„Sommer in Lesmona“

Der Zauber einer Sommernacht

Bremens Norden kann wieder einmal auf der Wiese in Knoops Park beim „Sommer in Lesmona“ punkten. An die 3000 Festivalbesucher lauschten bereits unter anderem der Deutschen Kammerphilharmonie.
29.06.2019, 19:10
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Von Gerd Klingeberg
Der Zauber einer Sommernacht

Ein Lichtermeer begleitete die Konzerte beim Auftakt zum „Sommer in Lesmona“.

Christian Kosak

An diesem Wochenende in der Waldbühne den Saisonabschluss der Berliner Philharmoniker erleben? Wäre keine schlechte Option gewesen. Aber warum – noch dazu auf dauerverstopften Autobahnen oder in verspäteten Zügen – in die Ferne schweifen? Wo doch Bremens Norden mit der wunderschön gelegenen Wiese in Knoops Park beim „Sommer in Lesmona“ punkten kann. Und außerdem mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen ein Top-Orchester zur Verfügung steht, das fraglos mit den Berlinern konkurrieren kann.

An die 3000 Festivalbesucherinnen und -besucher haben es genauso gesehen, sind schon lange vor Konzertbeginn mit Campinggestühl und teils aufwendig vorbereiteten Picknickmenüs zur Parklichtung in St. Magnus gezogen. Das Wetter ist optimal: Anders als in manchem Jahr zuvor, wo Gummistiefel und dicke Pullover zur Standardausrüstung gehörten, scheint die Abendsonne vom wolkenlosen Himmel.

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Mit heißen mexikanischen Rhythmen geht‘s los: Conga del Fuego (von Arturo Márquez) heizt ein und liefert beste Fiestastimmung. Das cool swingende, von immer neuen Energieschüben befeuerte Thema des Werkes setzt sich sofort im Ohr fest. Der erfahrene Dirigent Joshua Weilerstein gibt den Philharmonikern straffe Tempovorgaben.

Anfangs muss man sich etwas einhören in die durch Verstärkung und Orchester-Zeltbühne bestimmten akustischen Verhältnisse; eine Wiese ist kein Konzertsaal, bietet dafür aber ein reizvolles Ambiente. Besonders, nämlich besonders gut, ist auch die Moderation von Klaus Wallendorf. Nicht nur, dass er große Teile seiner trocken-humorvollen Ausführungen in sauber gereimter Versform oder auch mal mit französischem Zungenschlag vorträgt; der Hornist der Berliner Philharmoniker, Literat, Conférencier und Kabarettist, fasst sich auch erfreulich kurz.

Sehnsuchtsvolles Schmachten bis in höchste Höhen

Mehr Zeit bleibt dem Gaststar des Abends, dem international aktiven Geiger Ray Chen. Der legt sich bei Édouard Lalos „Symphonie espagnole“ – aus der er „III: Intermezzo“ und „V: Rondo“ vorträgt – gehörig ins Zeug. Entlockt seiner Stradivari sehnsuchtsvolles Schmachten bis in höchste Höhen, während seine schwungvolle Bogenführung bei den furiosen Saitensprüngen, den schier endlosen Figurationen und komplizierten Läufen an die Rasanz und Eleganz eines Florettfechters erinnert.

Den Zauber portugiesischer Sommernächte vermitteln die unaufdringlich fließenden, geradezu andächtigen Harmonien einer Nacht in Lissabon, so wie sie Camille Saint-Saëns bei seinem gleichnamigen Opus 63 in Töne gesetzt hat. Das folgende „Danzón No. 2“ (A. Márquez) mutet zunächst an wie ein geruhsames Schunkeln in die Pause. Mit mexikanischer Emphase und der Akribie eines klassischen Orchesters gespielt, schaukelt es sich indes im tequilaheißen Rhythmus auf, wird zum Ausdruck überschäumend ausgelassener Lebensfreude.

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Eine musikalische Entdeckung bietet „Masquerade“, ein Werk der 1980 in London geborenen Komponistin Anna Clyne. Es ist ein buntes Kaleidoskop aus großen flirrenden Klangflächen, die, mit gehörigem Drive von den Kammerphilharmonikern vorgetragen, in heller Tonalität pulsierend immer neu aufbrechen. Dann ist wieder Ray Chen am Zuge: mit „Introduction“ und „Rondo Capriccioso op. 28“ von Saint-Saëns. Der Eingangspart mit nocturnesker Note scheint wie ein kurzes Warmlaufen für das fetzig vorgetragene Rondo. Bei Chen wirkt dennoch alles leicht und locker wie aus dem Handgelenk geschüttelt. Selbst dann, als er in typischer Teufelsgeiger-Attitüde das mit diversen grifftechnischen Gemeinheiten gespickte Finale äußerst virtuos und in wahrhaft aberwitzigem Tempo angeht.

Mit metronomischem Rhythmus

Inzwischen ist es dunkel geworden, nächtliche Kühle hat sich ausgebreitet, hier und da leuchten Glühwürmchen. Zeit für etwas Besinnliches. Oder auch: Für das Entzünden und Schwenken hunderter Wunderkerzen. Das ist längst ein schönes Ritual beim „Sommer in Lesmona“ und wird traditionell vom Dirigenten initiiert. Musikalisch passt die „Méditation“ aus Jules Massenets „Thaïs“ bestens dazu. Die ruhig fließende, vibrato-veredelte Geigenstimme dialogisiert sinnierend mit fein perlenden Harfenarpeggien, dieweil das Orchester einen zart gewebten Klangteppich erstellt. Ein Moment purer Romantik.

Der metronomische Rhythmus von Maurice Ravels „Boléro“ bildet anschließend ein stabiles Raster für das additive, an einen Flashmob erinnernde Spiel der Orchesterinstrumente. Zugaben folgen, darunter Sarasates „Zigeunerweisen“. So stimmungsvoll hätte es noch Stunden weiter gehen dürfen.

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