Borgfelds Sportlicher Leiter im Interview Heinrich Marschollek: "Natürlich sind wir ein Ausbildungsverein"

Das Vorhaben, Leistungsfußball beim SC Borgfeld zu integrieren, läuft seit geraumer Zeit. Im Sommer 2020 kam Heinrich Marschollek als Sportlicher Leiter hinzu. Ein Interview über die aktuelle Entwicklung
21.01.2022, 21:00
Lesedauer: 7 Min
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Heinrich Marschollek:
Von Dennis Schott

Herr Marschollek, die 1. Herren des SC Borgfeld hatte in der ersten Saisonhälfte enormes Verletzungspech. In der Winterpause wollte man sich deshalb auf die Suche nach Verstärkungen begeben. Gibt es die inzwischen?

Heinrich Marschollek: Es gibt zehn neue Spieler, von denen acht aber noch keine Freigabe haben. Da sind wir noch dran.

Wie zuversichtlich sind Sie denn, dass es mit der Freigabe noch klappt?

Ich bin immer positiv gestimmt. Nur leider haben sich diese Spieler bei ihrem Verein nicht abgemeldet oder sind vom Verein nicht abgemeldet worden. Das hängt auch damit zusammen, dass die Spieler zum Beispiel nicht entrichtete Beiträge zahlen müssen oder Trainingsklamotten nicht zurückgegeben wurden. Das sind alles ganz simple Dinge, die uns letzten Endes aber viel Zeit kosten.

Aufgrund der noch dünnen Personaldecke werden zwei Verstärkungen kaum ausreichen, oder?

Nein, definitiv nicht. Wir müssen uns breiter aufstellen, da haben wir uns zu Beginn der Saison vielleicht auch etwas verschätzt. Wir haben die Hälfte des Kaders aufgrund von Verletzungen verloren. Die kommen jetzt nach und nach wieder, aber haben natürlich auch einen großen Rückstand. Das erfordert einen langsamen Wiedereinstieg. Deswegen schauen wir uns weiter nach Spielern um, definitiv.

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Ihnen muss man auch zugutehalten, dass eine solche Verletzungsmisere nicht absehbar war.

Ich bin seit 35 Jahren im Fußball tätig. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Bei uns haben sich Spieler im Training oder ohne Einwirkung des Gegners verletzt. Diese Ausfälle konnten wir nicht kompensieren. Man hätte den Kader natürlich von vornherein breiter aufstellen können. Aber was soll ich mit 30 Mann im Kader der 1. Herren und noch einmal so vielen in der 2. Herren? Dann würden einige Spieler nur auf der Bank sitzen. Ist das sinnvoll?

Wie würden Sie die Saison der 1. Herren umschreiben?

(überlegt). Wir haben es zumindest geschafft, Woche für Woche eine Mannschaft auf den Platz zu stellen, die bis zur letzten Minute gekämpft hat. Das muss man der Mannschaft, die sich aus Ü32-Spielern, Jugendspielern oder Spielern aus der zweiten Mannschaft zusammengesetzt hat, zugutehalten. Davor habe ich Hochachtung, auch vor der Arbeit unseres Trainers Michel Ducos.

Der SC Borgfeld hat dabei sicherlich auch von seiner Struktur profitiert. Sie sind im Sommer 2020 als Sportlicher Leiter gekommen, um als Schnittstelle zwischen Vorstand und Trainern zu fungieren. Wie würden Sie das Umfeld beim SC Borgfeld umschreiben?

Wir haben noch einige Sachen, die nicht optimal laufen. Aber man muss auch berücksichtigen, wie diese Idee entstanden ist. Wir wollten die Möglichkeit schaffen, neben dem Breiten- auch Leistungssport zu integrieren. Man muss bedenken, dass wir insgesamt 48 Mannschaften haben, das ist eine riesige Herausforderung. Wir haben vor zwei Jahren aber gesagt: Wir haben im Jugendbereich so viele gute Spieler, warum fördern wir sie nicht? Daraufhin ist der Vorstand auf mich zugekommen. Dann haben wir uns, auch in Rücksprache mit den Trainern, darauf verständigt, einen Leistungsbereich von der U15 bis zur U19 zu etablieren.

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Ziel ist von der U15 bis zur U19 die Regionalliga. Wie weit ist der Verein bei diesem Vorhaben?

Mit der U17 sind wir auf einem sehr guten Weg. Die U15 durfte letzte Saison leider nicht aufsteigen, sonst wäre sie auch in der Regionalliga. Die U19 spielt in der Verbandsliga Bremen und steht im Vergleich in einer etwas größeren Konkurrenzsituation zu anderen Vereinen. Wir wollen natürlich versuchen, unsere Spieler zu halten, und wollen deshalb wieder zurück in die Regionalliga.

