Protest mit bunten Luftballons Borgfelder Einzelhändlern geht die Puste aus

Borgfelder Einzelhändler starten eine Protestaktion vor ihren Läden. Unter dem Motto: Wir wollen, dass unsere Viertel bunt bleiben, rufen sie zur Solidarität auf und fordern eine Öffnungsstrategie.
20.02.2021, 00:00
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Borgfelder Einzelhändlern geht die Puste aus
Von Petra Scheller

Sie war geschockt, als der Lockdown verlängert wurde, sagt Brigitte Kuhnke, Sprecherin der Interessengemeinschaft der Borgfelder Geschäftsleute „In-Borgfeld“. Eine Woche vor Weihnachten hatte die Inhaberin zweier Boutiquen im Borgfelder Ortskern ihre Läden schließen müssen. Seitdem halte sie sich mit Call und Collect über Wasser. „Doch langsam geht uns die Puste aus“, sagt die Boutiquebesitzerin offen. Gemeinsam mit ihren Borgfelder Kolleginnen und Kollegen startete die Geschäftsfrau deshalb am Freitag eine Protestaktion: Bunte Luftballons hängen in dicken Trauben vor den Läden von der Borgfelder Heerstraße bis zur Querlandstraße.

„Wir wollen, dass unsere Viertel bunt bleiben, wir sind die Gesichter und der Herzschlag unserer Viertel, wir bringen Vielfalt und Individualität in unsere Viertel“, steht in großen Buchstaben auf den Protest-Plakaten an den Türen und Schaufenstern. „Wir schließen uns damit der Interessengemeinschaft im Bremer Viertel an“, erklärt Kuhnke. Die hatten vor einigen Wochen bereits auf die dramatische Lage des inhabergeführten Einzelhandels hingewiesen. Laut einer Umfrage stehen dort 40 Prozent der Geschäfte vor dem Aus, berichtete Norbert Caesar von der Interessengemeinschaft „Das Viertel“ (IGV).

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In Borgfeld habe sie bislang noch von niemandem gehört, der sein Geschäft schließen müsse, berichtet Kuhnke. „Aber es wird langsam eng.“ In vielerlei Hinsicht: In ihrer Boutique A'riva hänge immer noch die Ware vom Winter. Ein halbes Jahr vorher müsse sie die Bestellungen aufgeben. Jetzt werde die Frühjahrsware geliefert. „Wir ersticken in Ware“, sagt die Geschäftsfrau. Auch mit dem Geld für die Rechnungen werde es langsam eng. Von der Politik ist die Einzelhändlerin enttäuscht. „Wir starten in ein neues Jahr und an uns denkt keiner.“ Die Corona-Hilfen kämen verspätet an. Immer noch seien die Anträge schwer zu stellen.

Viel Aufwand, wenig Umsatz

„Mit Call und Collect haben wir den fünffachen Aufwand und wenn wir Glück haben, verdienen wir ein Drittel vom normalen Umsatz“, sagt Kuhnke zum Geschäftsmodell, bei dem die Kunden im Netz bestellen, um die Ware später persönlich im Laden abzuholen. Die Verzweiflung steht der Geschäftsfrau auf der Stirn geschrieben. „Klar, Einschränkungen müssen sein. Aber die Leute könnten auch einzeln in den Laden kommen und bummeln“, sagt Kuhnke. „Unsere Geschäfte leben davon, dass sich die Leute beim Einkauf inspirieren lassen.“

Das sieht auch Insa Sammet so. Die Blumenhändlerin darf an diesem Sonnabend zwar wieder öffnen. „Aber ich solidarisiere mich mit allen inhabergeführten Geschäften im Ort“, sagt die Soloselbstständige. „Bei mir kocht langsam die Wut hoch. Wir arbeiten am Limit. Die Hilfen decken nicht den Unternehmerlohn ab und für viele gibt es keine Perspektive.“ Sie stehe bei ihrer Krankenkasse in der Kreide, könne ihre Lebensversicherung, die sie als Rentenvorsorge abgeschlossen habe, nicht bedienen und erhalte Forderungen vom Finanzamt. „Die Nerven liegen blank“, sagt die Inhaberin von „Blumen und Ambiente“ unverblümt. Sie sei zwar dankbar, dass sich viele Kunden auch im Lockdown regelmäßig Blumensträuße bestellt hätten, aber von der Normalität sei der kleine Einzelhandel Lichtjahre entfernt. „Es müssen neue Konzepte von der Regierung aufgemacht werden. In Gartencentern tummeln sich die Leute in langen Schlangen und kleine Händler bleiben weiterhin geschlossen“, kritisiert Sammet.

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Auch im Spielwarenladen Articolo ist die Stimmung schlecht. Filialleiterin Susannah Biesterfeldt kann vom vermeintlichen Boom in ihrer Branche nichts berichten. „Wir verzeichnen 75 Prozent Umsatzrückgang. Die großen Hersteller und der Online-Handel profitieren vielleicht vom Spiele-Boom. Wir nicht“, stellt die Einzelhändlerin klar. „Alle Geburtstage fallen aus, niemand besucht den anderen und besorgt vorher noch schnell eine Kleinigkeit. Der zweite Lockdown fühlt sich schlimmer an, als der erste. Uns fehlt einfach die Perspektive“, sagt Biesterfeldt.

„Es muss was passieren“

Vor dem Lockdown hätten die Kunden sehr diszipliniert alle Hygienevorkehrungen eingehalten. „Sie kamen in begrenzter Zahl in den Laden, das hat super geklappt“. Lange könne ihre Filiale die Situation nicht mehr stemmen. Für neue Ware fehle ihr die Liquidität. Sorgen macht sich Biesterfeldt auch um ihre Mitarbeiterinnen. Vier Teilzeitkräfte seien in der Filiale angestellt. Zurzeit arbeite sie selbst nur zu einem Viertel ihrer sonstigen Stundenzahl.

Auch Aldona Schröder, Inhaberin des Kindermodeladens Lüttje Lü ist bedrückt. Sie habe über einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten keine Hilfen bekommen. Um neue Ware zu bezahlen, musste die Einzelhändlerin gerade an ihre Rücklagen gehen. Die Lieferanten wollen Geld sehen, sagt Schröder. „Es muss was passieren, lange halten wir nicht mehr durch.“

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