Mit Landwirt Gerd Gartelmann im Niederblockland unterwegs / Risse in den Häusern Wümme leidet unter Weservertiefung

Auf einem Spaziergang im Niederblockland und in Wummensiede wies der Blocklander Landwirt Gerd Gartelmann vor Ort auf die dramatischen Auswirkungen, die die Weservertiefung auf die Wümme hat, hin. Uferabbrüche auf der einen, Versandungen auf der anderen Seite seien Folgeerscheinungen der durch die Ausbaggerung der Weser entstandenen starken Strömungsgeschwindigkeit.
31.03.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sabine Der decken

Auf einem Spaziergang im Niederblockland und in Wummensiede wies der Blocklander Landwirt Gerd Gartelmann vor Ort auf die dramatischen Auswirkungen, die die Weservertiefung auf die Wümme hat, hin. Uferabbrüche auf der einen, Versandungen auf der anderen Seite seien Folgeerscheinungen der durch die Ausbaggerung der Weser entstandenen starken Strömungsgeschwindigkeit.

Borgfeld. Vor 30 Jahren war der von Heino Geffken angelegte Fährweg, auf dem Radfahrer und Spaziergänger zum Fähranleger der Schleuse gelangen, ein ebener Betonweg, erinnerte sich Gartelmann. Seit fünf bis acht Jahren wird diese Zuwegung bei Hochwasser ständig über- und unterspült. In der Folge liegen die Platten nicht mehr plan und der Verlauf des Weges musste aufgrund der starken Uferabbrüche geändert werden. Der "alte" Weg lief vor dem Schilfgürtel, heute führt der ins nasse Nichts. Auch das Wasserzeichen steht heute bereits keine zwei Meter mehr vom Wasser entfernt, früher lag der Standort zwei Meter vor dem Weg, der wiederum zwei Meter von der Uferkante entfernt war. Nicht mehr lange und das Schild steht im Wasser, vermutet Gartelmann.

Baum ist verschwunden

So wie der Baum in Wummensiede, der durch Uferabbrüche mitten im Fluss stehen soll. Bloß, wie der Besuch an dieser Stelle der Wümme zeigt, gibt es den schon nicht mehr. Ende September bei der Deichamtsfahrt, so Gartelmann, stand der Baum noch mitten in der Fahrrinne, nun ist er ganz verschwunden. "Was mich bedrückt, sind die Uferabbrüche im Oberlauf der Wümme, obwohl hier der Tidenhub nur zwei Meter beträgt", sagt Landwirt Gerd Gartelmann.

Die Situation ist dramatisch, die Strömungsgeschwindigkeit groß und die Tiden verändert. Dass diese Veränderungen der Wümme bewegen, zeigte die rege Beteiligung am "Erzählcafé" der Stiftung Nordwest Natur zum Thema "Blocklander Wümme - Ein Fluss im Wandel". Landwirte, Naturschützer und Borgfelder berichteten über die von ihnen erlebten Änderungen in der Naturlandschaft durch die Einflüsse der Weservertiefung.

Besonders in den letzten fünf Jahren hat sich der Zustand der Ufer und des Flusslaufes durch eine besonders hohe Strömung dramatisch verändert. "Wo soll das enden?", fragt sich Gartelmann. Der Blocklander Landwirt weist auf einen kleinen Kolk, den es seit vielen Jahrzehnten gibt. Mit großer Kraft strömt nun das Wümmewasser hinein und vergrößert ihn stetig. Ergebnis wird ein Durchbruch zur Wümme und in der Folge ein veränderter Flusslauf sein, mutmaßt Gartelmann.

Noch um 10 Uhr läuft während der Begehung mit Gerd Gartelmann im Niederblockland das Wasser ab, obwohl bereits für 14 Uhr Hochwasser vorhergesagt ist. "Plötzlich kippt die Strömungsrichtung und das Wasser steigt radikal an", beschreibt Gartelmann die Macht der Gezeiten, wie sie sich derzeit in der Wümme darstellen. Beobachtungen haben gezeigt, dass seit etwa fünf Jahren die Zeit des ablaufenden Wassers acht Stunden beträgt, im Gegensatz dazu das Wasser mit großer Geschwindigkeit in vier Stunden wieder aufläuft. Grund hierfür ist die hohe Fließgeschwindigkeit der Wümme, die ursächlich mit der Vertiefung der Weser im Zusammenhang stehe. "Früher gab es fünf bis sechs Sperrwerkschließungen pro Jahr, heute sind es mehr als 200, um Schlimmstes zu verhindern", so Gartelmann.

Bei der Wahl zwischen Pest und Cholera ist für die Blocklander Anwohner das Niedrigwasser, das alles mitreißt, das größere Problem.

"Der starke Abfluss kommt einer täglichen Grundwasserabsenkung gleich", erklärt Gartelmann. Risse in den Häusern durch die Austrocknung des Sandes unter den Häusern sprechen auf ihre Weise von dem niedrigen Wasserstand. Die Landwirte wissen, wovon sie sprechen, denn in früheren Zeiten senkten sie selbst das Grundwasser durch Grundwasserpumpen zur Viehtränkung ab, Risse in ihren Häusern waren die Folge. Um das Ausmaß der Absenkung zu verdeutlichen, erzählt Gartelmann von Harje Kaemenas "Wanderung" bei Niedrigwasser mitten in der Wümme bis Kuhsiel. Sammelklagen beim Wasser- und Schifffahrtsamt gegen die Vertiefung wurden bislang alle abgewiesen, Gutachten sind nun die einzige Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen Weservertiefung und den entstandenen Schäden zu beweisen. Aussicht auf Erfolg? Gartelmann ist realistisch und schätzt die Chancen als äußerst gering ein.

Gemutmaßt wird, dass die derzeitigen Erscheinungen in der Wümme ursächlich mit dem Planfeststellungsverfahren zur Weservertiefung in Verbindung stehen. "Nach der Vertiefung ist vor der Vertiefung", beschreibt Gerd Gartelmann die stetige Vertiefung des Weserbetts durch Unterhaltungsbaggerungen durch das Wasser- und Schifffahrtsamt. Denn zu 80 bis 90 Prozent sind die Solltiefen des Ausbauvorhabens bereits erreicht, so Gunnar Oertel von der Stiftung Nordwest Natur.

Beweis hierfür sind nicht zuletzt die Steinpackungen, die zur Uferbefestigung der Wümme dienen. Sie müssen in immer kürzeren Zeiträumen vom Wasser- und Schifffahrtsamt angeliefert werden, um Uferabbrüchen vorzubeugen. Ein weiterer Grund mehr, um äußerst besorgt zu sein, so Gartelmann.

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