Ernst Leiding arbeitete von 1947 bis 1953 für den Bürgermeister / Besuch in Borgfelder Dokumentationsstätte Tür an Tür mit Wilhelm Kaisen

Borgfeld. Die Reise in die Vergangenheit ist eine Frage von wenigen Kilometern. Ernst Leiding legt sie an diesem verregneten Sonntag zusammen mit seinen drei Töchtern zurück. Er lebt in Hastedt und hat sich auf den Weg nach Borgfeld gemacht. Dorthin, wo einst sein Chef zu Hause war und wo nun eine Dokumentationsstätte an dessen Wirken und Leben erinnert. Leidings Vorgesetzter war Bremens erster Nachkriegsbürgermeister. Eine bewegende Zeit hat Ernst Leiding im Rathaus verbracht. Tür an Tür mit Wilhelm Kaisen. Über 60 Jahre liegt das nun schon zurück, aber dem Senior ist alles noch so gegenwärtig, dass er stundenlang berichten könnte.
18.08.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulrike Schumacher

Borgfeld. Die Reise in die Vergangenheit ist eine Frage von wenigen Kilometern. Ernst Leiding legt sie an diesem verregneten Sonntag zusammen mit seinen drei Töchtern zurück. Er lebt in Hastedt und hat sich auf den Weg nach Borgfeld gemacht. Dorthin, wo einst sein Chef zu Hause war und wo nun eine Dokumentationsstätte an dessen Wirken und Leben erinnert. Leidings Vorgesetzter war Bremens erster Nachkriegsbürgermeister. Eine bewegende Zeit hat Ernst Leiding im Rathaus verbracht. Tür an Tür mit Wilhelm Kaisen. Über 60 Jahre liegt das nun schon zurück, aber dem Senior ist alles noch so gegenwärtig, dass er stundenlang berichten könnte.

Gerade ist er 99 Jahre alt geworden, was ihm keiner ansieht. Der kleine drahtige Mann ist noch gut zu Fuß. Topfit würde man heute sagen. Nur die Ohren wollen nicht mehr so mitmachen. Aber aus seinem Gesicht sprechen wache Augen. Und Lust zum Erzählen hat Ernst Leiding eigentlich auch mitgebracht. Doch erst einmal will er sich selbst gar nicht so viel Aufmerksamkeit zukommen lassen. "Ich bin doch nicht so wichtig", sagt der Senior bescheiden. Es gehe doch um Wilhelm Kaisen und, fügt er mit Nachdruck hinzu, um dessen Frau. "Ich habe Helene Kaisen sehr verehrt. Sie war eine wirkliche Sozialistin."

Später wird der Gast an Kaisens schwerem Schreibtisch stehen, Herzstück der Dokumentationsstätte, und von Kaisens gutem Draht zu den Amerikanern berichten. Und von all den Persönlichkeiten, denen er bei seiner Arbeit täglich begegnete: Karl Carstens zum Beispiel, dem späteren Bundespräsidenten, der lange Bremer Senatsreferent war und Kaisen 1950 in die USA begleitete, als dieser dort über die Freigabe des deutschen Schiffbaus verhandelte. Oder Wilhelm Haas, erster Chef der Senatskanzlei, den Kaisen Bundeskanzler Adenauer als "unbelasteten Spitzenbeamten für den Auswärtigen Dienst" empfahl. Haas wurde daraufhin erster Botschafter der Bundesrepublik in Moskau.

Sprudelnde Erinnerungen

Mit dem Film sprudeln die Erinnerungen. Die Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung öffnet in Kooperation mit dem Borgfelder Ortsamt an jedem zweiten Sonntag im Monat von 11 bis 16 Uhr die Türen der ehemaligen Kaisen-Scheune im Rethfeldsfleet 9a. Interessierte können dort auch ein filmisches Porträt des Altbürgermeisters anschauen. Ernst Leiding sieht seinen alten Chef erzählen und lässt sich von den Bildern und Interviews forttragen in die Jahre seiner Berufszeit am Bremer Marktplatz. 1947 kam er ins Rathaus. "Das waren traurige Jahre", erinnert sich der ehemalige Angestellte des Büroleiters. "Die Wohnungsnot war haarsträubend." Als die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten ein Ende hatte, war Bremen zu 60 Prozent zerstört. Die Häfen waren unbenutzbar, die Brücken gesprengt, Stadtteile niedergewalzt. An Hunger und Elend kann sich der Hastedter noch erinnern. "Diese Situation schien zunächst hoffnungslos", berichtet der Bürgermeister im Film. Die Menschen strömten

in ihrer Sehnsucht nach Hilfe ins Rathaus - und landeten vor Leidings Schreibtisch. "Zu meinen Aufgaben gehörte auch, dem Bürgermeister den Rücken freizuhalten." Der Büromitarbeiter schrieb Protokolle und nannte den Menschen senatorische Dienststellen, die weiterhelfen konnten. Wer wegen Wohnungsnot kam, erzählt Ernst Leiding, schlug aber bald auch den Weg nach Borgfeld ein.

Sorgen und Hoffnung fanden damals Ausdruck in vier Worten: "Ik gah nah Kaisen." Und damit war nicht nur die Adresse Bremer Rathaus gemeint. Viele klopften am Rethfeldsfleet bei Helene Kaisen an. "Sie kamen mit ihren Sorgen zu uns ins Haus, standen oft weinend in der Tür, und unsere Mutter nahm sich ihrer an", schreibt Ilse Kaisen zur Erinnerung an ihre Eltern in dem Buch "Unser Leben in Borgfeld". "Ich staune heute noch, wie sie helfen konnte", so Leiding, dem es lieber gewesen wäre, "wenn man die Richard-Boljahn-Allee nach Helene Kaisen benannt hätte". Aber auch Wilhelm Kaisen habe sich stark gemacht für die Menschen. "Er erlaubte ihnen, auf den Parzellen Häuser zu bauen, und 1957 war in der Vahr Grundsteinlegung." Zu dem Zeitpunkt arbeitete Ernst Leiding schon seit vier Jahren nicht mehr direkt für Kaisen, sondern bei der Senatskommission für das Personalwesen.

Seine sechs Jahre in Bremens erster Adresse hat der Senior als menschlich warme Jahre empfunden. "Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis zum Bürgermeister." Und bei aller Not muss im Rathaus auch immer mal Zeit für Vergnügliches gewesen sein. Der alte Herr zieht ein Foto aus der Tasche. Es zeigt ihn vor 60 Jahren am Klavier sitzend, umringt von einer singenden Runde - ohne Bürgermeister zwar, doch dafür ist Kaisens langjährige Sekretärin Sophie Baun dabei.

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