Experte hält Borgfelder Kritik für berechtigt

Forscher warnt vor Spielhalle

Suchtforscher Tobias Hayer von der Universität Bremen unterstützt die Kritik an den Plänen für eine Spielothek mitten in Borgfeld. Diese könnte Glücksspiel gesellschaftsfähig machen und Abhängigkeit fördern.
27.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Forscher warnt vor Spielhalle
Von Antje Stürmann
Forscher warnt vor Spielhalle

Ein Mann bedient einen Geldspielautomaten, bei Jugendlichen könnte das der Beginn einer Spielsucht sein, so Hayer.

Frank Thomas Koch

Herr Hayer, haben Sie Verständnis für den Protest der Menschen in Borgfeld, die keine Spielhalle in ihrer Nachbarschaft wollen?

Tobias Hayer: Ja, denn dort soll eine Vergnügungsstätte etabliert werden mit Produkten, mit denen ein hohes Suchtpotenzial einhergeht. Insofern ist die Sorge der Bürgerinnen und Bürger verständlich, wenn Sie sich vergegenwärtigen, welche negativen Folgen mit so einer Ansiedlung verbunden sind.

Die Anwohner fürchten unter anderem, dass Kinder und Jugendliche Schaden nehmen könnten, wenn sie auf dem Weg zur Schule täglich an der Spielhalle vorbeigehen. Besteht diese Gefahr?

Hier würde ich nach Altersgruppen differenzieren. Bei Kindern bis zur 4., 5. Klasse sehe ich die Gefahr nicht unmittelbar, denn sie haben in der Regel keinen Einblick in die Spielhalle. Das heißt, sie werden nicht unmittelbar mit den Spielanreizen konfrontiert. Vor allem haben Kindergarten- und Grundschulkinder noch kein Verständnis, was Glücksspiel ausmacht. Aber ab dem frühen Jugendalter sehe ich gewisse Risiken: Ab etwa 13 Jahren beschäftigen sich Jugendliche oft das erste Mal mit Glücksspiel und ähnlichen Produkten – zunehmend im Internet, aber auch offline. Und wenn der große Bruder in die Spielo geht und mit Gewinn prahlt, hat das Sogwirkung. Wenn so eine Spielstätte in der Nähe von Wohnhäusern etabliert wird, fördert das die Normalisierung des Produktes. Es wird gesellschaftsfähig. Danach über Risiken und Suchtgefahren zu reden, wird schwieriger.

Wie gut sind Spielhallen, was den Kinder- und Jugendschutz anbelangt?

Normalerweise darf keine Person unter 18 Jahre eine Spielhalle betreten. Ich glaube, dass der Jugendschutz in den letzten Jahren in diesem Segment verbessert wurde. Aber das hängt vom Betreiber ab. Im Gaststättenbereich, wo die Geldspielautomaten auch stehen, funktioniert Jugendschutz noch nicht so gut. Verbesserungswürdig sind in beiden Bereichen die Spielerschutzmaßnahmen. Beispielsweise sind die Betreiber in Bremen verpflichtet, bei erkennbaren Anzeichen glücksspielsüchtigen Verhaltens die Person anzusprechen und sie vom Betrieb auszusperren. Aber die Spielsüchtigen sind eben auch die besten Kunden.

Gehören Spielhallen nicht – wie Zigaretten und Alkohol im Supermarkt, Sex-Kinos und Shisha-Bars – zum gängigen Angebot?

Ja und nein. Im Nikotinmarkt hat der Staat erkannt: Rauchen ist sowohl für die aktiv als auch für die passiv Rauchenden gesundheitsschädlich. Aber trotz aller Anstrengungen der Tabakindustrie hat man über Preiserhöhungen und Zugangs- beziehungsweise Werbebeschränkungen Wirksamkeit entfacht. Daran kann man sehen, dass die Gesellschaft und die Gesundheitspolitiker verstanden haben: Die Gefahren übersteigen die Nutzeffekte, wir müssen die Dinge restriktiv regulieren. Das wünsche ich mir im Glücksspielbereich auch. Glücksspielsucht als Krankheit ist in der Gesellschaft noch nicht angekommen. Die negativen Folgen sind weitgehend unbekannt. Die damit verbundenen Kosten auch.

