Prozess gegen Olaf Latzel eröffnet

Geldstrafe für Bremer Pastor gefordert

Unter großem Zuschauerinteresse hat am Freitag der Prozess gegen Pastor Olaf Latzel begonnen, der wegen Volksverhetzung vor dem Amtsgericht steht.
20.11.2020, 19:20
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Geldstrafe für Bremer Pastor gefordert
Von Ralf Michel
Geldstrafe für Bremer Pastor gefordert

Schon lange vor Prozessbeginn standen die Zuschauer vor der Glocke Schlange. Einer von ihnen ließ an seiner Meinung zu diesem Prozess keinen Zweifel.

Frank Thomas Koch

Die Staatsanwaltschaft bleibt dabei: Für sie hat sich Olaf Latzel, Pastor der St.-Martini-Gemeinde, der Volksverhetzung schuldig gemacht. Vier Monate Freiheitsstrafe, umgewandelt zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 90 Euro, fordert die Anklagebehörde am Freitag nach siebeneinhalbstündiger Verhandlungsdauer. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch. Und schießt gegen die Staatsanwaltschaft. Der gehe es – dem Zeitgeist folgend – nur darum, einen bibeltreuen Pastor aus dem Verkehr zu ziehen. Die Chronologie des Prozessauftaktes:

Frühaufsteher: Wegen der Corona-Abstandsregelungen ist das Amtsgericht für diesen Prozess ins Konzerthaus Glocke umgezogen. Hatte aber schon vorab gewarnt, dass auch dort nur eine limitierte Zahl von Plätzen zur Verfügung stehen würde. Wohl deshalb bildet sich bereits gegen 7 Uhr morgens eine lange Zuschauerschlange vor der Glocke. 25 der Wartenden erhielten letztlich um 9 Uhr Einlass, dazu 23 angemeldete Medienvertreter.

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Vorgeplänkel: Der Verteidiger Latzels beantragt die Beiordnung eines zweiten Pflichtverteidigers, um vor Gericht „Waffengleichheit“ herzustellen. Schließlich sei ja auch die Staatsanwaltschaft trotz eigentlich doch knapper Personalressourcen mit zwei Vertretern vertreten. Richterin Ellen Best lehnt den Antrag ab. Der Prozess sei weder besonders umfangreich noch schwierig, deshalb reiche ein Pflichtverteidiger.

Die Anklage: Pastor Latzel habe mit Äußerungen wie „Gender-Dreck“, „teuflische Homo-Lobby“ oder „überall laufen diese Verbrecher rum von diesem Christopher-Street-Day“ den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Die Aussagen würden zu Hass aufwiegeln und seien geeignet, den öffentlichen Frieden zu stören. Zudem habe Latzel eine Audiodatei des Seminars online gestellt, obwohl er gewusst habe, welche Tragweite seine Äußerungen damit haben würden.

Breitseite: Die Verteidigung beantragt die Verlesung der Pressemitteilung, mit der die Staatsanwaltschaft am 2. Juli die Erhebung der Anklage mitgeteilt hatte. Darin habe sie mit wahrheitswidrigen Aussagen unlauteren Druck auf den Pastor ausgeübt und versucht, mit gezielten Falschinformationen Stimmung gegen ihn zu machen.

Überraschende Neuigkeit: Richterin Best lässt die komplette Audiodatei vom umstrittenen Monolog des Pastors während eines Eheseminars im Oktober 2019 abspielen – eine Stunde, 42 Minuten und 51 Sekunden lang. Seine Äußerungen zur göttlichen Schöpfungsordnung im Allgemeinen und zur Homosexualität im Besonderen sind längst bekannt, eine überraschende Neuigkeit enthält die Datei dann aber doch. Eingangs fragt ein Teilnehmer, ob das Seminar inklusive aller Wortbeiträge online gestellt würde. Latzel verneint dies.

„Das wird nicht rausgehauen.“ Viel später, im März 2020, sei dann ein Mitarbeiter seiner Gemeinde auf die Datei gestoßen und habe ihn gefragt, ob er sie wie gewohnt online stellen solle, berichtet Latzel vor Gericht. Er habe dem zugestimmt, ohne weiter drüber nachzudenken. Als er aber gemerkt habe, dass die Datei eine missverständliche Aussage enthielt – der Satz mit den Verbrechern –, habe er sie sofort aus dem Netz genommen und sich öffentlich dafür entschuldigt.

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Die Verteidigung: In einem einstudierten Frage-und-Antwort-Spiel („Herr Latzel, haben Sie jemals Menschen als Dreck bezeichnet?“) arbeiten Verteidiger und Pastor die Positionen Latzels heraus. Er spreche mit deutlichen Worten Dinge an, die nicht in Ordnung seien, ziele damit aber stets auf die Sünde an sich und niemals auf Menschen. Die Bibel sei keine Auslegungssache, sondern verkünde das unfehlbare Wort Gottes. Daran sei er gebunden, sogar per Eid.

Und es sei seine Aufgabe, gegen „zeitgeistige Strömungen“ anzugehen, die das Wort Gottes infrage stellten. Dies bedeute aber nicht, dass er den Menschen abspreche, so zu leben, wie sie es wollten. „Ich nehme die Menschen so an, wie sie sind“, betont Latzel und distanziert sich ausdrücklich von Hass und jeder Form der Gewalt. „Die Todesstrafe und Gewalt kann man nicht mit der Bibel legitimieren.“

Das Plädoyer der Anklage: Der Gesamtkontext zeige deutlich, dass Latzel in dem Seminar sehr wohl über homosexuelle Menschen gesprochen habe. Er habe eben nicht differenziert, sondern sie stigmatisiert und als Verbrecher bezeichnet. Seine Erklärungen dafür vor Gericht seien reine Schutzbehauptungen. „Die Aussagen standen nicht im biblischen Kontext, sie dienten allein der Diffamierung von Homosexuellen.“ Damit habe Latzel zu Ausgrenzung und Hass gegenüber Homosexuellen aufgestachelt.

Das Plädoyer der Verteidigung: Die Anklage habe keinerlei Belege für Volksverhetzung vorgelegt. Sie präsentiere einen Hassprediger ohne Hasspredigten, spreche von Hetzer ohne Hetze. Im Wissen, dass bibeltreue Verkündigungen auf ganz erheblichen gesellschaftlichen Widerstand stießen, versuche die Staatsanwaltschaft, Latztel aus der Landeskirche zu bekommen. Wobei sie zwei Minderheiten gegeneinander ausspiele: Bibeltreue Christen gegen Homosexuelle.

Das letzte Wort: „Ich bin nicht das Monster, zu dem ich gemacht werde“, sagt Olaf Latzel, als ihm Richterin Ellen Best das Schlusswort erteilt. Nichts sei abwegiger, als dass er Menschen beschimpfe und verunglimpfe. Er wolle keines von Gottes Geschöpfen angreifen.

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