Der SC Borgfeld verfolgt eine ambitionierte Jugendarbeit. Die Spieler sind deshalb für andere Vereine sehr interessant, oder?

Wir hatten auch in diesem Winter viele Anfragen. Zum Beispiel will der VfL Osnabrück vier Spieler aus der U17 für seine U19-Bundesligamannschaft verpflichten. Ich werde keinem Spieler die Möglichkeit, in einem Leistungszentrum unterzukommen, verwehren. Natürlich sind wir ein Ausbildungsverein. Auf der anderen Seite wissen wir aber auch: Wenn uns Spieler verlassen, wird es schwierig, das Niveau zu halten.

Der Leistungsgedanke soll auch in den Herrenbereich implementiert werden. Ist die Bremen-Liga für die Jugendspieler, die in der Regionalliga gespielt haben oder dort spielen wollten, denn überhaupt eine reizvolle Perspektive?

Ja. Wir beginnen mit der Sichtung der Spieler zum Jahreswechsel. Neben den Spielern, die zu uns kommen sollen, sichten wir auch die Spieler aus den eigenen Reihen. Im zweiten Schritt wollen wir sie auch in den Spielbetrieb integrieren. Das ist durch die Verletzungsmisere in dieser Saison zwangsläufig passiert.

Aber noch einmal: Ist es für den B-Jugendlichen aus der Regionalliga denn überhaupt ein Anreiz, in der U19-Verbandsliga zu spielen? Oder für den U19-Spieler in der Bremen-Liga? Zumal der Klassenerhalt dort alles andere als sicher ist.

Es gibt sicher Spieler, die andere Vorstellungen haben. Das macht es mir aber leicht, denn ich kann sie weitervermitteln, oder sie können so lange bei uns bleiben, bis sie etwas anderes gefunden haben. Das sind aber die Ausnahmen.

Der Status „Regionalliga“ lockt aber viele Jugendliche nach Borgfeld. Zum Teil kommen Spieler aus Norderstedt zum Probetraining.

Die schicken wir wieder nach Hause. Die kommen vornehmlich auch über Scouts. Die kann ich gerne an Werder verweisen. Und die, die bei Werder von den Trainern für gut erachtet werden, können übergangsweise bei uns spielen, wenn sie für den Moment bei Werder nicht unterkommen können. Aber Spieler, die zum Training 100 Kilometer fahren müssen, sind nicht unsere Zielgruppe.

Aber ohne ein überregionales Scouting geht es nicht, um das Niveau zu erreichen oder halten zu wollen, oder?

Als wir mit der U17 in der Bundesliga gespielt haben, waren nur drei Spieler aus Borgfeld dabei, der Rest kam von außerhalb. Jetzt haben wir nur vier Spieler von außerhalb, der Rest kommt aus Borgfeld. Wir werden immer nur punktuell Spieler von außen annehmen. Unser Ziel ist ganz klar, dass wir einerseits eine gute Ausbildung unserer Spieler ermöglichen, aber auch andererseits eine frühe Bindung der Spieler zum Verein aufbauen wollen. Denn wir brauchen uns nichts vorzumachen: Viele Spieler wandern immer nur dort hin, wo am höchsten gespielt wird.

Das ist aber auch etwas, von dem der SC Borgfeld aktuell profitiert.

Derzeit tun wir das. Aber auf Dauer wäre das nicht nachhaltig. Wie gesagt: Wir haben insgesamt 48 Mannschaften, und wir wollen die Jugendlichen so ausbilden, dass sie an dieses Niveau herankommen. Wenn ich von außen Spieler für die U19 hole, dann werden die nicht für unsere 1. Herren spielen, sondern suchen sich den nächsten hochspielenden Verein. Wenn ich aber einen U13-Spieler gut ausbilde, dann ist die Identifikation zum Verein wesentlich größer. Natürlich können uns Spieler, die sich jedes halbe Jahr einem Verein anschließen, der am höchsten spielt, weiterhelfen. Das ist aber für die Perspektive des Vereins kontraproduktiv. Und es wird den Spielern auch nicht gerecht, die kontinuierlich beim Training sind, sich reinhängen, dann aber sehen, dass von außerhalb immer wieder neue Spieler kommen.

Der SC Borgfeld soll also so gefestigt sein, dass er von außen kaum beeinflussbar ist. Wenn man jetzt an Spieler wie Jarno Böntgen oder Tom Petter Rode denkt, die in die Oberliga Niedersachsen gewechselt sind, ist es dann nicht eine romantische Vorstellung, sie halten zu wollen, wenn andere Vereine sie mit etwas Geld oder sportlicher Perspektive ködern?

