Interview

„Pause gibt Möglichkeit, sich zu sortieren“

Im Interview spricht die freiberufliche Sportpsychologin Kathrin Seufert aus Lesum über die aktuelle Situation im Amateurfußball und über den Restart der Bundesliga.
17.05.2020, 17:49
Lesedauer: 9 Min
Zur Merkliste
„Pause gibt Möglichkeit, sich zu sortieren“
Von Nastassja Nadolska
„Pause gibt Möglichkeit, sich zu sortieren“

Auf den Fußballplätzen darf nun unter strengen Auflagen wieder trainiert werden.

imago
Frau Seufert, Amateurfußballer dürfen nach knapp zwei Monaten Zwangspause wieder mit der Mannschaft trainieren. Welche Bedeutung hat das für die Sportler aus psychologischer Sicht?

Kathrin Seufert: Ich glaube, die Freude überwiegt jetzt erst mal, endlich wieder gegen den Ball treten zu dürfen und sich in den Gruppen zu treffen und ihrer Lieblingssportart nachzugehen. Da wird mit Sicherheit sehr viel Euphorie herrschen, was viele Glücksgefühle ausschütten wird, die aus psychologischer Sicht natürlich sehr gut sind.

Inwieweit haben sich die Spieler und das Gemeinschaftsgefüge in dieser sonderbaren Zeit verändert und wie wirkt sich das auf die gemeinsame Zeit im Training aus?

Es wäre spannend zu wissen, was die Mannschaften in der Zwischenzeit unternommen haben. Ob sie Onlinemöglichkeiten, Videochats oder Gruppentraining genutzt haben. Ich habe bei vielen gesehen, dass sie mit Hilfe diverser Plattformen trainiert haben. Der Austausch wird sicherlich weiterhin stattgefunden haben. Sie bleiben eine Mannschaft und werden sich auch in dieser schwierigen Zeit erkundigt haben, wie die Mannschaftskameraden zurechtkommen. Ich bin der Meinung, dass schweißt die Teams noch mal mehr zusammen, wenn man diese Phase gemeinsam erlebt, bespricht und sich unterstützt. Das Gemeinschaftsgefüge wird so auf ein anderes Level gehoben.

Glauben Sie, dass die Isolation auch langfristige Folgen für die Spieler haben könnte?

Wenn sich jemand schon vorher isoliert gefühlt hat und nicht in den Gruppenrahmen integriert ist oder war, könnte es für den Sportler natürlich schwieriger sein, wieder zurück zu finden. Pauschal würde ich nicht sagen, dass die Corona-Pandemie für Spieler speziell psychische Folgen haben wird. Es werden wahrscheinlich im Querschnitt der Bevölkerung mehr psychische Krankheiten auftreten, da unter Umständen labile Personen mit den Einschränkungen, Vermeidungen von sozialen Kontakten und Sorgen rund um Covid-19 Ängste und Depressionen entwickeln können. Davon sind natürlich auch Spieler nicht ausgenommen. Hier ist es wünschenswert, dass Trainer und Mitspieler ein Auge aufeinander haben, sich rechtzeitig unterstützen und unter Umständen professionelle Hilfe aufsuchen.

Sport alleine – sowohl draußen als auch daheim – war ja möglich. Können Sie einschätzen, wie schwer es für die Sportler war, sich in dieser Zeit aufzuraffen?

Ich kann da eine Vermutung abgeben, wobei die auch sehr individuell ausfallen wird. Da es nicht das gewohnte Training ist, welches die Spieler dort absolviert haben, mussten sie erst mal lernen, mit dieser neuen Trainingsart umzugehen. Hier wird es schon sehr individuell. Der eine freut sich, sein Home-Work-out alleine machen zu können, der andere würde lieber das angesetzte Lauftraining wie gewohnt in der Gruppe machen, wo er gepusht wird und auch Zeit zum Austausch ist. Der Bewegungsdrang, den die allermeisten Sportler verspüren und das Wissen, dass es ja auch irgendwann wieder losgehen wird und man dann fit sein möchte, wird geholfen haben, die Motivation zu finden und sich aufzuraffen.

