Leinenpflicht in Schutzgebieten

Empfindliche Störungen

Viele Spaziergänger sind in diesen Wochen in den Borgfelder Wümmewiesen unterwegs. Die Stiftung Nordwest Natur bittet darum, Rücksicht zu nehmen und Hunde anzuleinen.
30.04.2020, 09:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Borgfeld. Die Feldlerchen trillern hoch oben in den Lüften, die Brachvögel lassen ihre melancholischen Flötentöne vernehmen, und an den Ufern von Wasserflächen bebrüten die seltenen Löffelenten ihre Eier: In Wiesen, Weiden und an Gewässern der Borgfelder und Oberneulander Wümmewiesen erreicht das Brutgeschäft von Vögeln derzeit seinen Höhepunkt.

Diese Vogelarten haben eins gemeinsam: Sie brüten am Boden und nicht in Büschen oder Bäumen, wo Eier oder Küken für Fressfeinde nur schwer erreichbar sind. Damit sind sie durch Spaziergänger, vor allem aber durch frei laufende Hunde extrem gefährdet. Die Gefahr, dass Eier oder Jungvögel zertreten werden, ist weniger ausschlaggebend als die starke Störung, die den Vögeln bei ihrem Brutgeschäft zu schaffen macht: „Vögel haben eine bestimmte Fluchtdistanz“, sagt Rebekka Lemb von der Stiftung Nordwest Natur, „sie verlassen ihre Nester schon, wenn Menschen oder Hunde noch relativ weit von ihnen entfernt sind.“ Und bei hoher Störungsfrequenz ist nicht nur der Stress für die Vögel gewaltig, die Eier drohen auch auszukühlen – der Bruterfolg ist dann gleich Null.

Doch in diesem Jahr ist alles noch viel schlimmer: In Zeiten der Corona-Pandemie prallen der Bewegungsdrang von Mensch mit Hund und die Schutzbedürfnisse empfindlicher Vogelarten besonders hart aufeinander. „Entscheidend für die Störung der Vogelwelt ist, wie viele Leute sich im Gebiet aufhalten. Und in diesem Frühjahr sind weit mehr Skater, E-Roller und eben auch Spaziergänger mit ihren Hunden unterwegs. Keineswegs alle halten sich an die Leinenpflicht“, sagt Rebekka Lemb. „Und viele Spaziergänger gehen auch weit in die Wiesen hinein und legen sich dort in die Sonne.“ Noch schwerwiegender jedoch sei es, wenn Leute ihre Hunde frei laufen lassen – stöbernde Vierbeiner verbreiten schon auf weite Entfernung in der Vogelwelt Angst und Schrecken.

„Unter den Hundebesitzern sind viele einsichtig und leinen ihre Hunde an, wenn wir sie darauf hinweisen“, sagt Rebekka Lemb, „doch wir stoßen auch auf aggressive Leute. Sie rechtfertigen sich damit, dass sie ja schließlich Hundesteuer bezahlen würden, und manche schimpfen und bedrohen uns, auch wenn sie eine Ordnungswidrigkeit begehen.“ Seit dem Jahre 2006 betreut die Stiftung Nordwest Natur die Naturschutzgebiete Untere Wümme und Borgfelder Wümmewiesen, kümmert sich aber auch um das angrenzende Landschaftsschutzgebiet Oberneulander Wümmewiesen. In beiden Schutzgebieten sind die Auflagen für die dort ansässige Landwirtschaft unterschiedlich hoch. Doch eins haben Naturschutzgebiet und Landschaftsschutzgebiet gemeinsam: In ihnen besteht ganzjährig Leinenpflicht für Hunde.

Auch außerhalb von Schutzgebieten soll die frei lebende Tierwelt während der sogenannten Brut- und Setzzeit vor frei laufenden Hunden bewahrt werden. Diese Schonperiode, in der Hunde an die Leine müssen, beginnt in Bremen bereits am 15. März, in Niedersachsen am 1. April, und endet in beiden Bundesländern am 15. Juli – sie umfasst also den Zeitraum, in dem viele Vögel Eier bebrüten oder Säuger wie Rehe oder Hasen ihre Jungen zur Welt bringen.

Nach dem Schlupf von Küken aus dem Ei oder der Geburt von Säugetieren folgt eine längere Phase, in der die Eltern den Nachwuchs füttern und beschützen müssen. Wer in dieser Zeit der Leinenpflicht für Hunde nicht nachkommt, riskiert ein Bußgeld ebenso wie der Hundebesitzer, der in Natur- und Landschaftsschutzgebieten seinen Vierbeiner frei laufen lässt.

„Die Störungen durch Hunde sind in den Borgfelder Wümmewiesen besonders in diesem Jahr gravierend“, sagt Rebekka Lemb. Denn in dem Gebiet, das seit 2003 auch zum europaweit geschützten Netzwerk Natura 2000 gehört, brüten noch viele besonders störungsempfindliche Wat- und Wiesenvögel wie Kiebitz und Großer Brachvogel, aber auch selten gewordene Singvögel wie Schafstelze oder Feldlerche. Ihre Nester liegen exponiert auf dem Boden, leicht erreichbar für Räuber in der Tierwelt, zu denen Hunde als Fleischfresser auch gehören.

In den Borgfelder Wümmewiesen lässt sich noch das einzigartige Meckern der Bekassine hören, wenn sie hoch in den Himmeln aufsteigt. Und in den nassen Wiesen befindet sich derzeit das einzige Brutgebiet des scheuen und nur in der Dämmerung rufenden Wachtelkönigs in Bremen. Nicht zuletzt erblühen in diesen Tagen die nassen Wiesen mit den seltenen Sumpfdotterblumen in gelber Farbenpracht.

„Wer sich einsichtig verhält, auf den Wegen bleibt und seinen Hund an der Leine lässt, trägt entscheidend dazu bei, diese Schätze der Natur erlebbar zu lassen und auch für die Zukunft zu erhalten“, sagt Rebekka Lemb.

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