Hirschhausen liest in Lesumer Kirche „Alter ist mehr als Parodontose“

Eckart von Hirschhausen und Tobias Esch gastieren für eine Benefiz-Lesung in Lesum. In der St. Martini Kirche präsentieren sie ihr Buch „Die bessere Hälfte: Worauf wir uns mitten im Leben freuen können“.
Lesedauer: 5 Min
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Von Imke Molkewehrum
Herr von Hirschhausen, die Babyboomer kommen allmählich in die Jahre. Das Thema Ihres Buches ist angesichts der demografischen Entwicklung genial gewählt, prädestiniert für einen Kassenschlager. Inwieweit haben Sie und ihr Kollege und Freund Tobias Esch das Buch auch für sich selbst geschrieben?

Eckart von Hirschhausen: Tobias und ich haben zusammen 99 Jahre Lebenserfahrung – also sind wir genau die Zielgruppe unseres Buches (lacht). Natürlich schreibt man als Autor immer auch für einen selbst und aus einem heraus, aber eigentlich ist das Buch ein Dialog. Ein Gespräch unter besten Freunden, wie es so oft geführt wird – über Gott und die Welt, Wissen und Wollen, Mütter und Großmütter und eben die Frage, wie man im Alter zufrieden werden kann.

Pubertät und Midlife-Crisis sind ähnlich strapaziöse Lebensphasen. Stichwort: Trennung, Umzug, beruflicher und privater Neuanfang. Bald danach beherrschen Vergesslichkeit, knirschende Gelenke, schütteres Haar oder Parodontose das Leben. Trotzdem sprechen Sie von weniger Angst und Stress. Wie passt das zusammen?

Alter ist mehr als knirschende Gelenke und Parodontose. Altern ist kein Abgesang, ist mehr als Verfall – Altern ist Leben für Fortgeschrittene. Wir hypnotisieren uns selbst mit schlechten Erwartungen, weil wir denken, ab 40 geht es nur noch bergab. Natürlich kommen die Zipperlein verstärkt in der zweiten Lebenshälfte: Mal zwackt das Knie, mal der Rücken oder es wird wie bei mir jetzt plötzlich eine Brille nötig. Eine Entspannungsbrille wie der Verkäufer so freundlich betont hat, da er das Wort Gleitsichtbrille unbedingt vermeiden wollte. (lacht) Erwiesenermaßen ist es aber so, dass trotz körperlicher Einschränkungen die Zufriedenheit bei neun von zehn Leuten in der zweiten Lebenshälfte zunimmt. Nur ist dies viel zu wenig bekannt. Dabei hat es bis in die körperliche Ebene hinein weitreichende Konsequenzen: Wer positiv aufs Älterwerden schaut, wird auch älter!

Sie beschreiben in Ihrem Buch drei Glücksphasen, die der Mensch durchläuft. Phase A mit ekstatischem Lieben, Feiern oder Reisen, um Grenzen auszuloten, Herausforderungen zu meistern und Stress zu erleben. Phase B mit der Sehnsucht nach Ruhe und der aktiven Vermeidung stressiger Situationen sowie Phase C als Ankunft in einer inneren Zufriedenheit ohne Streben. In welcher Phase sind Sie derzeit?

Irgendwo zwischen B und C, also definitiv am aufsteigenden Ast der U-Kurve. Und ich bin schon sehr gespannt, wie meine eigene Reise noch weitergehen wird…

Welche Voraussetzungen müssen Senioren haben, um in der zweiten Lebenshälfte dankbar und stolz zurückblicken zu können? Und ist dies nicht ein Phänomen, das eher privilegierte Menschen für sich verbuchen?

Menschen sind im Alter sehr oft zufrieden, wenn sie eine Aufgabe haben, der sie sich mit Hingabe widmen können. Sie können anderen etwas geben, glauben an etwas, das über sie hinausweist, haben die Fähigkeit zu lieben und sich selbst als liebenswert zu empfinden. Und das hat nichts mit ihrer Stellung oder Position in der Gesellschaft zu tun. Unabhängig vom Alter gibt es auch bestimmte Charakterstärken, die besonders eng mit Zufriedenheit verknüpft sind, zum Beispiel Hoffnung, Neugier und Dankbarkeit. Diese Stärken sind übrigens nicht angeboren, sondern lassen sich ausbauen und trainieren. Sie sind sogar ansteckend. Deshalb lohnt es sich, sich mit starken Persönlichkeiten auseinanderzusetzen: Sie färben ab.

Laut Studien gelingt es älteren Menschen, negative Gefühle zu minimieren und entsprechende Auslöser zu meiden. Leider aber nicht bis zum letzten Atemzug. Wie könnten auch die letzten Monate positiv gestaltet werden?