In Borgfeld fordern Politiker, dass baurechtlich im Ort künftig keine Spielhalle mehr möglich sein soll. Würde ein Verbot von Spielhallen nützen?

Ich glaube, ein generelles Verbot ist nicht umsetzbar. Hinter dem Glücksspiel steckt eine Milliardenindustrie. Es könnte sich ein illegaler Markt bilden, die Automaten würden dann in Hinterzimmern aufgestellt werden. Was wir brauchen, ist ein eng umschriebener Markt: eine Produktverknappung, ein legales, seriöses Angebot mit geeigneten Spielerschutzmaßnahmen – staatlich, flächendeckend und regelmäßig kontrolliert. Fällt ein Anbieter durch, folgt eine Sanktion.

Wird zurzeit regelmäßig kontrolliert?

Bremen ist besser geworden, zumindest im Bereich Wettbüros. Die Behörden sind diesbezüglich leider unterbesetzt. Ich wünsche mir hier mehr personelle Power.

Wie groß ist eigentlich die Verlockung, die von einer Spielothek ausgeht?

Stellen Sie sich vor, da ist ein 13-jähriger Junge, der geht in eine Dönerbude, schmeißt sein Wechselgeld in einen Automaten; der bimmelt und der Junge holt 50 Euro raus. Das ist ein emotionales Brandereignis, das will er natürlich noch einmal haben. Und schon kann diese Person gefangen sein. Der frühe Erstgewinn kann den typischen Einstieg in eine Spielerkarriere bedeuten. Grundsätzlich gilt: Je früher der Erstkontakt, desto wahrscheinlicher ist eine Fehlentwicklung.

Auf was müssen die Borgfelder noch gefasst sein, sollte die vom Bauamt genehmigte Spielhalle eröffnet werden?

Eine Begleiterscheinung wäre zum Beispiel die Kriminalität im Umfeld von Spielhallen. Es gibt die ein oder andere Spielhalle, die überfallen wird. Stichwort Beschaffungskriminalität. Ich glaube, es gibt einige Spielerinnen und Spieler, die ihr Geld dort zurückholen wollen, wo sie es verloren haben. Dann gibt es den Trading-Down-Effekt. Es wird befürchtet, dass der Stadtteil über die Ansiedlung von Vergnügungs- oder Spielstätten abgewertet wird. Wo früher der Einzelhandel war, siedeln sich Vergnügungsstätten an, und die Abwärtsspirale dreht sich weiter. Schließlich kann die Spielsucht eine Borgfelderin oder einen Borgfelder treffen. Die negativen Folgen sind immens. Da spielen sich Dramen ab. Unter Spielsüchtigen gibt es eine relativ hohe Rate an Suizidalität, Suizidgedanken, Suizidversuche, und einen hohen Grad an Verschuldung mit allen Konsequenzen. Das macht etwas mit Familien.

Gibt es Gewinner?

Das ist in erster Linie der Spielhallenbetreiber, neben dem Staat, der die Steuern erhält.

Was raten Sie also den Borgfeldern?

Man sollte sachlich über die Gefahren, die mit dem Betrieb einer Spielhalle im Ort verbunden sind, aufklären. Studien haben ergeben, dass 60 bis 80 Prozent der Umsätze in diesem Segment von Süchtigen stammen. Da darf man schon mal das Geschäftsmodell hinterfragen. Ich begrüße die Initiative in Borgfeld und dass man sich kritisch mit der Materie auseinandersetzt. Ich kann das nur unterstützen. Es ist wie in vielen Bereichen: Angebot schafft Nachfrage. Die Gemeinde sollte sich schon die Frage stellen: Ist diese Spielhalle vor Ort vonnöten?

Das Gespräch führte Antje Stürmann.
Diplom-Psychologe, Suchtforscher und Glücksspielexperte Tobias Hayer von der Universität Bremen.

Diplom-Psychologe, Suchtforscher und Glücksspielexperte Tobias Hayer von der Universität Bremen.

Foto: Kai Uwe Bohn/Universität Bremen

Info

Zur Person

Tobias Hayer

forscht an der Universität Bremen zum Thema Glücksspiel. Der promovierte Psychologe befasst sich bereits seit 20 Jahren mit den Problemen, die Glücksspiel verursacht, mit der Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen und den Gefahren, die unter anderem für Jugendliche bestehen.

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