Übergangswohnheim in Lesum Ihre Tür steht immer offen

Gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit als neue Leiterin im Übergangswohnheim in Lesum wird Nicole Höfling-Engels mit einem Problem konfrontiert. Anwohner beschweren sich über den Lärm der Kinder und Jugendlichen.
08.03.2019, 18:16
Lesedauer: 5 Min
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Von Sylvia Wörmke

Sie hat in Notunterkünften und einem Übergangswohnheim in Bremen-Stadt gearbeitet. Nicole Höfling-Engels bringt deshalb viel Erfahrungen mit. Das hilft ihr bei der Leitung des Übergangswohnheimes Am Rastplatz. Anfang Januar hat sie ihr Büro bezogen und gleich ein Problem übernommen. Anwohner beschweren sich über den Lärm der Kinder und Jugendlichen, wenn sie draußen spielen – vor allem abends und am Wochenende. „Auch die Bewohner brauchen Ruhe. Wenn aber so viele Menschen zusammen wohnen, dann knirscht es“, weiß sie. Nicht nur untereinander, sondern auch mit den Nachbarn. Die gebürtige Hessin hat aber Ideen, wie das Zusammenleben möglicherweise reibungsloser gestaltet werden könnte.

Das Übergangswohnheim in Lesum wurde neu gebaut und im Januar 2018 bezogen. Rund die Hälfte der zurzeit 226 Bewohner der Unterkunft ist unter 18 Jahre alt. Die Kinder und Jugendlichen waren im heißen Sommer vergangenen Jahres oft im Freien, auch bis spät abends und am Wochenende. Sie haben sonst nur die Möglichkeit, in den Wohnungen zu bleiben. Über die Lautstärke in der Nachbarschaft klagen die Anwohner seit Monaten. Der Beirat Burglesum schaltete sich auch bereits ein und verlangte von der Inneren Mission, dem Träger des Heims, und der Sozialbehörde Antworten. „Ich wusste von meiner Vorgängerin von der Situation“, sagt die 45-Jährige. „Wundermittel“ gegen das Problem, das noch durch die Bauweise der Gebäude begünstigt wird, kann sie aber auch nicht bieten. Zumindest hat sie die Zusage der Sozialbehörde, dass die die Kosten für zusätzliches Personal in den Abendstunden und am Wochenende zahlt. „Wir sind ja nur der Träger des Übergangswohnheimes“, verdeutlicht sie, dass das Personal und die Überstunden der Mitarbeiter von der Behörde bezahlt werden.

Bewohnerrat geplant

Darüber hinaus hat sich die neue Leiterin Gedanken aber gemacht und möchte Veränderungen anschieben, beispielsweise durch einen Bewohnerrat, der sich mit solchen Themen auseinandersetzen könnte. Auf diese Weise erhofft sie sich, „direkt einen Draht zu den Bewohnern zu bekommen“ – wenn in diesem Gremium die unterschiedlichen Nationen vertreten sind, es einen Sprecher gibt und nebenbei gleich auch demokratische Vorgänge, Wahl eines Sprechers sowie Rechte und Pflichten praktisch erfahrbar werden. Für die jüngere Generation im Haus schweben ihr Kinderkonferenzen und Jugendversammlungen vor. Sie versteht das auch „als Hilfe zur Selbsthilfe“.

Nicole Höfling-Engels selber spricht französisch, spanisch, englisch, niederländisch – genau die falschen Sprachen sagt Nicole Höfling-Engels und lacht dabei. „Arabisch und Persisch fehlen“. Wie sich die Situation durch das Flüchtlingsdrama in Deutschland aber einmal entwickeln könnte, wusste zu ihrer Studien- und Ausbildungszeit zur Sozialpädagogin in den 1990-er Jahren und auch noch bis vor wenigen Jahren niemand.

Darum ist Nicole Höfling-Engels auf Hände und Füße und die Dolmetscher im Übergangswohnheim angewiesen, die Persisch, Arabisch und Serbisch beherrschen, was hauptsächlich zur Verständigung im Haus gebraucht wird. „Die non-verbale Kommunikation macht auch viel aus.“ Trotz der Sprachbarrieren: „Ich bin nah dran und bekomme viel mit“, sagt sie.

„Meine Tür muss immer offen sein.“ Das ist sie auch real. Sie meint diesen Satz aber auch im übertragenen Wortsinn und bezieht Bewohner, ihr Team und die Nachbarn des Heimes ein, die jederzeit zu ihr kommen können. Sie möchte wissen, wenn es irgendwo hakt. Nicole Höfling-Engels sucht immer erst die Ursachen. „Wenn man das Problem erkennt, dann kann man auch einen Lösungsweg suchen.“ Kulturelle Unterschiede, Verhaltensweisen und andere Lebensformen spielen bei Problemen mit unterschiedlichen Nationalitäten oft eine Rolle. Die 45-Jährige hat zwar sehr viele berufliche Erfahrungen gesammelt, in der Jugend- und Seniorenarbeit, im Pflegebereich, mit Menschen mit Einschränkungen, in der wissenschaftlichen Forschung, dennoch lernt sie immer weiter dazu.

