Experten geben Tipps Wie die Borgfelder das Klima schützen können

Bei einer Veranstaltung des Borgfelder Forums haben am Montag Experten analysiert, wie es in Borgfeld mit dem Klimaschutz steht - und sie haben Tipps gegeben, wie die Borgfelder mehr fürs Klima tun können.
28.06.2022, 21:44
Lesedauer: 4 Min
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Wie die Borgfelder das Klima schützen können
Von Antje Stürmann

Borgfeld. Alle reden über den Klimaschutz – und während es auf der internationalen Bühne schleppend vorangeht, wird Borgfeld konkret. Das Ziel sei ein klimaneutraler Ortsteil, erklärte am Montag der Sprecher des Borgfelder Forums, Hermann Vinke. Er moderierte ein Hearing, bei dem Experten einen analytischen Blick auf den Wümmeort warfen und praktische Tipps für die nächsten Schritte in Richtung Klimaneutralität gaben. Das Borgfelder Forum traf mit der Veranstaltung einen Nerv: Der Gastraum im Restaurant Fleet war mit über 40 Besuchern bis auf den letzten Platz belegt.

Das sagt Rebekka Lemb, Geschäftsführerin der Bremer Stiftung Nordwest Natur: Die Stiftung hat seit 2006 ein Auge auf den Naturschutz unter anderem in den Borgfelder Wümmewiesen. Betraut wurde sie mit dieser Aufgabe von der Bremer Umweltsenatorin. "Die Wümmewiesen versorgen die Stadt Bremen mit frischer, kühler Luft", erklärte die Diplom-Geografin. Außerdem dienten sie als Rückhalteraum für das in der Menge zunehmende Winterregenwasser. "Das würde sonst in die Wohngebiete fließen und Schäden anrichten." Beim Schutz seltener und vom Aussterben bedrohter Pflanzen und Tiere, wie Bekassinen und Wachtelkönig, helfe eine Landwirtschaft ohne Gülledüngung – oder die Düngung nur am Rande von Flächen. Zu schaffen mache den Wiesen die zunehmende Trockenheit: "Bis 2020 hat die Wümme als Lebensader für die Wümmewiesen noch genug Wasser gegeben", so Lemb, doch das ändere sich. "Wir hatten drei Jahre keinen Kanutourismus auf dem Nordarm der Wümme, weil es zu wenig Wasser gab." Die kommende Generation will die Stiftung unter anderem mit dem Blauen Klassenzimmer für den Naturschutz begeistern. In und um einen angelegten Teich auf dem Gelände des Deichverbands erlebten Kinder ein Jahr lang den Wandel der Natur, welche Auswirkungen der Klimawandel habe und was Artenschwund bedeute.

Das sagt der Sprecher des Borgfelder Klimaausschusses, Michael Kruse: Der promovierte Physiker und Grünenpolitiker setzt sich für die energetische Sanierung der Siedlungshäuser zwischen Kiebitzbrink, Querlandstraße und Krögersweg in einem Modellvorhaben ein. Dabei sein sollen auch die Grundschule Borgfeld und die Kirchengemeinde. Unter anderem geht es um eine klimaneutrale Wärmeversorgung der Wohnhäuser. Die Klimaschutzagentur Energiekonsens managt das Projekt, ein externes Ingenieurbüro soll ein Konzept ausarbeiten. Für die Hausbesitzer ist die Teilnahme freiwillig. "Die mit Öl und Gas beheizten Häuser aus den 1950er- und 1960er-Jahren müssen fit gemacht werden für klimaneutrale Zeiten", so Kruse. Die Hausbesitzer im Modellgebiet könnten anderen Hausbesitzern zeigen, wie das gehen kann. Im Gegenzug bekommen sie maßgeschneiderte, kostenlose Tipps von Experten und haben für Fragen einen staatlich geförderten Sanierungsmanager an ihrer Seite.

