Berühmte Borgfelder: Frieder Nake

Der Erfinder der Computerkunst

Berühmt geworden ist Frieder Nake mit Computergrafiken. Heute lehrt der 82-jährige Borgfelder als Professor an der Universität Bremen. Er schreibt Bücher und plant für Sommer eine Ausstellung in Hoyerswerda.
29.03.2021, 16:46
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Der Erfinder der Computerkunst
Von Antje Stürmann
Der Erfinder der Computerkunst

Er hat die Computerkunst miterfunden, seine Werke waren auf den wichtigsten Ausstellungen dieser Welt zu sehen: Frieder Nake sitzt auf einem Teppich, der seinem Kunstwerk "Matrizenmultiplikation Serie 32" nachempfunden ist.

CARMEN JASPERSEN

Borgfeld. Frieder Nake ist berühmt. Er hat die Kunst der Computergrafiken erfunden. Seine Zeichnungen haben Galeristen in New York, London und Vancouver ausgestellt. Seit Jahrzehnten lehrt er europaweit an Hochschulen als Professor für grafische Datenverarbeitung. Dann öffnet der Borgfelder die Tür zu seiner Mansardenwohnung, und auf seinem schwarzen T-Shirt steht in großen gelben Lettern: „Ich kapier's nicht.“

Dabei versteht er so viel von dieser Welt. Sein Kopf ist voller kluger, schöner Ideen. „Wissen Sie“, sagt er über den Spruch auf seinem T-Shirt, „wir begreifen nix, das spricht mir aus der Seele.“

Hommage à Paul Klee

Bekannt geworden ist der gebürtige Stuttgarter mit Werken wie „Matrizenmultiplikation Serie 32“ und 13/9/65, Nr. 7 Zufälliger Polygonzug. Allein diese Namen. Eine seiner erfolgreichsten Computerzeichnungen trägt den Titel 13/9/65 Nr. 2 Hommage à Paul Klee. Das Original hängt bei Nake im Flur. Ihm zugrunde liegt das 1929 entstandene Bild „Hauptweg und Nebenwege“ von Paul Klee. Es besteht aus vielen bunten Streifen und Lagen. „Ich habe damals so lange darauf herumgeguckt“, sagt Nake. So lange, bis er seine Hommage an Klee fertig gedacht hatte. Das war am 13. September 1965, es war die zweite Grafik, die in dieser Nacht entstand.

Bei Nakes Kunstwerk erinnern Bahnen und Zeilen nur entfernt an Paul Klees Bild. Schwarze Tuschelinien fügen sich stattdessen ein, häufen sich, kreuzen einander. „Die Kreise gibt es bei Klee gar nicht, aber die spielen hier eine große Rolle“, sagt Nake. „Die blubbern nur auf der linken Seite, einer verirrt sich auf die rechte Seite.“ Darauf, sagt er, habe er keinen Einfluss gehabt. Dieses Loslassen im Tun zieht sich durch Nakes Schaffen: „Alle meine Bilder sind Erforschungen des Zufalls“, sagt der promovierte Wahrscheinlichkeitstheoretiker. „Ich denke das Bild, der Computer macht es.“

„Riesenhafte Überraschung“

Und das geht so: Nake gibt als Programmierer der Maschine einen Gestaltungsraum vor. „Verwende zwischen zwei und 20 Striche“, könnte so ein Befehl lauten. Wie viele der Computer zeichnet, welche Formen und Verteilungen sich ergeben, weiß Nake erst, wenn die Maschine fertig ist. Das Ergebnis bezeichnet Nake als „mitunter riesenhafte Überraschung“. Bei der Hommage à Paul Klee habe er geahnt, dass da gerade etwas Großes entsteht. Es war nicht weniger als der Beginn einer neuen Kunstrichtung, der Computerkunst. Eine Viertelstunde habe er gerechnet. Bis das Werk gezeichnet war, vergingen drei Stunden.

Der Zufall war immer ein Teil der Arbeit. „Ich bin Student und arbeite als Hilfskraft am Rechenzentrum in Stuttgart“, erzählt Nake, „da kommt am Morgen ein junger Wiener Professor zu mir und sagt: Herr Nake, mer kaufen ä Zeichenmaschin, ober mer kriegen kei Softwer. Mochen Sie die?“ Diese Worte, sagt Nake, „haben mein Leben verändert“. Der damals 20-Jährige entwickelt die Software – im Kopf. „Ich denke die Software.“ Nake stellt die nötigen Lochstreifen her. Dann erst fährt er zur Zuse AG in Bad Hersfeld (später Siemens) und bringt dort den Graphomaten Z64 des Computererfinders Konrad Zuse zum Zeichnen. Als er sein Programm testet, stellt Nake fest: Es ist voller Fehler. Kein Problem aber für Nake, im Gegenteil, er nutzt das Zufällige. „Das ist der Schritt zum Künstlerischen.“

Trotz und Revolution

Wenn Nake erzählt, steckt immer ein bisschen Trotz und Revolution darin. 1967 promoviert er, er möchte Professor werden, aber ohne sich dabei verbiegen zu müssen. Um die Habilitation zu umgehen, wandert er 1968 nach Kanada aus. Während es in Deutschland noch nicht einmal einen Studiengang Informatik gibt, bildet Frieder Nake am Computer Science Department in Toronto schon Informatiker aus. An der Universität in Vancouver stellt man ihn wenig später ohne Zögern als Professor für Computergrafik ein. „Da war ich schon berühmt“, sagt Nake.