Wie in den anderen Bremer Heimen, in denen sie vorher arbeitete, hat sie auch in Lesum den Ehrgeiz: „Ich möchte jeden mit Namen kennen.“ Zeit dafür hat sie, denn bis die zum Teil sehr großen Familien in eigene Wohnungen ziehen, wird es nach ihrer Einschätzung dauern. Große Wohnungen für beispielsweise Familien mit neun Kindern sind rar. Oder die Vorgaben der Behörden in Bezug auf Quadratmeterzahlen oder Mietpreis passen nicht, wodurch eine Wohnung nicht zu haben ist.

Für Nicole Höfling-Engels stehen Inklusion und Integration bei ihrer Arbeit im Vordergrund. Darum denkt sie über Angebote nach, um den Heimbewohnern Möglichkeiten aufzuzeigen, in Deutschland Fuß zu fassen und ihren Weg zu gehen – durch Angebote im Haus – wie noch mehr Deutschkurse, noch mehr Hausaufgabenhilfe für die Kinder und Jugendlichen – aber auch außerhalb des Übergangswohnheimes. „Vernetzung und Kooperation ist das Ur-Handwerk der Sozialpädagogen“, sagt sie.

Seit Mitte 2018 arbeite das Haus mit dem Jugendfreizeitheim in Burglesum zusammen. „Wir teilen uns eine Sozialpädagogin.“ Es ginge darum, die junge Generation im Heim dazu zu bewegen, Angebote im Freizeitheim wahrzunehmen. Dies möchte sie noch weiter im Stadtteil mit anderen Partner ausbauen. Hintergedanke: Nicht die ganze Freizeit der Schulkinder und Jugendlichen wird dann im Übergangswohnheim verbracht, was auch den Lärm reduzieren würde. Außerdem ist sie der Meinung, dass die Kenntnis über Strukturen außerhalb des Heimes für alle Heimbewohner nützlich ist. Das sei auch eine gute Vorbereitung auf das Leben in einer eigenen Wohnung.

Mediathek wird vorbereitet

Am Rastplatz soll auch ein Raum zu einer Mediathek mit Computerarbeitsplätzen hergerichtet werden, sodass Bewohnern sich im Internet informieren, Deutsch lernen oder auf die Medien der Stadtbibliothek zugreifen können. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule sollen Deutschkurse angeboten werden. „Es ist auch ein interkultureller Gesprächskreis mit dem Zentrum für Interkulturelles Management geplant.“ Vor allem Frauen aus Ghana und Nigeria können sich auf diese Weise über die Unterschiede bei der Erziehung ihrer Kinder in ihrem Heimatland und in Deutschland informieren.

Darüber hinaus hat die neue Leiterin schon sehr viel vorgefunden, was sie noch ausbauen möchte. Im Übergangswohnheim organisiert die Willkommensinitiative Lesum eine Fahrradwerkstatt, das SOS-Kinderdorf Worpswede und Kita mobil, das Bildungsprojekt der Bremischen Evangelischen Kirche, organisieren die Kinderbetreuung. Außerdem engagieren sich ehrenamtliche Kräfte auf unterschiedliche Weise. „Es wäre schön, wenn sich noch mehr Menschen einlassen würden“, wünscht sich die neue Leiterin noch mehr ehrenamtliche Unterstützung. Zurzeit betreuen sie und ihr Stellvertreter sowie drei Sprachmittler die Bewohner. Im April kommen noch zwei Wohnraumvermittler hinzu.

Info

Zur Sache

Zur Person

Nicole Höfling-Engels wurde 1973 in Friedberg (Hessen) geboren und wuchs in einem kleinen Dorf in der Nähe von Gießen auf. Nach dem Abitur 1994 machte sie ein freiwilliges soziales Jahr in Paris und kam danach zum Sozialpädagogik-Studium nach Bremen. Sie war während des Studiums in Pflege-, Senioren- und Jugendeinrichtungen tätig und arbeitete mit Menschen mit Einschränkungen. Sie verbrachte auch drei Monate in Guatemala in einem Kinder-Frauenprojekt. An der Universität Bremen forschte sie zu verschiedenen Themen wie Gesundheit, Krankheit und Frauengesundheit. Nach der wissenschaftlich-pädagogischen Arbeit wechselte sie im Oktober 2015 in die Praxis zurück und begann bei der Inneren Mission in der Notunterkunft Überseestadt mit der Betreuung von Geflüchteten. Bis Dezember 2018 folgten Tätigkeiten in Notunterkünften und Übergangswohnheimen. Seit Januar ist die verheiratete Mutter zweier Kinder, die mit ihrer Familie in Bremen-Mitte wohnt, Leiterin des Übergangswohnheimes in Lesum.

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