Das sagt die Energieberaterin der Bremer Verbraucherzentrale, Inse Ewen: Die Verbraucherzentrale berät seit 60 Jahren – auch zum Thema "Haussanierung, wo gibt es Geld dafür". Und laut Inse Ewen gibt es eine Unmenge an Fördergeldern. "Wenn man es pfiffig anstellt, kann man davon profitieren." Zahlreiche Tipps hatte die Beraterin zum Thema Energiesparen parat: sehr alte Kühl- und Gefriergeräte durch neue ersetzen und die alten möglichst nicht als Zweitgeräte in den Keller stellen. "Viele kaufen sich energiesparende Spülmaschinen der Klasse A+++, nutzen sie aber im energie- und wasseraufwendigen Kurzprogramm." Inse Ewen: "Wir haben in den letzten Jahren versäumt, unser Verhalten zu hinterfragen." Wer bislang Energie sparen wollte, habe den Anbieter gewechselt. "Heute gibt es keine günstigen Anbieter mehr." Dafür böten sich viele neue Chancen. Borgfelder Besitzern von Häusern mit solargeeigneten Dächern und kleinem Geldbeutel rät Ewen, Initiativen zu nutzen. "Die finanzieren Fotovoltaik direkt oder vernetzen uns." Extrem schwierig sei die Situation bei der Wärmeversorgung: "Eine Wärmepumpe einbauen, das geht in Borgfeld nicht so einfach." Wärmepumpen seien aber auch nicht das Allheilmittel in Sachen Klimaneutralität. "Seien Sie kreativ", forderte Ewen auf.

Das sagt Thomas Stierle, Mobilitätsexperte vom ADFC Bremen: "In Borgfeld verhält sich niemand klimaneutral." Bei der Hälfte aller Fahrten mit dem Auto würden Strecken von bis zu fünf Kilometer zurückgelegt – das ginge auch (kostenlos) mit dem Fahrrad, glaubt Stierle. Auf diese Weise ließe sich eine Menge CO2 sparen. Selbst ein E-Bike sei nicht so klimafreundlich wie das Fahrrad. Besser sei aus ökologischer und medizinischer Sicht nur, zu Fuß zu gehen. "Was nicht hilft, ist, auf einen anderen Autotyp umzusteigen", so Stierle, der sich für die Verbesserung der Rad- und Fußwege in Borgfeld starkmacht. Stierle vertritt die These: Würden mehr Bremer Rad fahren, würde die Stadt vielleicht mehr Wege sanieren. Borgfelds Lokalpolitiker will er überzeugen, die Infrastruktur im Ort zu verändern, um Fußgänger und Radfahrer mit dem motorisierten Verkehr gleichzustellen. Dazu gehörten Zebrastreifen statt Ampeln, Parkplätze für Lastenräder und das striktere Ahnden von Temposünden.

Zur Sache

Deichhauptmann Michael Schirmer sieht Konflikte bei der Nutzung von Grundwasser auf die Borgfelder zukommen. "Jeder zweite hat hier eine Pumpe und bewässert seinen Garten", das werde für Konkurrenz sorgen, glaubt Schirmer. "Grundwasser ist eine begrenzte Ressource, und es gehört allen."

Rolf Wischhusen als Ingenieur für Betriebs- und Versorgungstechnik, Schwerpunkt öffentliche Trinkwasserversorgung, appellierte an die Borgfelder Runde, Grundwasser zu sparen. "Wir brauchen es für die Trinkwassergewinnung." Die Wiederaufbereitung von Wasser verursache hohe Kosten, und es werde immer schwieriger, Rückstände herauszufiltern. Um Klimaneutralität zu erreichen, sei es wichtig, "dass alle zusammenarbeiten und in Kauf nehmen, dass auch mal Leitungen verlegt werden". Gerichtsverfahren dagegen verzögerten den Ausbau von Strukturen. Häufig dauere es zehn Jahre, bis gebaut werden dürfe.

Katja Muchow vom Bremer Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) rief auf: "Wärme und Strom von der Sonne, die solltet ihr viel mehr nutzen." Ehe man dafür aber Flächen im Naturschutzgebiet in Betracht ziehe, solle man lieber Flächen im Ort mit Kollektoren ausstatten. Das Gebäude, in dem sich der Supermarkt Rewe befinde, besitze zum Beispiel ein großes Dach.

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