Plötzlich ruft er: „Da, schau her“, und zeigt drei quadratische Zeichnungen, die jeweils aus einer Linie bestehen. Das Computerprogramm, das dieser Zeichnung zugrunde liegt, verbindet einzelne Punkte durch Linien. „Ah, pass ma auf...“, sagt Nake und holt eine andere Zeichnung, dann noch eine. In seinen Werken spielt er mit Strukturen und Verteilungen. Es gibt farbige Punkt-Grafiken, leichte Fächerstrukturen, dramatische Ballungen schwarzer Linien. Gebogene Strahlenbündel und bunte Quadrate. Jede Zeichnung ist ein Unikat, denn zufällig gesetzte Punkte und Fehler lassen sich nicht reproduzieren.

Gespür für Ästhetik

Mit einem außergewöhnlichen Gespür für Ästhetik und seinem Sinn fürs Akkurate schafft Nake in 57 Jahren Hunderte Tuschezeichnungen auf Papier. 600 verkauft oder verschenkt er nach eigenen Angaben. Heute druckt er seine digitalen, aus unzähligen Pixeln bestehenden Kunstwerke. Nake begleitet 400 Studentinnen und Studenten bis zu ihrem Master oder Diplom, 60 machen unter Nake ihren Doktor, etliche werden selber Professorinnen und Professoren. „Mir war immer wichtig, dass ich ein Superverhältnis zu denen habe, sie nie Professor zu mir sagen und dass sie kritisch denken.“ In seinen Lehrveranstaltungen soll es heiter zugehen. Für seine Art zu lehren erhält er 1997 den Berninghausenpreis.

Nach Borgfeld zog Frieder Nake vor 20 Jahren gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin. Zufällig, wie er sagt. 30 Jahre zuvor war er dem Ruf der damals neu gegründeten Bremer Universität gefolgt. Dort lehrt er, wie er sagt, 90 Stunden in der Woche als Professor für grafische Datenverarbeitung und digitale Medien. Einen Ausgleich, sagt Nake, braucht er nicht. „Mein ganzes Leben mache ich das, was ich will, es ist mein Leben, was ich mache.“ Seine anfängliche Ablehnung einer „Maschinisierung der Kopfarbeit“ ist indes kleiner geworden. Die Technik sei ja nun mal überall. Eine grundlegende, große Skepsis bleibt: „In der Informatik wird das Denken knallhart reduziert und in Programme hineingeschrieben.“ Der Mensch dagegen sei eine grandiose Einheit aus Denken und Handeln.

Info

Zur Sache

Forscher zwischen Kunst und Informatik

Frieder Nake wird 1938 in Stuttgart geboren und wächst aber zunächst in Thüringen auf. Seine Mutter ist Hausfrau „bäuerlicher Herkunft“, sein Vater Finanzbeamter. 1948 zieht die Familie in den Westen Deutschlands. Dort lebt Nake bei entfernten Verwandten auf der Schwäbischen Alb. Weil er sich aus Angst verweigert, lernt er erst in der dritten Klasse lesen und schreiben. Sein Abitur macht er eigenen Angaben zufolge mit einem Durchschnitt von 2,3. Nake studiert an der Universität Stuttgart Mathematik und promoviert 1967 über die Wahrscheinlichkeitstheorie.

An der University of Toronto forscht er über Computerkunst. Danach arbeitet er als Professor am Computer Science Department der University of British Columbia im kanadischen Vancouver. Seine ersten künstlerischen Versuche startet er im Recheninstitut der Technischen Hochschule (TH) Stuttgart. 1965 stellt er seine Werke bei den weltweit ersten Ausstellungen von Computerkunst (Computer Art) aus in der Studiengalerie der TH Stuttgart, in der Howard Wise Gallery in New York und bei Wendelin Niedlich in Stuttgart. Später nimmt Nake unter anderem an der berühmten Cybernetic Serendipity in London teil.

Seit 1972 ist Nake Professor für Grafische Datenverarbeitung an der Universität Bremen. Er setzt sich kritisch mit den Auswirkungen von Informatik auseinander und veröffentlicht zahlreiche Schriften. Die bekanntesten Bücher sind die „Ästhetik als Informationsverarbeitung“ und „Die erträgliche Leichtigkeit der Zeichen. Ästhetik, Semiotik, Informatik“. Nake lehrt unter anderem an den Universitäten in Wien, im dänischen Århus, Oslo, Basel. 1979 kandidiert er bei der Bürgerschaftswahl erfolglos für den inzwischen aufgelösten Kommunistischen Bund Westdeutschland. 2004/2005 stellt er unter anderem in der Kunsthalle Bremen gemeinsam mit Studenten erarbeitete interaktive Installationen aus: „Die präzisen Vergnügen“.

Frieder Nake war zweimal verheiratet, er hat einen erwachsenen Sohn und eine Tochter. Der 82-Jährige arbeitet weiter künstlerisch, lehrt an der Universität und schreibt Bücher. Zurzeit befasst er sich mit dem Wirken des kanadischen Computerkünstlers Leslie Mezei und des britischen Grafikers und Informatikers Harold Cohen. Nake wird 1997 mit dem Berninhausenpreis für ausgezeichnete Lehre geehrt, 2018 erhält er gemeinsam mit der Gesellschaft für Informatik die Klaus-Tschira-Medaille. Für diesen Sommer plant er eine Ausstellung im Zuse-Computer-Museum Hoyerswerda.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+