Ziegenhof in Niederbüren

Gemeckert wird immer

Bisher konnten Ausflügler auf Bremens einzigem Ziegenhof handgemachten Ziegenkäse aus Rohmilch kaufen. Dass es in diesem Jahr anders ist, hat auch mit dem Klima zu tun.
09.05.2019, 17:18
Lesedauer: 3 Min
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Von Anne Werner (Fotos) und Patricia Brandt (Text)

Mit Anlauf springen zwei Ziegen aufeinander. Ein kurzes, hartes Geräusch dringt von der Weide herüber, als ihre Hörner zusammenstoßen. „Kindergehampel“, nennt das Anke Rosenhagen, die jetzt am Gatter steht und die Jährlinge beim Kräftemessen beobachtet. Die Jährlinge sind die jüngsten Tiere auf dem Hof. Dass es dieses Frühjahr keine Zicklein auf Bremens einzigem Ziegenhof im 44-Seelen-Ort Niederbüren gibt, hat viel mit dem Klima, den Heupreisen und ein bisschen auch mit dem Wolf zu tun.

Soll sie käsen oder nicht? Lange hat sich Anke Rosenhagen vom De Zeegenhoff die Frage gestellt. Eigentlich immer, wenn sie im vergangenen Dürre-Sommer aus dem Fenster auf die vertrockneten Wiesen am Niederbürener Deich schaute. Wer bisher auf dem Deich vorbeikam, konnte bei ihr Käse kaufen. Einen Hofladen gibt es zwar nicht. Es genügte, dort zu klingeln, wo Jahr und Tag ein altes Fahrrad lehnt. Sie hat sich dagegen entschieden, ihre Herde zu vergrößern, sodass Ausflügler und Radtouristen in diesem Sommer leer ausgehen, die die Zicklein beobachten und Anke Rosenhagens handgemachten Ziegenkäse aus Rohmilch kaufen wollen. „Es gibt dieses Jahr nur Ziegensalami und Ziegenschinken“, sagt Anke Rosenhagen.

Knapp 30 Tiere umfasst Anke Rosenhagens Herde aktuell. Als die gelernte Fotografin die Tiere am früheren Morgen aus dem Stall holt, empfängt sie schon ein Meckern. „Wollt ihr rausgehen?“, fragt Anke Rosenhagen mit sanfter Stimme. Eine Ziege springt auf einen Tisch im Stall, stupst ihren Arm an und lässt sich von ihr das schokoladenbraune Fell hinter dem Ohr kraulen. Mit aufmerksamen Blick schaut die Ziege aus grünen Augen umher.

Die Thüringer Waldziegen sind eine alte, vom Aussterben bedrohte Nutztierrasse. In Deutschland soll es nicht einmal mehr 1500 weibliche Zuchttiere geben, sie stünden auf der Roten Liste, sagt Anke Rosenhagen. Zum Schlachter nach Sandstedt kämen nur die Böcke. Nie würde sie es übers Herz bringen, alte Ziegen wie die zehnjährige Lotta abzugeben, „die immer Drillinge gekriegt und die Herde so toll aufgebaut hat“. Lotta läuft mit den anderen Tieren aus dem Stall heraus, als Anke Rosenhagen das Tor des 200 Jahre alten Reetdachhofs öffnet. Während die jungen Ziegen im Vorbeilaufen übermütig einen hüfthohen Stein-Stapel erklimmen, der zwischen Stall und Weide liegt, zottelt Lotta dran vorbei.

Die Rasse gilt als robust und langlebig. Dass es dieses Jahr keine Zicklein auf dem Hof gibt, liege daran, dass es zurzeit wenig Abnehmer für Ziegen gebe, sagt Anke Rosenhagen. Kleinere Zuchtbetriebe hätten Angst vor einem weiteren Dürre-Sommer. „In einigen Regionen ist im vergangenen Jahr das Futter ausgegangen.“ Viele kleinere Betriebe seien betroffen gewesen, einige mussten schließen. „Die Futterkosten sind explosionsartig nach oben gegangen. Ein Rundballen, der sonst 40 bis 50 Euro kostete, kostete plötzlich 80 bis 100 Euro. Das muss man sich leisten können.“ Dazu käme in einigen Gegenden die Angst vor dem Wolf.

Eine Ziege reibt ihr langes Fell am Zaun, eine andere schlägt ihre Hörner an eine alte Kopfweide. Eine Dritte kommt neugierig näher. Anke Rosenhagen bindet ihr Halsband und Leine um. „Bei mir müssen die Tiere an der Leine gehen können, damit man sie von A nach b bringen kann“, kommentiert sie. Bevor der Deich erneuert wurde, weideten die Tiere noch vor dem Haus. Nun toben sie in den Gärten – auch der Nachbarn – hinter der Dorfstraße. Zu tun hat die gebürtige Niederbürenerin auf dem Hof auch, ohne zu käsen. Anke Rosenhagen bindet die Ziege am Zaun fest und hebt deren linkes Hinterbein: Zeit für Klauen-Pflege.

Gackernd nähert sich eine Schar seltener Vorwerkhühner. Der Hahn stolziert geradewegs in den angrenzenden Garten. Seine Federn glänzen braun und schwarz im Sonnenlicht. Aus dem Augenwinkel sieht Anke Rosenhagen, wie eines der Hühner ein Sandbad nimmt. Sie lässt das Ziegenbein los und schimpft: „Hey, da habe ich gerade eine Rose gepflanzt.“ Manchmal überlege sie, ob sie Frikassee oder Brathuhn machen soll, sagt sie. Aber das ist ein Scherz: Ihre Stammkunden will die Ziegenhalterin auch weiterhin mit Eiern versorgen.

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