schwingt allerdings mit, wenn die Pastorin ankündigt, dass in diesem Jahr wahrscheinlich der Auftritt des Kinderchors beim Krippenspiel ausfallen muss. Bei der Seniorenfreizeit auf Langeoog, auf der sich Wichmann gerade befindet, darf ebenfalls nicht gesungen werden. „Das wird sehr fehlen“, sagt die Pastorin.

Chormitglied Gudrun Mahlau singt einfach zu Hause: „Gut, dass wir einander haben, gut, dass wir einander seh'n/Sorgen, Freuden, Kräfte teilen/Und auf einem Wege geh'n.“ Dieser Liedtext von Manfred Siebald, sagt sie, spreche ihr aus dem Herzen.

Info

Zur Sache

Kirchenmusik in Borgfeld

Daniel Skibbe bietet derzeit vier Chorgruppen für Erwachsene in Borgfeld und Horn-Lehe an. Hinzu kommen die beiden Kindergruppen „Spatzen“ (Fünf- bis Neunjährige) und „Nachtigallen“ (8 bis 12 Jahre) sowie die Kinderkantorei. Dieses Angebot gibt es so auch noch einmal in Horn. Pastorin Almut Wichmann schätzt, dass mindestens 50 erwachsene Borgfelder regelmäßig in der Kantorei singen - davon profitierten jedoch viel mehr der insgesamt 3900 Gemeindemitgliedern.

Im Aufbau befindet sich die Singschule des Regionalen Kantorates Andreas, Borgfeld und Horn. Um die jeweils 16 freien Plätze in den drei Gruppen zu besetzen, wollen die Kirchenmusiker demnächst alle 446 Kinder und Jugendlichen der Kirchengemeinde im Alter von fünf bis 14 Jahren persönlich anschreiben.

Potenzial sehen die Kirchenmusiker in der evangelischen Kita heranwachsen. Die evangelische Kita in Borgfeld sei eine der größten evangelischen Kitas in der Stadt Bremen, so Wichmann. „Es gibt viele Möglichkeiten, was man machen kann“, glaubt Wichmann. Der gelernte Erzieher Daniel Skibbe sei dafür der richtige Mann.

Für diese Konzerte der Reihe „Musik und Wein“ nimmt die Kirchengemeinde noch Anmeldungen entgegen: Sonntag, 18. Oktober, 17 und 19 Uhr singt Eva Koch (Sopran) zur Orgelmusik von Wolfgang Baumgratz. Am Sonnabend, 7. November, 17 und 19 Uhr gibt es Barocke Musik unter dem Titel „Mit Fried und Freud“. Anmeldung unter Telefon: 0421/270128.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+