Borgfelder Dokumentarfilmerin im Porträt Vorliebe für psychologische Themen

Hamburg hat sie den Rücken gekehrt, nun lebt und arbeitet die Dokumentarfilmerin und Autorin Liz Wieskerstrauch in Borgfeld. Die Freunde vermisst sie, ansonsten fühlt sich die 66-Jährige wohl an der Wümme.
20.01.2021, 11:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sabine von der Decken

Borgfeld. Sie hatte schon die ehemalige RAF-Terroristin Susanne Albrecht, die deutsche Widerstandskämpferin Freya von Moltke und den Linken-Politiker Gregor Gysi vor ihrem Mikrofon. Im August vergangenen Jahres kehrte die Dokumentarfilmerin und Autorin Liz Wieskerstrauch der Medienstadt Hamburg den Rücken und wohnt nun in Borgfeld. Es sei in ihrem Beruf relativ egal, von wo aus sie ihn ausübe. „Ob Hamburg oder Borgfeld, das macht für mich keinen großen Unterschied“, sagt die Neu-Borgfelderin.

Dass sie Borgfeld gelandet ist, sagt sie, liegt an ihrem Mann. Eigentlich hätte sie sich auch gerne wieder im Bremer Geteviertel niedergelassen. „Ich bin ein echtes Steintorkind“, so Wieskerstrauch. Denn im Alter von 18 Jahren verschlug es die Nürnbergerin von Bayern nach Bremen. Hier studierte sie an der Hochschule für Sozialpädagogik, wurde Sozialarbeiterin und belegte an der noch jungen Bremer Universität im Zweitstudium Literatur und Politik. Parallel zur Sozialarbeit arbeitete sie bereits für Radio Bremen Hörfunk. Ihre Anfänge waren Fünf-Minüter im Kulturbereich. Heute dreht sie in aller Regel 45 Minuten über Themen, an die sich nicht jeder heranwagt. „Ich hatte keine Ahnung, wie Film geht“, erinnert sich die 66-Jährige. Sie bombardierte die Redaktion von Radio Bremen mit Themen, die ihr unter den Nägeln brannten. Die resultierten oft genug aus ihrer sozialpädagogischen Arbeit und Erfahrungswelt. Keine Ahnung vom Filmemachen, dafür aber einen guten Zugang zu Menschen und eine Affinität zu Porträts, waren nicht die schlechtesten Voraussetzungen für ihren Start als Dokumentarfilmerin. Noch heute zieht sie den Hut vor dem kleinen Sender Radio Bremen, der ihr die Chance gab, erste Schritte im Bereich Dokumentarfilm zu machen. Mit ihrem Einstieg beim NDR drehte Liz Wieskerstrauch komplexere Sendungen. Immer aber arbeitete sie völlig „vogelfrei“ freiberuflich mit all den dazugehörigen Hochs, Tiefs und Überlebenskämpfen.

Obwohl sie bereits unglaublich viele Dokumentationsfilme machte, ist Liz Wieskerstrauch im Gegensatz zu Spielfilmregisseuren eher unbekannt. Einen Schmerz hat sie damit überhaupt nicht. Mehr als 30 Jahre lang versorgte sie alle ARD-Sender, ZDF, Arte und 3-Sat mit Dokus und Wissenschaftsdokumentationen. Immer, betont sie, hat sie den Zugang über die Menschen zum Thema bekommen und dann erst die Wissenschaftler dazu befragt.

Erstaunlicherweise, sagt sie, könne sie jetzt in Corona-Zeiten auch einige Filme drehen. So ist sie aktuell für das ZDF und Spiegel-TV unterwegs, alles natürlich unter Einhaltung aller Vorgaben. Der Drehalltag gestaltet sich dadurch allerdings anders. Besonders geht der Regisseurin das Essen in großer Runde ab. Auch fehlt ihr aufgrund des Take-away-food die Möglichkeit zu gesunder Ernährung.

Lust zu schreiben hatte sie schon immer und sie gewann mit ihrem ersten Buch „Spurensuche“ 1987 den Preis der Villa Ichon. Gerade ist „Lucys Diamonds“, ein Roman über eine multiple Persönlichkeit, erschienen. Auffällig ist Liz Wieskerstrauchs Affinität für psychologische Themen. Das liege an ihrer „Herkunft“ aus dem sozialpädagogischen Bereich. Hier sammelte sie viel Wissen und lernte viel über Traumata. „Der Themenbereich hat mich immer fasziniert“. Im Rahmen ihrer Arbeit lernte Wieskerstrauch viele Facetten dissoziativer Persönlichkeitsstörungen kennen, die sie in ihren jüngsten Roman „Lucys Diamonds“ einfließen lässt. „Das ist das härteste Thema, mit dem ich mich jemals beschäftigt habe.“ Langsam wuchs sie in diesen Themenkreis hinein, fand multiple Persönlichkeiten, mit deren verschiedenen Persönlichkeiten sie intensive Telefongespräche führte. Momentan dreht sie gerade eine Doku für das ZDF zum Thema „Systemsprenger - Wenn Kinder ausrasten“.

Hamburg hat sie nach zwölf Jahren mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlassen. Borgfeld kannte sie bisher nur von ihren Spaziergängen an der Wümme. Die Millionenstadt Hamburg vermissen Liz Wieskerstrauch und ihr Mann eher nicht, nur die Freunde, die sie dort zurückgelassen haben. „Es lebt sich gut hier“, sagt die Dokumentarfilmerin über ihren neuen Wohnort. Sie schätzt den kleinen Borgfelder Ortskern und findet die umliegende Landschaft großartig. Nicht gerechnet hatte sie allerdings damit, dass sie, noch bevor die Umzugskartons komplett ausgepackt waren, schon einen Auftrag von einer Bremer Filmproduktion erhielt.

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