Sönke Hofmann: Die Wiese ist zu wertvoll Nabu-Chef lehnt geplante Hundefreilauffläche in St. Magnus ab

Sönke Hofmann, Geschäftsführer des Naturschutzbunds (Nabu) Bremen, spricht sich gegen die geplante Hundefreilauffläche in St. Magnus aus. Er argumentiert mit dem Artenreichtum der Wiese.
13.10.2020, 05:00
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Von Jörn Hildebrandt

Biolandwirt Ulli Vey steckt zahlreiche weiße Schilder mit Pflanzennamen in die Wiese, auf einer Fläche von nur wenigen Quadratmetern. „Damit wird anschaulich, welche Artenvielfalt auf kleinstem Raum in diesem Grünland steckt“, sagt er. Gemeint ist die sogenannte Homannsche Wiese am Raschenkampsweg. Sie war einst das ehemalige Hippodrom von Baron Ludwig Knoop (1821-1894), das später anderweitig genutzt wurde: „In den 1950er- bis 1970er-Jahren ließ Landwirt Martin Ranke mit seinen beiden Schwestern Kühe auf ihr weiden, danach wurde ein Teil des Grünlands von der Gärtnerei Homann genutzt“, so Ulli Vey.

Er bewirtschaftet die Fläche seit zehn Jahren als Mähwiese. Das rund dreieinhalb Hektar große Areal ist von allen Seiten von Wald umgeben. Seit Langem dient es Hundebesitzern inoffiziell als Auslaufplatz für ihre Vierbeiner. Nach dem Willen des Umweltressorts soll die Wiese in Kürze auch offiziell Hundeauslauffläche werden. Es wäre nach Angaben von Jens Tittmann, Pressesprecher des Umweltressorts, die größte Freilauffläche in ganz Bremen.

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Ulli Vey gewinnt von der Wiese Heu als Winterfutter für seine Angusrinder, die er nach den Kriterien der ökologischen Landwirtschaft hält. „Im vergangenen Jahr habe ich 25 Ballen aus dieser Wiese herausgeholt, doch mir geht es weniger um den landwirtschaftlichen Aspekt als um den Naturschutz“, sagt er. Denn bei der Homannschen Wiese handele es sich um den seltenen Typ einer Glatthaferwiese, einer artenreichen Ausprägung des Grünlands, die in Nordwestdeutschland selten geworden sei.

Im südlichen Teil habe sich eine nicht minder seltene Magerwiese etabliert. Josef Müller, der als Botaniker an der Universität Bremen tätig war, hat auf einer Begehung 35 Pflanzenarten festgestellt. „Und die Liste könnte bei einer Begehung im Juni sicherlich um fünf bis zehn Arten ergänzt werden“, sagt Müller. Er stellt fest: „Wiesen dieses Typs sind unbedingt schützenswert.“ Das bestätigt auch der Bremer Naturschutzbund (Nabu).

Jagdraum für Fledermäuse

Geschäftsführer Sönke Hofmann hat die Fläche unter die Lupe genommen. „Erstaunlich ist, dass hier noch im Oktober ein großes Blütenangebot mit den Farben Gelb, Violett, Blau und Weiß herrscht – ein solcher Blütenreichtum ist zu dieser Jahreszeit selten und deshalb für die Insektenfauna extrem wichtig“, sagt Hofmann. „Weiterhin ist die ringsum von Wald umgebene Wiese wahrscheinlich ein wichtiges Jagdhabitat für Fledermausarten, die an Waldrändern über offenem Gelände Insekten erbeuten“, ergänzt er.

Doch was wird aus diesem seltenen Wiesentyp, wenn die Fläche zur Hundeauslauffläche wird? Ulli Vey befürchtet, dass es bei einer Umwidmung mit der landwirtschaftlichen Nutzung vorbei sein könnte. „Vor jeder Mahd müssen die vielen Äste abgesammelt werden, die Hundebesitzer liegen gelassen haben“, sagt er. Und mit dem Hundekot hat er besonders schlechte Erfahrungen gemacht: Der sei nachweislich mit dem Krankheitserreger Neospora caninum infiziert gewesen, einem Einzeller, der eine Infektionskrankheit bei Haus- und Nutztieren verursacht, die zu Aborten führen kann. „Wir hatten in unserem Betrieb bereits Fehlgeburten und haben daraufhin unsere Herde auf den Erreger untersucht – eine Mutterkuh mussten wir schlachten“, sagt Ulli Vey.

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„Wenn ich die Wiese nicht mehr nutzen kann, müsste sich wahrscheinlich der Umweltbetrieb darum kümmern, und dann würde sie wohl statt zwei Mal jährlich wesentlich häufiger gemäht werden“, glaubt Ulli Vey. Sönke Hoffmann sagt: „Das würde bedeuten, dass die seltene Glatthaferwiese allgegenwärtigem Intensiv-Grünland weicht: kurzrasig und ohne die jetzige Vielfalt an Pflanzen- und Insektenarten.“

Die Wertigkeit dieses Biotops würde deutlich gemindert, und damit müsse dieser Eingriff in die Natur auch ausgeglichen werden, wie es das Gesetz vorschreibt. „Die Umwidmung der Wiese kann durchaus die Auswirkungen einer Bebauung haben“, sagt er. Hofmann hält die geplante Hundeauslauffläche für überdimensioniert und die Glatthaferwiese, die verschwinden würde, für zu wertvoll. Auch wenn die Wiese derzeit keine Seltenheiten der Flora birgt, sei sie doch von großer Bedeutung für den Naturschutz.

Alternative Flächen

Ulli Vey nennt mehrere alternative Flächen, die aus seiner Sicht als Hundeauslaufgebiete in Bremen-Nord infrage kämen: eine Wiese am Raschenkampsweg hinter dem Parkplatz gegenüber dem Haus Kränholm oder eine zwei Hektar große Fläche an der Ecke Steingutstraße/Loki-Schmidt-Straße in der Nähe der Jacobs University, die bereits eingezäunt sei. Geeignet seien auch mehrere Flächen in der Nähe des Lesumhafens, westlich des Friedehorstparks oder eine Fläche des SV Grohn an der Straße Auf dem Wasser, so Ulli Vey. „Wir müssen uns um solche seltenen Wiesentypen kümmern, damit sie nicht für immer verschwinden“, sagt Nabu-Chef Hofmann, der einen Abwägungsprozess vorschlägt: „Was verliert und was gewinnt die Gesellschaft, wenn es besser geeignete Flächen als diese in der näheren Umgebung gibt?“

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