Urban Gardening Zum Gärtnern vom Land in die Stadt

Pflanzen wachsen sehen und Gemüse ohne Plastikverpackung nach Hause tragen: Die Urban-Gardening-Saison in Timmersloh ist eröffnet.
10.05.2019, 22:33
Lesedauer: 4 Min
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Von Petra Scheller

Herzlich willkommen zur Gartensaisoneröffnung der Ackerhelden. „Inzwischen sind hier kleine Gemüsegärten entstanden. 70 Parzellen, die von euch in den kommenden Monaten gehegt und gepflegt werden wollen“, sagt Tobias Paulert ohne Mikro gegen den Wind. Der Start-up-Gründer guckt gen Himmel. Dunkle Wolken ziehen auf. „Wenn es gleich regnet – wir sind da hart gesotten – aber wenn euch das was ausmacht, könnt ihr das alles auch noch mal im Netz nachlesen“, räumt der Selbstversorger-Guru ein. 80 Hobbygärtnerinnen- und -gärtner kleben an Paulerts Lippen. Sie alle eint ein Ziel: Säen, pflanzen, ernten – und das alles nach biologisch-dynamischen Grundsätzen. Ein Zaun trennt ihre Felder von den umliegenden Wiesen. Frühlingsduft liegt in der Luft. Am Wegrand stehen unzählige Kartons mit Setzlingen: Darunter Gemüse, dunkle Salate, Korn- und Ringelblumen. 24 Gemüsesorten sind bereits gesetzt, erklärt Paulert. „Den Rest der Fläche bepflanzt jeder selbst.“

Für sein Public-Private-Partnership-Projekt in Timmersloh beginnt in diesem Frühjahr die dritte Saison. Urban Garding nennt sich der Trend, den Paulert hier gesät hat. Die Früchte erntet der Idealist schon vor Saisonbeginn. „Im ersten Jahr waren es zehn Leute, die mitgemacht haben, im zweiten Jahr um die 30 und heute sind 80 Ackerhelden gekommen.“ Paulert teilt die Gruppe auf. „Wer schon Erfahrungen gesammelt hat, geht mal zu meinen Kollegen.“ Zehn Leute gehen. Über 70 bleiben. Unter ihnen Isabel Müller. Freunde haben sie hierher geschleppt, sagt sie. Die Bremerin findet es gut, dass das Feld bereits bestellt ist. „Wir müssen höchstens noch mal was nachpflanzen“, sagt Müller. Zwei bis drei Stunden pro Woche will sie in diesem Sommer hier in ihrem gepachteten Nutzgarten verbringen.

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Die Timmersloher Ackerhelden kommen aus allen Richtungen: Worpswede, Grasberg, Lilienthal, Borgfeld, dem Bremer Viertel oder aus Zeven. Es sind Leute, die biologische Landwirtschaft betreiben wollen, aber nicht so genau wissen, wie das geht. Beate Voss ist eine von ihnen. Sie ist zum zweiten Mal dabei und teilt sich eine Parzelle mit einer Freundin. „Ich komme extra vom Land in die Stadt, um zu gärtnern“, sagt die Zevenerin. Bei Ute Seemann-Herbst ist es genau umgekehrt. Sie ist aus dem Bremer Viertel angereist. Beide kennen die Ackerhelden aus der letzten Saison. „Biologische Landwirtschaft ist ja ziemlich kompliziert. Zuhause kann ich den Boden ja gar nicht so bestellen“, sagt Voss.

Mit einer Nutzbandtrommel geht es über den Acker. 20 mal 2,30 Meter müssen abgesteckt werden. Zwischen den Parzellen verlaufen schmale Wege. Ute Seemann-Herbst hat Angst, dass sie die Grenze zu den Nachbarn nicht einhält. „Das wird hier nicht so pieselig gehandhabt“, ruft ihr die Freundin zu. Verschiedene Gemüsesorten sind bereits im Boden, darunter Klassiker wie Zwiebeln, Spinat, Mangold und Spitzkohl, aber auch Raritäten wie gelbe Beete und Steckrüben. „Für viele Leute ist das immer noch so ein Nachkriegsversorgungsgemüse. Aber man kann die Steckrübe wirklich sehr schön zubereiten“, erzählt Tobias Paulert, während er Gießkannen und Harken in einer Gartentruhe verstaut. Die Ackerhelden gärtnern von April bis Dezember. Auf Anfrage gibt es Rezepte, um das Gemüse lecker zuzubereiten. „Wir wollen zeigen, wo das Essen herkommt. Und welche die höchste Lebensmittelqualität ist“, erklärt Paulert. „Im vergangenen Jahr sind 84 Kilo an Lebensmitteln pro Kopf in Deutschland weggeworfen worden. Das ist furchtbar. Und wenn man wieder so ein bisschen einen Bezug zu den Lebensmitteln bekommt, ändert sich das bestimmt“, hofft der Idealist.

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Im Alter von neun Jahren fing der heute 43-Jährige an zu gärtnern. „Ich habe meinen Kompagnon Birger Brock bei uns im Schulgarten kennengelernt“, erzählt Paulert. „Das war 1986. Im Jahr von Tschernobyl. Der riesigen Atomkraft-Katastrophe.“ Während einer Projektwoche haben die beiden Jungen gelernt, wie Gemüse angebaut wird. Später hat Paulert Sport- und Wirtschaftswissenschaften studiert. „Um nicht auf geschmacklosen Tomaten aus Holland rumkauen zu müssen, habe ich Gemüse auf dem Fenstersims gezüchtet.“

Inzwischen haben Paulert und Brock ein Gartenbuch geschrieben und unzählige Kooperationen mit Schulen, Kindergärten und Firmen gegründet, für die sie vor Ort Hochbeete installieren und Ernährungsworkshops geben. „Es ist zu wenig Selbstversorgerwissen in der Gesellschaft vorhanden“, sagt Paulert. „Es gibt keinen Hauswirtschaftsunterricht mehr und in Biologie und Sachkunde geht es eher um so Themen wie Genetik.“

Die Ackerhelden streichen mit ihrer grünen Idee noch keine Gewinne ein. Jedenfalls keine monetären. „Ich will mich nicht damit abfinden, dass gesunde Ernährung ein Privileg für Gutverdienende sein muss“, erklärt Paulert. Die Idee einer gesunden Ernährung für alle treibe ihn an. Zusätzlich zu den Privatparzellen vermieten die Ackerhelden kostenlose Flächen an Schulklassen und Kindergärten – dazu haben Paulert und sein Partner eine gemeinnützige Gesellschaft gegründet. Zurzeit laufen Gespräche mit der Bremer Bildungsbehörde und dem Umweltsenator. Es sei erklärtes Ziel der Stadt, bis zum Jahr 2021 in Schulen und Kindergärten weitgehend Biokost anzubieten. Paulert will die Umsetzung unterstützen. Weitere Informationen gibt es unter www.ackerhelden.de. Kindergärten und Schulklassen können sich unter www.ackerheldenmachenschule.de belesen. Ihnen stehen die Ackerflächen kostenlos zur Verfügung. In Timmersloh sind zurzeit noch zwei Parzellen frei.

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