Stadtteil-Check: Borgfeld Der Hof zwischen Hafen und Kirchturmspitze

Almut Tietjen konnte mit zehn Jahren Trecker fahren, mit 16 wurde sie Landwirtin, mit 20 übernahm sie den Hof der Eltern. Die Borgfelderin liebt ihr Dorf, weil es mit der Zeit geht, sagt sie.
05.09.2022, 09:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Der Hof zwischen Hafen und Kirchturmspitze
Von Petra Scheller

Borgfeld. „Klar, Borgfeld hat sich verändert“, sagt Almut Tietjen, während sie über das Hofgelände an der Borgfelder Landstraße führt. „Früher musste man jeden grüßen. Da lebten hier vielleicht 600 Leute.“ Heute wohnten in Borgfeld 10.000 Menschen. „Aber es ist immer noch schön. So schön, dass hier alle wohnen wollen“, sagt die Landwirtin und öffnet die Pforte zum Garten.

Von hier aus ist die Borgfelder Kirchturmspitze zu sehen, nordöstlich fließt die Wümme, im Westen zieht sich der Ratsspiekerpark bis zur Deichkrone. Bis ins 14. Jahrhundert lässt sich der Familienstammbaum von Almut Tietjen nachlesen. „Eine meiner Ur-Ur-Ur-Ur-Großmütter hatte hier in der Wümme sogar Fischereirecht“, berichtet die 74-Jährige stolz. „Da drüben war früher der Hafen“, zeigt sie mit Blick über die Deichkrone, „da legten die Schiffe an und brachten das Gras mit, jeder Bauer, der mitgeholfen hatte, bekam seinen Teil.“

Wohnung im alten Schweinestall

Nachbarn kommen vorbei und grüßen; der Borgfelder Ortsamtsleiter winkt vom Fahrrad aus. Almut Tietjen ist im Dorf eine Legende. Mit zehn Jahren konnte sie Trecker fahren, mit 16 wurde sie Landwirtin, mit 20 übernahm sie den Hof der Eltern, mit 24 gründete sie eine Ferkelzucht. Inzwischen wohnt sie in dem alten Schweinestall. Das alte Bauernhaus ist bis unters Dach vermietet.

Lesen Sie auch

Wo früher Kühe und Pferde standen, zog später Jacques‘ Weindepot ein. Sie habe sich früh entschlossen, auf dem Hof Wohnraum zu schaffen, sagt die Borgfelderin. „Für meinen Vater war das ungewohnt, der zählte immer die Leute, die in unseren alten Stall reingingen, ohne zu grüßen."

Almut Tietjen liebt Borgfeld. "Wir haben hier doch alles“, sagt sie. „Die Buchhandlung, den Wochenmarkt, schöne Geschäfte, die Tanzschule Picasso und den Elektrofachhandel Kohle, den eine alte Borgfelder Familie führt“. Borgfeld sei zwar inzwischen ein Teil von Bremen, „aber wir sind immer selbstständig gewesen." Das solle auch so bleiben. „Wir sind standhaft und stolz, aber nicht überheblich. Wir haben ein gesundes Selbstwertgefühl, sind aber keine Egoisten“, beschreibt sie das Lebensgefühl der Alteingesessenen. „Wir haben mit den adeligen Hohenzollern die Schulbank gedrückt – von da an waren wir nicht mehr nur Bauern. Meine Eltern gingen mit Jacobs, von Jacobs-Kaffee, zum Kränzchen, und Annemarie Jacobs hat bei uns auf dem Grundstück das erste Dorfgemeinschaftskühlhaus gegründet.“

Wo Miloš Veljkovi? im Kühlhaus hantelt

Heute hanteln in dem alten Kühlhaus und Fachwerkstall Werderspieler wie Miloš Veljkovi? im Fitnessstudio von Sebastian Peinemann. „Es ist schön, dass der Hof immer noch so lebendig ist“, sagt die Vermieterin. Mehrere Häuser stehen inzwischen auf dem alten Hofgelände – jeder Winkel ist vermietet. Nur ein paar Hühner und zwei Schafe sind noch geblieben.

Die Leute seien anspruchsvoller geworden, sagt Tietjen beim Rundgang über den Hof. „Heute ist alles so nobel, aber keiner ist zufrieden.“ Vielleicht würde sich das durch die vielen Krisen auf der Welt wieder ändern. Als Almut Tietjen in den 50er Jahren mit 54 anderen Kindern in eine Klasse an der Borgfelder Grundschule kam, war das ganz normal, sagt sie.

2,40 Mark für den Quadratmeter

Der Heimatforscher und spätere Biologieprofessor Hermann Cordes übernahm ihre Klasse damals. „Er überredete mich Jahre später, meine Grundstücke in den Wümme-Wiesen zu verkaufen, damit die Flächen als Naturschutzgebiet für Zugvögel und Pflanzen erhalten bleiben“, erinnert sich die Landwirtin. 2,40  Mark bekam sie damals für den Quadratmeter. 

Borgfeld veränderte sich zum ersten Mal, „als die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg hierherzogen“, berichtet Tietjen weiter. Auch Bremens Bürgermeister Wilhelm Kaisen lebte in einem Borgfelder Siedlerhaus. „Da, wo früher unsere Erdbeerfelder waren, wurde neu gebaut.“ Eine weitere große Veränderung habe Borgfeld im Jahr 2000 erlebt. „Die Stadt wollte Wohngebiete entwickeln und zog um unsere Grundstücke sogenannte Entwicklungskreise. Wir Bauern wollten Borgfeld-Ost an die Gewoba verkaufen. Aber nicht Borgfeld-West. Dagegen haben wir geklagt – doch verloren. Wir wollten, dass der Ortskern langsam wächst“, sagt Tietjen heute.

Viele alte Bauernfamilien hegten deshalb bis heute einen Groll. „Zum Schluss hat man mir auch noch die Felder am Kreuzdeich für die Ausgleichsfläche weggenommen, auf denen ich früher Grünkohl gepflanzt habe.“ Gerade jetzt in der Krise hätte sie die gerne behalten, um etwas anzupflanzen.

Tierschau am Ratsspieker

Eine frische Brise weht über den Hof. „Direkt gegenüber stand früher der alte Ratsspieker, eine Gaststätte mit Festsaal und Bootsanleger. Die Wümme floss damals direkt an unserem Grundstück entlang. Da war immer was los, es gab einen Saal und einen Strand.“ In dem Hof-Café von Heike Klatte hänge noch ein Foto von ihr, „da gucken meine Freundin Marlies und ich bei einer Tierschau am Ratsspieker zu." Schön war's hier früher, sagt Tietjen. „Und ist es heute noch!“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht