Der Verein Weinkonvent zur Rose übernimmt Patenschaft für die Rebstöcke von Bremens Altbürgermeister Gute Spätlese aus Kaisens Gewächshaus

Borgfeld. Groß und üppig hängen die roten und weißen Trauben an der Pflanze. Ewald Briesch blickt in die Höhe und greift zur Trittleiter. Ein paar Stufen, ein gezielter Schnitt und die ersten prall runden Früchte liegen in seiner hohlen Hand. Später wird der Weinexperte zufrieden nicken. Optimalen Zuckergehalt kann er den Beeren bescheinigen, was schon ein bisschen staunen lässt. Schließlich gedeihen diese Trauben nicht etwa an Mosel oder Rhein, sondern in einem Borgfelder Gewächshaus. Durch diesen Bremer Stadtteil fließt zwar die Wümme, aber deren Niederung ist als Weinanbaugebiet nicht bekannt. Noch nicht.
12.08.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulrike Schumacher

Borgfeld. Groß und üppig hängen die roten und weißen Trauben an der Pflanze. Ewald Briesch blickt in die Höhe und greift zur Trittleiter. Ein paar Stufen, ein gezielter Schnitt und die ersten prall runden Früchte liegen in seiner hohlen Hand. Später wird der Weinexperte zufrieden nicken. Optimalen Zuckergehalt kann er den Beeren bescheinigen, was schon ein bisschen staunen lässt. Schließlich gedeihen diese Trauben nicht etwa an Mosel oder Rhein, sondern in einem Borgfelder Gewächshaus. Durch diesen Bremer Stadtteil fließt zwar die Wümme, aber deren Niederung ist als Weinanbaugebiet nicht bekannt. Noch nicht.

Das Gewächshaus ist nicht irgendeines. Es gehörte einst Bremens Altbürgermeister Wilhelm Kaisen. Seit 1965 steht es auf dem Kaisen-Grundstück am Rethfeldsfleet. "Die Bremer Wirtschaft hatte es ihm zum Ruhestand geschenkt", erzählt Volker Kröning, der Vorsitzende der Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung, die die Scheune auf dem Anwesen zur Dokumentationsstätte umgebaut hat. Am zweiten Sonntag im Monat sind von 11 bis 16 Uhr für interessierte Gäste die Türen geöffnet. Doch jetzt zieht es die Besucher ins benachbarte Gewächshaus.

Trübes Wetter nimmt sie in Empfang. Ein kalter und feuchter Augusttag. Kein Sonnenstrahl will durch die hellgrünen Blätter hindurchscheinen, die sich über den Köpfen der Besuchergruppe das Glasdach erobert haben. Für wohlige Wärme muss der Spätburgunder sorgen, der in die Gläser fließt und zu Käsewürfeln und Brot auf der Zunge zergeht. Ein Vorgeschmack auf die künftige Borgfelder Ernte. So könnte er nämlich munden, der Wein, den eine kundige Gruppe von 20 Männern und Frauen hier mal produzieren will. Sie bilden den eingetragenen Verein "Weinkonvent zur Rose", der an diesem Tag offiziell die Patenschaft für Kaisens Weinreben übernimmt.

Treffen vier Meter unter der Erde

Gegründet hatte sich dieser Verein bereits im Jahr 1995 - vier Meter unter Bremens Erde. Vor dem ältesten Fasswein Deutschlands, einem 1653er-Rüdesheimer, kamen die Weinfreunde deshalb vor 16 Jahren im Rosekeller des Bremer Ratskellers zusammen. "Zu unseren Zielen zählt, Freundinnen und Freunde des Weines in dem Bestreben zu vereinen, das Wissen um das Kulturgut Wein zu fördern und zur Hebung der Weinkultur beizutragen", erzählt Vorsitzender Ewald Briesch, zu dessen Vorstandskollegen auch Ratskellermeister Karl Josef Krötz gehört. Der Verein bietet regelmäßig Veranstaltungen an, organisiert Reisen in Weinanbaugebiete und pflegt freundschaftliche Verbindungen mit anderen Weinbruderschaften im In- und Ausland. Die eine oder andere Weinpflanze haben die Mitglieder ebenso im Garten. Und nun fällt auch ein Gewächshaus von Rang und Namen in ihre Obhut.

Das kam so: Im Februar besuchten die Weinfreunde die Kaisen-Scheune. "Dabei weckte das große Gewächshaus in der Nachbarschaft mit den zwei Weinreben unsere besondere Aufmerksamkeit", erinnert sich Ewald Briesch. Spontan bot die Gruppe an, sich fachmännisch um die Pflege der Rebstöcke zu kümmern. An einem Sonntag im Frühjahr schnitten sie die Reben kräftig zurück, woraufhin die Pflanzen schon bald wieder mächtig austrieben. Demnächst wollen sie die Rebsorte bestimmen lassen. Dass die Früchte schon Anfang August so reif waren, hat die Weinfreunde allerdings überrascht. Geerntet wird normalerweise Mitte September.

Die Rebstöcke sind schon alt. Eine Rebe, erzählt Volker Kröning, wurde bereits in den 30er-Jahren mit Errichtung der Hofstelle gepflanzt. Eine weitere kam zum Gedenken an Kaisens Sohn Nils hinzu, der als Soldat im Zweiten Weltkrieg ums Leben kam. Später muss der Altbürgermeister die Rebstöcke dann ins Gewächshaus gepflanzt haben, wo sie einen günstigen Standort erhielten. Als Pfahlwurzler können die Reben bis zu sechs Meter in die Tiefe gehen und dort für ihr Wachstum wichtige Mineralstoffe aufnehmen. Auch Wasser sei hier reichlich vorhanden, sagt Ewald Briesch.

Der Diplomingenieur für Weinbau und Kellerwirtschaft hat sich die grüne Schürze umgebunden und ist in seinem Element. Beruflich habe er ja eher mit der "trockenen Seite des Weins" zu tun, sagt Briesch. Als Weinsachverständiger am Landesuntersuchungsamt kommt er auch schon mal mit den negativen Seiten des Weins in Berührung. Umso erfreuter schaut er an diesem Tag auf einen stark vergrößerten Tropfen Saft aus einer frisch geernteten Traube. Einen optimalen Zuckergehalt kann der Vereinsvorsitzende entdecken. "Das wäre schon eine gute Spätlese", urteilt er anerkennend. Doch den ersten Wein - rund 50 Flaschen könnten die Borgfelder Trauben hergeben - will der Verein erst im nächsten Jahr produzieren. Die Ernte 2011 soll wie gewohnt den Vögeln gehören. Nur einen gewissen Teil wird sich der Weinkonvent zur Rose jetzt sichern. "Daraus machen wir dann Traubengelee", kündigt Briesch an. "Das ist der einzige Wein, den man schon zum Frühstück zu sich nehmen kann."

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