Vom Bürgermeisterleben auf dem Land / Wilhelm Kaisens einstige Scheune ist heute Dokumentationsstätte Hinter Herrn Heuss hängen noch die Socken

Borgfeld. Es ist alles noch da. Der alte Küchenschrank mit den Tellern und Tassen darin, an der Wand die Mühle für die Kaffeebohnen und der kleine weiße Geschirrschrank. Wer die Türen aufklappt, sieht an ihren Rückseiten die Topfdeckel kleben. Die Hausfrau konnte sie einfach hinter die Halterungen klemmen, die von innen an den Schranktüren angebracht sind. Soviel sinnvoll genutzter Stauraum fasziniert heute manch einen Besucher. Zwei Schritte davon entfernt steht der Esstisch mit den geflochtenen Stühlen. Hier hat sie gesessen, die Bürgermeisterfamilie.
05.11.2010, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Ulrike Schumacher

Borgfeld. Es ist alles noch da. Der alte Küchenschrank mit den Tellern und Tassen darin, an der Wand die Mühle für die Kaffeebohnen und der kleine weiße Geschirrschrank. Wer die Türen aufklappt, sieht an ihren Rückseiten die Topfdeckel kleben. Die Hausfrau konnte sie einfach hinter die Halterungen klemmen, die von innen an den Schranktüren angebracht sind. Soviel sinnvoll genutzter Stauraum fasziniert heute manch einen Besucher. Zwei Schritte davon entfernt steht der Esstisch mit den geflochtenen Stühlen. Hier hat sie gesessen, die Bürgermeisterfamilie.

Ein Besuch in der Borgfelder Straße Rethfeldsfleet, Hausnummer neun, ist eine Reise in die Vergangenheit. Ein Sprung in weit zurückliegende Jahrzehnte, in die Zeit, als Bremens Bürgermeister Wilhelm Kaisen hier zu Hause war. 'Was! Hier?', rufen Schüler oft erstaunt, wenn sie durch die gedrungenen Zimmer geführt werden. Dass der Ministerpräsident eines Landes auf so engem Raum leben konnte, ist für sie unvorstellbar, berichtet Hartmut Müller. Der frühere Leiter des Bremer Staatsarchivs gehört zum Vorstand der Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung, die die Erinnerung an Wilhelm Kaisen und sein Lebenswerk, an dessen Ehefrau und an die Kinder wach hält. Vor 15 Jahren wurde die Stiftung gegründet, 50 Jahre nachdem Wilhelm Kaisen von der amerikanischen Militärregierung zum Bremer Bürgermeister und Präsidenten des Senats berufen wurde. Er blieb es 20 Jahre lang.

In der Scheune neben dem Haus hat die Stiftung eine Dokumentationsstätte eingerichtet, die am zweiten Sonntag im Monat von 11 bis 16 Uhr ihre Türen öffnet. Gelegentlich führt Hartmut Müller die Besucher auch durch das Wohnhaus, in dem bis vor ein paar Jahren noch Kaisens Tochter Ilse wohnte. Jetzt steht es leer, doch in den kleinen Räumen ruht noch der bescheidene Alltag. Neun Leute haben hier zeitweise gewohnt, erzählt Hartmut Müller. Neun Leute und drei Kühe unter einem Dach. Keine Spur von Prunk und Protz. Keine Dominanz aus Glas, Stahl und Beton. Nichts Ehrfurchteinflößendes. Das Landesvaterhaus am Ende der Straße, wo der Blick weit über die Wiesen geht, ist angenehmer Ausdruck eines ganz normalen Lebens. Hier hat sich der Bürgermeister die Arbeitsjacke angezogen, ist in den Stall gegangen, um die Kühe zu melken, sie mit Heu zu versorgen und den Mist herauszutragen.

Hier hat Wilhelm Kaisen auch Politiker und Staatsgäste empfangen. 1952 kam Bundespräsident Theodor Heuss nach Borgfeld. Es gibt ein Foto, das beide in der Küche zeigt - im Hintergrund hängen über dem Ofenrohr zum Trocknen die Socken. Und die wenigen Polizisten, die zum Schutz des Bundespräsidenten dabei waren, tranken in der Küche Kaffee, während der Bürgermeister seinem Gast im Stall die Tiere zeigte und mit ihm in der kleinen Stube politische Gespräche führte.

1933 siedelten Wilhelm und Helene Kaisen mit den vier Kindern Niels, Ilse, Franz und Inge von Findorff nach Borgfeld um. 'Er musste sich eine berufliche Perspektive suchen', erzählt Hartmut Müller. Die Landwirtschaft mit Ackerbau und Viehhaltung sicherte der Familie die Existenz. Jahre zuvor, 1920, war der Sozialdemokrat in die Bürgerschaft eingezogen. 1928 wurde Wilhelm Kaisen in den Senat gewählt und übernahm das Wohlfahrtsressort. Dann kam die nationalsozialistische Diktatur. Wilhelm Kaisen wurde verhaftet. Seine Tochter erinnert sich: 'Nachdem unser Vater aus der Haft entlassen war, entschlossen sich unsere Eltern, die Stadt zu verlassen. Unser Vater hatte die Idee, weit draußen auf dem Lande, abseits von aller Zivilisation, zu siedeln', schreibt Ilse Kaisen in ihrem Buch 'Unser Leben in Borgfeld'. Wilhelm Kaisen entsann sich eines schon in der Weimarer Zeit geplanten Siedlungsvorhabens in Katrepel. Weit hinten in den Wiesen gab es noch ein Grundstück, das keiner haben wollte. Die

Kaisens nahmen es. Und blieben. Auch als die Nazis besiegt, der Zweite Weltkrieg zu Ende war und Wilhelm Kaisen ins Rathaus zurückging. 'Es war wieder die Generation der Großmütter und Großväter, die den Karren ,aus dem Dreck? zog. Die Jüngeren waren entweder nicht aus dem Krieg zurückgekommen oder aber krank und ohne Hoffnung wieder zu Hause. Angesichts dieses Elends und der Trostlosigkeit war unser Vater bereit, erneut ein politisches Amt zu übernehmen', schreibt Ilse Kaisen. 'Dabei stellte er an unsere Familie eine Bedingung: Unser Wohnen und Leben in Borgfeld sollte sich nicht ändern.'