Das liegt oft auch an anderen Menschen. Aber nicht nur an Freunden und Familie wie man denken könnte, sondern vor allem an den Pflegekräften. Je länger ich mich mit meiner Stiftung 'Humor hilft heilen' um die Weiterbildung von Pflegekräften kümmere, desto klarer wird mir, wie die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen dringend mehr Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Perspektive braucht. Auch die pflegenden Angehörigen leisten für diese Gesellschaft unermesslich viel. „Pflegenotstand“ ist mehr als ein betriebs- und volkswirtschaftliches Phänomen. In Wahrheit geht es um unseren Begriff vom guten Leben und den Kern unserer Humanität. Keiner hat sich selber geboren. Und niemand möchte alleine sterben.

Sind die aktuell inflationär auftauchenden Talkshows, Bücher und Artikel über den Frohsinn im Alter ein klassisches Pfeifen im Wald? Und vielleicht auch nur ein Geschäftsmodell?

Für mich zeigt das nur, wie sehr das Thema den Nerv der Zeit trifft. Wann immer Tobias und ich über unsere Thesen diskutiert haben, merkten wir, wie viele dabei zuhörten, sich einmischten und eigene Erfahrungen beisteuerten. Das Thema könnte wichtiger für uns nicht sein, für jeden Einzelnen von uns und für uns alle als Gesellschaft.

Viele Babyboomer haben das Gefühl, dem rasanten technischen Fortschritt nicht mehr folgen zu können und zu wollen, Stichwort KI (künstliche Intelligenz)...

Wer wie meine Generation das Glück hatte, noch ohne Handy aufzuwachsen weiß: Echte Beziehungen sind und bleiben analog. Und lange Freundschaften sind das beste Mittel gegen Stress und für ein glückliches Leben. Machen Sie am besten gleich in Gedanken einmal einen roten Kringel im Adressbuch um die ausgewählten Freunde, mit denen Sie lachen, weinen und schweigen können. Es gibt Naturtalente der guten Laune, die verbreiten Freude, egal, wo sie ankommen. Andere verbreiten gute Laune, egal wo sie weggehen…

„Ein Buch, das das Sterben leichter macht“, lautete am Sonntag, 25. November, zur späten Stunde das harsche Urteil von Literaturkritiker Denis Scheck über ihr neues Werk. Inwiefern beschäftigen Sie sich mit Kritiken?

Am besten so wenig wie möglich. Wer allen gefallen will, hat schon verloren. Wie viele Leute gibt es, die bessere Trainer der Fußballnationalmannschaft wären? Ich würde schätzen 80 Millionen. Wie viele gibt es, die bessere Politiker, Banker und Fernsehmoderatoren wären? Etwa genauso viele. Und einige davon dürfen auch noch ihre Meinung öffentlich kundtun. Das ist Teil des Spiels. Ich zwinge niemanden zum Zuschauen oder Lesen. Mein wichtigster Kritiker ist und bleibt mein Publikum. Und solange die so zahlreich zu mir kommen und meine Bücher kaufen, spüre ich keine Kritik.

Und apropos „leichtes Sterben“: Was wäre anders, wenn wir ewig leben müssten?

Ein ewiges Leben wäre sterbenslangweilig! Nur durch die Endlichkeit bekommt jeder Moment seinen Wert, seine Tragik oder Komik. Ich möchte nicht beschönigen, dass es am Ende des Lebens auch Schmerzen und Situationen der Verzweiflung gibt. Aber aus Angst vor dieser letzten Phase die ganze Zeit in Sorge zu verbringen, ist echte Zeitverschwendung. Ich will vor allem rüberbringen: Seid nicht die ganze Zeit gegen das Leben. Ich bin Anti-Anti-Aging! Wir sind biologisch mit zwei Programmen ausgestattet: Vermehr Dich und verzieh Dich. Bringe etwas Neues in die Welt – seien es Kinder oder Ideen, und dann steh dem Neuen nicht ewig im Weg. In einem meiner Lieblingscartoons, den ich jeden Abend auf der Bühne zitiere, sagt Charlie Brown: „Eines Tages werden wir alle sterben.“ Darauf antwortet ihm Snoopy: „Ja, aber an allen anderen Tagen nicht.“

Das Gespräch führte Imke Molkewehrum.

Info

Zur Person

Eckart von Hirschhausen

ist Moderator, Mediziner, Zauberkünstler, Kabarettist, Comedian und Schriftsteller. Geboren wurde er 1967. Seit 2007 arbeit er auch als Buchautor. In Kooperation mit seinem Freund und Kollegen Tobias Esch hat er gerade ein neues Buch veröffentlicht: „Die bessere Hälfte: Worauf wir uns mitten im Leben freuen können.“

Info

Zur Sache

Lesung ist ausverkauft

Eckart von Hirschhausen und Tobias Esch gastieren am Montag, 17. Dezember, um 15.30 Uhr auf Einladung der Buchhandlung Lesumer Lesezeit in der St. Martini-Kirche, Hindenburgstraße 30. Die Einnahmen gehen als Spende an die Gemeinde sowie an die Stiftung „Humor hilft heilen“. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft.

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