Kinder- und Jugendfarm

Im Arche-Park geht es ums Erhalten

Zahlreiche bedrohte Nutztierrassen leben im Arche-Park der Hans-Wendt-Stiftung. Auf der Kinder- und Jugendfarm in Borgfeld herrscht den ganzen Tag über ein buntes Treiben, denn die Gäste kommen zahlreich.
13.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Maren Brandstätter

Das Gatter steht offen – Julchen ist unterwegs. Nichts Ungewöhnliches, denn das 22 Jahre alte Shetlandpony schätzt Spaziergänge auf der Kinder- und Jugendfarm der Hans-Wendt-Stiftung. Manchmal ist sie dabei in Begleitung, manchmal ist sie alleine unterwegs, erzählt Friederike Reinsch. Sie ist Sozialpädagogin in der Hans-Wendt-Stiftung und hat ihren Arbeitsschwerpunkt auf dem weitläufigen Areal, wo in diversen Gehegen die unterschiedlichsten Tierrassen zuhause sind. Seit einiger Zeit legt die Stiftung dabei besonderen Wert auf alte Haustierrassen, die vom Aussterben bedroht sind. Die Stiftung möchte aus der Kinder- und Jugendfarm nämlich einen sogenannten Arche-Park machen.

Der Arche-Park ist eine von insgesamt vier Kategorien, die von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) unterschieden werden. Beim Park geht es vorrangig um Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Bei Arche-Höfen liegt der Schwerpunkt indes in der landwirtschaftlichen Nutzung der Tiere – Vermarktung inbegriffen. Schließen sich mindestens vier Arche-Höfe zusammen, spricht die GEH von einem Arche-Dorf. Ähnliche Kriterien gelten für Arche-Regionen, in denen die Arche-Betriebe allerdings in einer größeren Fläche angesiedelt sind, wie beispielsweise in einem Biosphärenreservat.

Bis auf Shetlandpony Julchen, die drei Esel auf der Nachbarweide, eine Ziege und zwei Reitpferde stehen alle Tiere der Kinder- und Jugendfarm auf der Roten Liste – oder zumindest kurz davor. So wie die vier Deutschen Riesen im Streichelgehege neben dem Südeingang. Die stattlichen Kaninchenböcke sind auf der Roten Liste unter der Rubrik „Beobachtung“ zu finden, erzählt Matthias Emrich, Leiter des Bereichs Zentrale Dienste. Dass die größte und schwerste Kaninchenrasse im Streichelgehege lebt, habe allerdings in erster Linie pragmatische Gründe. „Wenn Kinder ein Zwergkaninchen hochnehmen, fängt es möglicherweise an, zu zappeln, fällt herunter und verletzt sich“, sagt er. Bei den sechs bis sieben Kilo schweren Deutschen Riesen bestehe diese Gefahr hingegen nicht.

Auch im Nachbargehege ist der männliche Vertreter der stark gefährdeten Rasse eine imposante Erscheinung. Caruso und seine Gefährtinnen sind Mechelner Hühner, die laut GEH gleichermaßen durch gute Fleischqualität und Legeleistung überzeugen. Beide Eigenschaften werden auf der Kinder- und Jugendfarm genutzt, betont Emrich. „Ein Arche-Park ist nicht zu verwechseln mit einem Gnadenhof“, sagt er. Hier gehe es um Zucht zur Arterhaltung – und dazu gehöre eben auch die Verwertung der Tiere gemäß dem Grundsatz „Erhalten durch Aufessen“.

Um Luca Letzteres zu ersparen, hofft das Team dringend, ein neues Zuhause für den Leineschafbock zu finden. Auf der Kinder- und Jugendfarm könne er nicht bleiben, sonst drohe Inzucht, erklärt Friederike Reinsch. Gesellschaft leistet ihm derzeit eine nicht näher spezifizierbare Ziege – die letzte ihrer Art auf der Farm. Künftig sollen hier die seltenen Harzer Ziegen stehen. Im Gehege der weiblichen Leineschafe schlafen zwei Lämmer in der Sonne. Justus und Jonas heißen sie. „Zwei Böcke, leider“, bedauert Reinsch, denn auch sie können wie Luca perspektivisch nicht auf der Kinder- und Jugendfarm bleiben.

Auf der anderen Seite des Zauns wackeln zwei schneeweiße Gänse in Richtung ihres Gatters. Es handelt sich um Emdener Gänse, die schwersten ihrer Art in Deutschland. „Unsere Wachhunde“, sagt Emrich in Anspielung auf das laute Organ des stark gefährdeten Federviehs.

Das Areal entlang des Wellhausenwegs hat sich über die Jahre ganz offensichtlich als Ziel für Familienausflüge etabliert. An allen Gehegen stehen Kinder und versuchen, die Aufmerksamkeit der Zwei- und Vierbeiner auf sich zu lenken – was angesichts vieler eilends gerupfter Grasbüschel auch größtenteils gelingt. Der Besuch des Geländes ist kostenlos. Wer intensiveren Kontakt mit den Tieren haben möchte, kann sich verbindlich in einer der drei wöchentlich stattfindenden Kindergruppen anmelden, denen in Kürze weitere Gruppenangebote folgen sollen.

Das Zentrum der Farm ist die Scheune mit ihrem gepflasterten Vorplatz. „Diesen Platz wollen wir künftig gerne noch stärker nutzen“, erzählt Vorstand Jörg Angerstein. Je nachdem, ob es die Corona-Verordnung zulasse, sei beispielsweise für den Dezember ein Weihnachtsmarkt auf dem Platz geplant, berichtet er.

Hinter der Scheune reihen sich weitere Gehege aneinander. Zu Reinschs besonderen Lieblingen für die Arbeit in der Frühförderung gehören die Rauwolligen Pommerschen Landschafe, die hier ihr Domizil haben. „Sie sind die besten Therapieschafe“, sagt sie, „gelassen, wohlwollend und sehr menschenbezogen.“ Personell ist die Farm zurzeit noch mit einer halben Stelle ausgestattet, unterstützt von wechselnden Praktikanten, Bundesfreiwilligendienstlern und Ehrenamtlichen. Das soll sich bald ändern, sagt Emrich. Ein jüngst gestellter Förderantrag sei – zumindest teilweise – positiv beschieden worden, was nun perspektivisch mehr Kapazitäten bedeute.

Zwischen den vielen Familien an den Gehegezäunen schlendert ein dunkelhaariges Mädchen mit einem Strick in der Hand in Richtung Scheune. Am anderen Ende des Stricks trottet ein braunes Shetland-Pony neben ihr her. Julchen. Das Mädchen stellt sich als Selma, elf Jahre alt, vor. Einmal pro Woche besucht sie Julchen, striegelt und füttert sie und geht mir ihr spazieren. Was Julchen von alledem am meisten schätzt, hat Selma schnell beantwortet: „Füttern!“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+