'Das ist aber kein schöner Beruf'

Hartmut Müller zieht eine Schublade auf. Zu den Dokumenten, die die Stiftung in der Kaisen-Scheune zeigt, gehört auch eine Kopie des ersten Senatsprotokolls der bremischen Nachkriegsregierung. 'Man kann darin sehr viel über die Situation in der Nachkriegszeit erfahren und darüber, wie die Politiker damals damit umgingen.' Es wurde viel diskutiert über die Nöte in der Stadt. Das zeigt das Protokoll auch.

Eine andere Schublade beherbergt Dokumente über Wilhelm Kaisens Bürgernähe. Sie enthält Postkarten und Briefe, die die Menschen damals ins Rathaus schickten. Ein junger Steppke hatte im Februar 1951 geschrieben: 'Ich möchte Bürgermeister werden, wenn Sie alt sind. Ich möchte Sie einmal sehen. Wann kann ich mal kommen...' Nur wenige Tage später hatte Kaisens Sekretärin geantwortet und den Jungen eingeladen. Eine Woche darauf saßen sie dann zusammen. Es gibt darüber ein Protokoll. 'So, und du willst später einmal Bürgermeister werden?', hatte Kaisen den Gast gefragt und umgehend abgeraten. 'Das ist aber kein schöner Beruf, da hast du viel Sorgen und viel Ärger, werde du man lieber etwas anderes!' Jahrzehnte später hatte der Junge von einst seine Postkarte beim Besuch der Dokumentationsstätte wiederentdeckt. Bürgermeister ist er nicht geworden.

Ausgestellt sind auch die Briefe politischer Weggefährten. Sie stammen von Theodor Heuss, Konrad Adenauer, Willy Brandt, Herbert Wehner oder Kurt Schumacher. Darüber hinaus dokumentieren Fotos und Zeitungsartikel Kaisens Wirken für bremische und deutsche Anliegen im Ausland. Mit Karl Carstens, damals noch Bremer Senatsreferent, reiste er 1950 in die USA, um über die Wiederzulassung des deutschen Schiffbaus und der Handelsschifffahrt zu verhandeln. Und als einer der ersten deutschen Politiker führte Wilhelm Kaisen nach dem Krieg auch Gespräche in Frankreich. 'Es war mutig damals, dorthin zu fahren. Aber es war auch nötig', sagt Hartmut Müller. 'Es zeigt, dass er die Dinge anpackte.'

Das gilt für beide Felder: für die Politik und für das landwirtschaftliche Wirken in Borgfeld. In der Dokumentationsstätte ist beides eng miteinander verknüpft. Neben seinem Schreibtisch aus dem Rathaus stehen Kaisens alte Rübensämaschine, die selbst geflochtenen Körbe und die von Hand gebundenen Besen. Viele selbst geschnitzte Heugabel-Zinken seien ihnen in die Hände gefallen, als sie die Kaisen-Scheune zur Dokumentationsstätte umgebaut haben, erinnert sich Hartmut Müller. 'Und überall lagen seine Zigarren.' Die Stiftung hat das Leben und Schaffen des Menschen und Politikers auf behutsame Weise zum Ausdruck gebracht. Die Wände der Dokumentationsstätte sind zurückhaltend bebildert und mit Texten versehen. Die Klarheit und Einfachheit der Ausstellungsräume sprechen für sich und 'entsprechen dem Wesen der beiden'. Wohlgemerkt der beiden, denn Helene Kaisen soll nicht vergessen werden, obwohl sie als Landesmutter eher im Hintergrund wirkte. Sie war die fürsorgliche und stets offene

Ansprechpartnerin für all die Menschen, die sie mit ihren Alltagssorgen und Bitten in Borgfeld aufsuchten.

Die Bremerin, die der Hamburger Wilhelm Kaisen 1913 auf der Parteischule der SPD in Berlin kennenlernte und die er 1916 heiratete, war 'eine hochpolitische Frau und eine absolut radikale Pazifistin', weiß Hartmut Müller. In der Dokumentationsstätte erinnert ein eigenes Zimmer an sie. Ihrem Mann war sie auch eine kritische Zuhörerin und Ratgeberin. Wenn er sich nach seinem Arbeitstag in der kleinen Küche am Fenster in den Sessel setzte, dann habe sie beim ersten Blick gewusst, ob er sprechen oder schweigen wollte. 'Manchmal geht es gleich los mit dem Diskutieren', erzählte Helene Kaisen 1964 anlässlich ihres 75. Geburtstages, 'aber manchmal hake ich ihn erst mal ein und dann gehen wir beide ein Stück spazieren. Schweigen ist oft eine gute Sache.' Helene Kaisen starb 1973, ihr Mann folgte ihr 92-jährig am 19. Dezember 1979.

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