Früherer Landesarchäologe Karl Heinz Brandt spricht heute über die Vorgeschichte des Bremer Raumes Küstenbewohner nur nebenbei Seeräuber?

Wie spannend die Vorgeschichte sein kann, erfährt man, wenn man dem früheren Bremer Landesarchäologen Karl Heinz Brandt zuhört. Wer hätte gedacht, dass es 40 Kilometer südlich von Bremen einstmals so warm gewesen sein muss, dass hier Elefanten gelebt haben? Heute Abend können Interessierte bei einem Vortrag von Brandt in Borgfeld erfahren, ob unsere Vorfahren tatsächlich von der Seeräuberei lebten – oder ob nicht auch frühe Landwirtschaft im Spiel war.
28.01.2013, 05:00
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Von Renate Schwanebeck

Wie spannend die Vorgeschichte sein kann, erfährt man, wenn man dem früheren Bremer Landesarchäologen Karl Heinz Brandt zuhört. Wer hätte gedacht, dass es 40 Kilometer südlich von Bremen einstmals so warm gewesen sein muss, dass hier Elefanten gelebt haben? Heute Abend können Interessierte bei einem Vortrag von Brandt in Borgfeld erfahren, ob unsere Vorfahren tatsächlich von der Seeräuberei lebten – oder ob nicht auch frühe Landwirtschaft im Spiel war.

Borgfeld. Die Römer haben es gemacht und als "Wirtschaftszweig" bezeichnet. Die Wikinger haben es sowieso gemacht. Und die Chauken entlang der Nordseeküste haben es auch gemacht. "Und ihre Nachfahren, die Sachsen, die haben dasselbe getan", sagt Karl Heinz Brandt. "Aber die Küste verführt ja auch dazu." Die Rede ist von der Seeräuberei.

Dabei dürften die frühen Küstenbewohner schon genug Sorgen mit den Gefahren des Meeres gehabt haben. "Damals gab es ja noch keine Deiche. Und bei Sturmfluten mussten sie entweder ihren Platz aufgeben oder erhöhen", schildert der langjährige frühere Landesarchäologe Karl Heinz Brandt. Es seien jedoch auch Hinweise auf frühe Landwirtschaft an der Küste gefunden worden. Und wenn Karl Heinz Brandt von den Ausgrabungen eines 72 Meter langen Bauernhauses an der Küste erzählt, ist der 90-Jährige ganz in seinem Element.

"Mein Arbeitsgebiet reicht vom ersten Menschen bis zu Christi Geburt", sagt der Ehrenvorsitzende und Mitbegründer der Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte. Um dann gleich zu ergänzen: "Aber durch meine Berufstätigkeit reicht es gezwungenermaßen bis zur Reformation."

Diese Erfahrung musste der in Herne geborene Sohn eines Museumsleiters zum Beispiel bei spektakulären Ausgrabungen im Bremer Dom machen. Dort vermutete er, dass unter dem im Mittelalter erbauten Dom Baureste der vorigen Bauwerke zu finden sein müssten. Diese fand der "Brandt vom Bremer Dom", wie der heutige Borgfelder bundesweit in der Fachwelt genannt wird, tatsächlich. Aber zuerst stieß er auf Bischofsgräber, die zum Teil schwer zu identifizieren waren. Einer davon war Erzbischof Gerhard II zur Lippe, der von 1219 bis 1256 im Amt war.

"Erst nachdem die Gräber weg waren, konnte ich tiefer graben und habe auch Baureste gefunden", erinnert sich Brandt, der von 1954 bis 1987 die Abteilung Vor- und Frühgeschichte des Focke-Museums leitete. Von 1971 bis 1973 amtierte er als stellvertretender Direktor des Focke-Museums, bevor er 1975 bis zu seiner Pensionierung 1987 Landesarchäologe war und außerdem Lehraufträge an der Bremer Universität wahrnahm.

Karl Heinz Brandt, der in Münster und Kiel Vor- und Frühgeschichte, Geologie, Anthropologie und Geographie studierte, bedauert, dass die Chancen solcher Ausgrabungen wie jener im Dom oft nicht genutzt werden – entweder weil nicht genügend Geld da ist oder die Leute fehlen, die die Fundstücke in ihren Examensarbeiten näher untersuchen. Oder sie einfach nur ans Licht bringen. So wurde mangels entsprechender Hilfskräfte im Dom versucht, wertvolle Münzen aus dem Aushub mittels einer aus dem Umland herbeigeschafften Kartoffelsortiermaschine herauszusieben. Weil dieses Gerät aber den ganzen Marktplatz vollstaubte, wurde ihr Einsatz schnell untersagt.

Auch in Mahndorf und Grambke gab es Ausgrabungen, die zum Teil bis heute noch nicht ausgewertet sind. Insbesondere die Funde in Mahndorf dürften sehr bedeutend sein, weil dort nicht nur eine Siedlung von Sachsen, die später nach Großbritannien auswanderten, sondern auch das dazugehörige Gräberfeld gefunden wurde. "Aber auch als Prähistoriker hat man nur einen 24-Stunden-Tag", seufzt Karl Heinz Brandt. "Da schafft man oft nur die Vorberichte."

Apropos "nicht genutzte Chancen": Auch Bremen hatte einst einen Papst Benedikt, nämlich den fünften. Als sich einst der römische Kaiser Otto I mit Papst BenediktV anlegte, hatte Otto in seinem Gefolge auch Erzbischof Libentius aus Bremen. Der Papst verlor und Libentius bekam seinen "Chef" mit nach Bremen. Das ging nicht lange gut – man reichte ihn weiter nach Hamburg.

"Als wir Papst Benedikt XVI bekamen, hätten wir Bremer doch sagen müssen, dass wir hier in Bremen schon einmal einen Papst Benedikt hatten. Da hätte man doch viel mehr Wind machen müssen." Karl Heinz Brandt lacht hintergründig. "Aber Geschichte interessiert viele Bremer nur zwischen Roland und Kaisen."

Heute, 28. Januar, um 19 Uhr spricht Karl Heinz Brandt im Borgfelder Ortsamt, Borgfelder Landstraße 21, im Geschichtsseminar des Bürgervereins Borgfeld zum Thema "Vorgeschichte des Bremer Raumes: Von Elefantenjägern, frühen Bauern und Seeräubern". Der Eintritt ist frei. Der erste Teil des Vortrags fand im September statt. Heute folgt der zweite Teil, der hauptsächlich den Seeräubern gewidmet ist.

Küstenbewohner nur nebenbei Seeräuber?

Früherer Landesarchäologe Karl Heinz Brandt spricht heute über die Vorgeschichte des Bremer Raumes

Zitat:

"Mein Arbeitsgebiet

reicht vom ersten Menschen bis zu Christi Geburt."

Karl Heinz Brandt, Archäologe

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