Die Frage ist ja: Wo können wir mit der 1. Herren im besten Fall landen? Wenn wir keine sportliche Perspektive hätten, dann müsste man vielleicht über das Thema Geld nachdenken. Das tun wir aber nicht. Man würde sich da ja auch auf einem gefährlichen Weg befinden, weil man sich in eine Abhängigkeit begeben würde. Die Perspektive ist, dass wir in der Bremen-Liga irgendwann mal oben mitspielen, um den Pokal spielen und durch den Pokalgewinn irgendwann vielleicht im DFB-Pokal spielen dürfen. Das ist im Herren-Bereich das Maximum, was möglich ist.

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Wovon der Verein aber derzeit meilenweit entfernt ist.

Natürlich sind diese Argumente derzeit weit weg, ganz klar. Aber wo ist der Unterschied, ob ich Bremen- oder Landesliga spiele?

Es ist ein Klassenunterschied.

Ich sehe den nicht. Wenn man die ersten drei Mannschaften ausklammert, dann sind die nachfolgenden Mannschaften in der Bremen-Liga mehr oder weniger auf einem Niveau. Wenn ich die 1. Herren finanziell unterstütze, wird mein finanzieller Spielraum aber immer kleiner. Wir wollen von der U15 bis zur U19 so hoch wie möglich spielen, das kostet auch Geld. Wenn ich sowohl in die 1. Herren als auch in die Jugend investiere, dann wird irgendetwas auf der Strecke bleiben.

Sie haben das Geld angesprochen. Gerade im älteren Jugendbereich ist die Konkurrenz sehr groß, mit der Folge, dass Vereine sogar Transfergelder erlösen möchten. Ist es richtig, Geld für wechselwillige Jugendspieler zu verlangen?

Wir fordern eine Ausbildungsentschädigung. Diese ist erforderlich, um ausgebildete Trainer zu engagieren. Wenn uns Spieler aus diesen Mannschaften in ein Leistungszentrum verlassen, wird die Ausbildungsentschädigung von allen Leistungszentren ohne Wenn und Aber akzeptiert. Ich bin ja selbst beim Bremer Fußball-Verband tätig, und es kommt immer wieder die Thematik auf, dass Vereine Geld kassieren. Dabei steht die Ausbildungsentschädigung in der Ausbildungsordnung des Verbandes. Und für die Ausbildungsordnung sind die Vereine verantwortlich. Jeder Verein ist im Beirat vertreten, der müsste nur einen Antrag stellen, um die Ausbildungsentschädigung zu streichen. Ich habe diesen Vorschlag bestimmt schon vor 20 Jahren gemacht. Raten Sie mal, wie viele Vereine einen Antrag gestellt haben ...

Vermutlich keiner.

Korrekt. Weil die Vereine genau wissen, dass sie, wenn sie einen Spieler in ein Leistungszentrum abgeben, auf Geld verzichten würden.

Trotzdem ist das ein Punkt, der kontrovers diskutiert wird.

Wenn einer unserer Trainer Interesse an einem Jugendspieler hat, dann werde ich darüber informiert und ich kontaktiere den Verein, bitte schriftlich darum, dass der Spieler bei uns an einem Probetraining teilnehmen darf. Ohne eine Zustimmung kommt kein Spieler bei uns auf die Anlage. Umgekehrt gilt dies auch. Wir haben noch keinem Spieler verweigert, an einem Probetraining bei einem anderen Verein teilzunehmen. Wir haben aber etwas dagegen, wenn unsere Spieler von anderen Vereinen ohne unser Wissen angesprochen werden.

Ist es aber nicht schwierig zu bestimmen, ob der Spieler aus freien Stücken wechseln will oder von einem Verein angesprochen wird?

Es steht ganz klar in der Ausbildungsordnung, dass der Verein davon in Kenntnis gesetzt werden muss. Und auch da habe ich schon vor zehn Jahren die Ausbildungsordnung aus Nordrhein-Westfalen empfohlen, da ist das Ganze sogar unter Strafe gestellt. Wenn sie in Nordrhein-Westfalen einen Spieler ansprechen, ohne vorher mit dem Verein gesprochen zu haben, kostet sie das 300 Euro. Das bräuchten wir in Bremen auch.

Das Gespräch führte Dennis Schott.

Zur Person

Heinrich Marschollek (55)

war selbst als A-Jugendlicher mit dem Blumenthaler SV in der Regionalliga aktiv, viele Jahre Jugendleiter bei der TSV Farge-Rekum und im Verbandsgericht des Bremer Fußball-Verbands tätig. Seit 2020 fungiert er als Sportlicher Leiter beim SC Borgfeld.

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