Bremer Busbibliothek

Bücherei auf Rädern

Sie hat Fantastisches an Bord, Spiele, Sachliches und Musik. Seit rund zehn Jahren macht die Busbibliothek in Borgfeld Halt und versorgt dort vor allem Kinder mit Lesestoff.
01.12.2018, 14:38
Lesedauer: 5 Min
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Bücherei auf Rädern
Von Antje Stürmann
Bücherei auf Rädern

Auf der Suche nach spannendem Lesestoff: Alle zwei Wochen kommt die Busbibliothek nach Borgfeld.

Fotos: Maximilian von Lachner

Borgfeld. Kinderbeine erklimmen die drei hohen Stufen der Busbibliothek. Es ist der Aufstieg in eine andere, in eine fantastische Welt aus Geschichten, Musik und Wissen, aus Helden und lustigen Figuren. Alle zwei Wochen greifen Jungen und Mädchen neugierig zu, wenn Bibliothekar Matthias Weyh ihnen neue Medien nach Borgfeld bringt. Mütter und Väter borgen sich Geschichten für ihre Kinder. Die Busbibliothek mit ihrer Fracht aus Papier, Bildern und Tönen ist beliebter denn je.

Überpünktlich steht der Bus an diesem Nachmittag vor der Grundschule Borgfeld. Ein Junge kommt gelaufen, den Ranzen lässt er von den Schultern gleiten. Die Stufen in den Bus nimmt er mit drei Sprüngen. Dann steht er im schmalen Gang, sucht seine Freunde. Sie sitzen schon mit großen Augen vor den Videofilmen und Computerspielen und tauschen sich aus. Es ist eng im Bus. Wer vorbei will, muss den Bauch einziehen. Kinderhände tasten sich durch die Hüllen mit den Musik-CDs. Auf der kleinen, kniehohen Bank am Ende des Ganges sitzen zwei Mädchen. Auf ihren Knien liegen Bücher, die Gesteine und Mineralien zeigen. Eines der Mädchen schaut sich an, wie Kohle entsteht. Aus dem anderen Buch schaut eine grün schillernde Echse: „Die Kinder bereiten gerade Referate zum Thema Haustiere vor“, erklärt Melanie Lührsen. Sie unterrichtet an der Grundschule Borgfeld eine zweite Klasse. „In der Busbibliothek haben die Kinder die Möglichkeit, sich Bücher passend zum Thema anzuschauen.“ Unterrichtszeit gebe es dafür nicht. Die Kinder besuchen die rollende Bibliothek in ihrer Freizeit gemeinsam mit der Lehrerin.

Fürs Lesen begeistern

Busbibliothek

Nina Kossens berät einen Gast, der Lesestoff für seine siebenjährige Tochter ausleihen möchte.

Foto: Maximilian von Lachner

Nicht nur als Pädagogin findet Melanie Lührsen den Besuch in der Busbibliothek wichtig. Sie möchte Kinder fürs Lesen begeistern. „Ein Buch in der Hand zu haben und darin zu blättern, finde ich wichtiger als immer nur im Internet zu recherchieren“, sagt sie. „Ich persönlich denke auch, man muss nicht alles kaufen, man kann auch ausleihen.“ In der Busbibliothek lernen die Jungs und Mädchen, wie sie das anstellen. Dann ruft Melanie Lührsen: „Alle Kinder der 2a kommen bitte mit.“ Ihre Zeit ist um. Lührsen verabschiedet sich – und macht mit ihrer Klasse anderen Kindern und Eltern Platz.

Der nicht mal einen Meter breite Gang ist schnell wieder besetzt. Links und rechts ragen Regale bis zur Decke. Darin stehen und liegen über 4000 Medien von der Musik-CD über den Roman bis hin zum Computerspiel. Noch einmal 8700 haben die Leser gerade zu Hause, sagt Matthias Weyh. Die Busbibliothek als fahrende Zweigstelle bietet seit 42 Jahren einen Service, den offenbar viele schätzen. Anne Kroh nutzt die rollende Bücherei seit einem halben Jahr und ist begeistert. „Unter der Woche habe ich tagsüber kein Auto zur Verfügung“, sagt sie. Perfekt also, dass der Bus mitten in Borgfeld hält. „Hier finde ich alles, was ich für meine drei und fünf Jahre alten Kinder brauche.“ Mindestens einmal im Monat besucht sie den Bibliotheksbus. Kinderbücher, Sachbücher, Filme leiht sie aus. Hin und wieder nimmt sie für sich oder den Ehemann einen Hörbuch-Krimi mit. An diesem Tag geht sie mit den Büchern „Herr Panda und das Bitte“ und „Rekorde aus dem Reich der Tiere“ im Arm zur Ausleihe.

