Das Interview

„Ich erlebe Beschimpfungen“

Der Nordbremer Jürgen Feder gilt bundesweit als Extrembotaniker. Im Interview mit der NORDDEUTSCHEN spricht er über das Konfliktfeld Artenvielfalt und ein Gutachten zu den Lesumwiesen.
11.06.2020, 06:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt
„Ich erlebe Beschimpfungen“

Jürgen Feder wirbt dafür, dass Menschen hinaus in die Natur gehen und sich für die Pflanzenwelt begeistern.

Susanne Schramke

Herr Feder, wie ist es zu Ihrem neuen Buch „Pflanzenretter“ gekommen?

Jürgen Feder: Eigentlich sollte es darum gehen, wie man Natur im Garten schützen kann. Doch zahlreiche Pflanzenarten lassen sich im Garten einfach nicht dauerhaft halten – der Ansatz geht in die falsche Richtung, weil zum Beispiel Arten der Moore oder der Äcker intakte Landschaftsräume brauchen. Um die müssen wir uns kümmern und dürfen nicht alles auf Gärten fokussieren. Viele Arten gehen in Gärten schnell kaputt. Deshalb habe ich mein Buch auf die wichtigsten Lebensräume in Deutschland erweitert.

Sie haben in Ihren Buch 111 Arten ausgewählt – warum gerade diese?

Es sollten Pflanzenarten sein, die wichtig sind für unser Land. Also auch häufige Arten wie die Knoblauchsrauke, die zum Beispiel an Wegrändern blüht. Sie spielt eine Rolle für die moderne Kräuterküche, ist aber zum Beispiel auch als Futterpflanze für Schmetterlingsraupen wie die des Aurorafalters wichtig.

Muss in erster Linie die Landwirtschaft geändert werden, um Pflanzen wirkungsvoll zu retten?

Das ist in der Tat der entscheidende Knackpunkt. Seit Jahrzehnten wird über eine andere Landwirtschaft geredet, aber nichts ist wirklich besser geworden. Die Rückgänge bei Insekten, aber auch bei Pflanzen sind dramatisch. Jeder sieht den Landschaftswandel doch mit eigenen Augen. Die Intensivbewirtschaftung von Äckern und Grünland lässt keinen Platz mehr für Randstreifen oder Brachen, an denen sich die Artenvielfalt halten könnte. Für solche ökologischen Leistungen müssten die Landwirte aber auch bezahlt werden. Doch die meisten haben nur Produktion im Kopf, auch jüngere Landwirte – ich erlebe auf meiner Facebook-Seite einen wahren Shitstorm an Beschimpfungen. Immerhin ist es ein Hoffnungsschimmer, dass viele Gemeinden aktiv werden und Blühstreifen in Dorf und Stadt fördern, und dass sich viele Bürger dafür engagieren.

Nehmen den Artenrückgang heute nur noch wenige Experten wie Sie wahr?

Die Unwissenheit ist in der Tat erschreckend und nimmt immer mehr zu, sei es auf der Seite der Politiker und in den Naturschutzverwaltungen, sei es bei Lehrern in den Schulen. Die kennen ja keine Kornblumen mehr und trauen sich gar nicht mehr mit den Kindern in die Natur, weil sie eben nichts kennen und auf die Fragen ihrer Schüler keine Antwort wissen.

Inzwischen gibt es Apps wie „flora incognita“, mit der auch unbedarfte Laien mit dem Handy Pflanzen bestimmen können. Was halten Sie von solchen innovativen Ansätzen?

Die sind auf jeden Fall gut, auch wenn die Software öfter Fehler macht. Aber damit werden Menschen animiert, raus in die Natur zu gehen, Pflanzen zu fotografieren und sie sich genauer anzuschauen. Jeder solcher Versuche ist wertvoll. Es müssen viel mehr werden, die sich für Natur begeistern.

Sie vermitteln dieses Begeisterung auf Ihren Exkursionen und in Ihren Büchern. Vor allem aber sind sie auch als Pflanzenexperte im Gelände tätig.

Pflanzen retten bedeutet auch, Gefälligkeitsgutachten zu kippen, die nichts taugen. Im Sauerland zum Beispiel hatte ein Planungsbüro eine Fläche, die bebaut werden sollte, als „artenarmes Wirtschaftsgrünland“ eingestuft. Als ich mir das Gebiet angesehen hatte, konnte ich mehr als 180 Pflanzenarten nachweisen – mit vielen seltenen Arten der Borstgrasrasen. Mit meinem Gegengutachten konnte ich die Bebauung der Fläche verhindern.

In Bremen-Nord haben Sie vor Kurzem auch ein Gutachten zu den Lesumwiesen erstellt, die demnächst zugunsten einer Fischlaichzone verschwinden sollen. Wie beurteilen Sie diese Flächen?

Naturschutzverbände wie der BUND, aber auch die Grünen heißen die Vernichtung eines höchst wertvollen Lebensraums gut, der in dieser Form nirgendwo sonst in Bremen zu finden ist: Dort gibt es die einzigen Kohldistelwiesen, eine enge Verzahnung von Waldelementen, Gebüschen und kleinen Röhrichtinseln mit feuchtem Grünland – es ist eine wahre Schande, wenn solche Biotope vernichtet werden.

Sollten sich denn nicht besonders die Umweltverbände für die Rettung solcher Biotope einsetzen?

Ich habe Vertreter der Verbände eingeladen, sich die Lesumwiesen einmal anzusehen und sich selbst ein Bild von dieser Vielfalt zu machen. Keiner war bereit dazu – von den Umweltverbänden wird die Natur nur für ihre eigenen Interessen genutzt. Leute, die ihr Einverständnis für die Vernichtung solcher höchst wertvoller Flächen geben, ruinieren unser aller Lebensgrundlagen.

Das Gespräch führte Jörn Hildebrandt.

Info

Zur Person

Jürgen Feder

Jahrgang 1960, ist deutschlandweit bekannt als Extrembotaniker, der bereits zahlreiche Auftritte im Fernsehen hatte und viele Menschen für die Pflanzenwelt begeistern konnte. Der Diplom-Ingenieur für Landespflege, Flora und Vegetationskunde zählt zu den bekanntesten Experten für Botanik. Neben seiner Tätigkeit als Pflanzenkartierer macht er auch in ganz Deutschland Exkursionen für jedermann, auf denen er Wissen über Lebensräume und ihre Pflanzen vermittelt. Feder lebt in St. Magnus.

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