In diesem Moment entern fünf Viertklässler den Bus und schauen, welche Spiele es für die Konsole Nintendo Switch gibt. Während sie da hocken und stehen, verlängert sich die Warteschlange an der Ausleihe binnen Sekunden bis zur Tür. Eine Mutter beantragt eine Bibliothekskarte für ihre Tochter, Nina Kossens hat dazu noch Fragen. Danach schiebt ein Junge drei Lustige Taschenbücher von Disney über den schmalen Tresen. Justus leiht sich einen Pokémon-Film aus. Die neunjährige Marlene hält ein Wii-Tanz-Spiel in den Händen. Spiele, Filme und Musik gehören zu ihren Favoriten.

Busbibliothek

Die Bibliotheksangestellte steuert den Bus der Zentralbibliothek durch die engen Strassen Borgfelds.

Foto: Maximilian von Lachner

Was die Busbibliothek neu an Bord hat, zeigt gleich am Eingang ein kleiner Bildschirm: „Neu im Bestand“ ist darauf zu lesen. Nicht fehlen dürfen die Lustigen Taschenbücher, sagt Weyh. Gregs Tagebücher und die Bände „Mein Lotta-Leben“ seien ebenfalls begehrt. Nicht zu toppen ist allerdings alles rund um das Computerspiel Minecraft der Firma Mojang, bei dem es darum geht, Blöcke zu stapeln und Abenteuer zu erleben. Erwachsene dagegen leihen laut Weyh vor allem Titel aus, die auf den Spiegel-Bestsellerlisten stehen. Zurzeit sei das unter anderem der Roman „Marlow“ von Volker Kutscher – die Vorlage für die TV-Kriminalserie „Babylon Berlin“. Jedes Jahr, sagt Weyh, erneuere die Busbibliothek zehn Prozent ihres Bestandes.

Alle zwei Wochen vor Ort

Seit anderthalb Jahren steuert der Bibliothekar alle zwei Wochen die Haltestelle vor der Grundschule Borgfeld an. Am Borgfelder Saatland macht die 16 Tonnen schwere Bibliothek seit rund zehn Jahren halt. Die Borgfelder Stationen sind zwei von insgesamt 26. Am Borgfelder Saatland gehen Weyh zufolge in anderthalb Stunden bis zu 200 Menschen ein und aus, vor der Grundschule Borgfeld sind es in einer Stunde knapp 90 Kinder und Erwachsene. Auf Tour zu sein und der besondere Service für die Leser – das ist es, was Matthias Weyh an seinem Job begeistert. „Wir sind flexibel und kommen den Lesern entgegen“, sagt Weyh, der seit 16 Jahren in der Busbibliothek arbeitet. Viele Kunden könnten oder wollten keine Entfernungen zurücklegen, um sich ein Buch auszuleihen. „Ich bin jeden Tag in einem anderen Stadtteil, von Huchting bis Borgfeld und von Rekum bis Mahndorf.“ Jeder dieser Stadtteile habe seine Ausleih-Mentalität, fügt Nina Kossens hinzu. Das Besondere in Borgfeld: „Die Leser sind sehr treu und lesen offenbar gern.“ Weyh fügt hinzu: „Es nutzen deutlich mehr Kinder als Erwachsene den Bus.“ Ist der Unterricht vorbei, dürfen sie eigenständig das Angebot entdecken. Vorausgesetzt: Die Eltern haben zugestimmt.

Jonas Klein hat sich mit seiner Mutter Birgitta Klein beim Bibliotheksbus verabredet. Sie ist nach eigenen Worten immer wieder erstaunt, wie viele neu erschienene Medien der Bus mitbringt. Ihr Sohn möchte sich an diesem Abend vom Papa Detektivgeschichten vorlesen lassen – ein lieb gewonnenes Ritual. Der Siebenjährige deckt sich dafür mit Lesestoff ein.

Info

Zur Sache

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In der Bremer Busbibliothek fahren fast 4100 Medien von der Musik-CD über den Roman bis hin zum Computerspiel mit. „Wir haben alle Genres dabei, vom Bilderbuch bis zum Bestseller“, sagt Weyh. Der gesamte Bestand umfasst rund 20 000 Medien. „Was wir nicht haben, das besorgen wir aus den anderen Zweigstellen der Zentralbibliothek Am Wall.“ Ist ein Titel auch dort nicht zu finden, können er und Kollegin Nina Kossens bundesweit in Bibliotheken ordern. Beliebt sind entgegen aller Erwartungen nach wie vor Bücher: In den vergangenen Jahren habe die Ausleihe von Printmedien für Kinder zugenommen, so Weyh. Rückläufig sei dagegen der Verleih von Pop-CDs – eine ähnliche Tendenz erwartet der Bibliothekar für Spielfilme. Die Anzahl der Ausleihen aber ist laut Weyh in den vergangenen sieben Jahren um rund ein Drittel auf zurzeit 120 000 pro Jahr gestiegen. Die meisten Medien werden in den Schulferien ausgeliehen. Das nächste Mal hält die Busbibliothek am 3. Dezember in Borgfeld.

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