Es gibt aber auch viele, die die auferlegte Entschleunigung als durchaus angenehm empfinden. Bei aller Ungeduld und Langeweile, die Sportler derzeit plagen: Was bringt ihnen die Pause?

Jede Pause gibt natürlich neue Möglichkeiten, sich zu sortieren, neue Gedanken zu strukturieren und sich neue Ziele zu setzen. Ebenso gibt die Unterbrechung Zeit, sich bewusst zu werden, welche Stärken in einem schlummern, also in den Ressourcen-Rucksack – so nenne ich ihn ganz gerne – zu schauen, was ich dort angesammelt habe und sich weiter bewusst zu werden, welche Lücken sich noch auftun. Oftmals erkennt man, dass dieser „Rucksack“ schon mit deutlich mehr Fähigkeiten gefüllt ist, als man angenommen hatte. Diese Erkenntnis stärkt den Selbstwert und lässt kommende Aufgaben, auch wenn sie schwerer erscheinen, mit mehr Mut angehen. Die Pause kann auch dazu dienen, den ganzen Stress und Druck aus dem Alltag hinter sich zu lassen, um sich Ruhepunkte zu setzen und möglicherweise auch Verfahren anzueignen und Optionen zu suchen, die zurück in der „Normalität“ helfen, das Leben zu entschleunigen.

Not macht ja bekanntlich erfinderisch. Viele Trainer haben ihre Schützlinge mit verschiedenen Trainingsvideos bei Laune gehalten. Welchen psychologischen Wert hat das, gerade was die Kommunikation und das Gemeinschaftsgefüge betrifft?

Ich glaube, dass die Trainer an dieser Aufgabe in jedem Fall daran gewachsen sind, ihre Spieler beisammen zu halten und auch jedem gerecht zu werden. Was die Kommunikation betrifft, ist es sicherlich auch eine Herausforderung gewesen, wobei im heutigen Zeitalter von WhatsApp, Telefon und Videotelefonie der Kontakt auch außerhalb des Trainingsgeländes möglich ist. Die Nutzung dieser Medien wird dazu beigetragen haben, dass das Gefüge in der Mannschaft, wenn auch auf neue Art und Weise, gestärkt wurde.

Sind solche Aktionen gerade jetzt besonders wichtig, um die Beziehung zwischen ihren Schützlingen zu pflegen?

Ich bin der Meinung, dass dies in der Tat wichtig ist, unabhängig von Corona und Co. Ein Trainer wird möglicherweise nun etwas mehr Zeit haben, sich mit jedem Spieler einzeln zu beschäftigen, um sich anzuhören, wie es ihm ergeht. Hier geht es also nicht mehr nur um die Frage, ob er heute spielen kann oder nicht. Der offene Austausch begibt sich auf eine ganz andere Ebene und stärkt das Trainer-Mannschaftsgefüge.

Bisher ist noch nicht ganz klar, ob und wie der Spielbetrieb in den verschiedenen Ligen weitergeht. Sportler setzen sich Ziele, unter anderem Meisterschaften, Aufstiege etc. Was passiert in ihnen, wenn diese Perspektive verschwimmt?

Der eine oder andere Sportler ist sicherlich in ein kleines Loch gefallen. Das betrifft nicht nur Fußballer, sondern Sportler aller Art. Und diese Zeit, in der sie nicht wissen, ob und wann es weitergeht, ist sicherlich eine sehr schwierige Situation, wenn nicht sogar die schwierigste, weil man die Zielsetzung einfach nicht mehr konkretisieren kann. Hier ist es nun wichtig, Ziele nicht auf einen Zeitpunkt, sondern auf die Fähigkeiten zu setzen. Beispielsweise kann die Zeit dafür genutzt werden, um den schwachen Fuß zu trainieren oder sich auf andere Fähigkeiten und Ressourcen zu fokussieren, die keinen fixen Zeitpunkt zum Erreichen dessen bedürfen.

Am vergangenen Donnerstag gab der Bremer Fußball-Verband (BFV) bekannt, dass sich die Mehrheit der Vereine für einen Abbruch der aktuellen Saison ausgesprochen hat. Eine endgültige Entscheidung soll am 4. Juni folgen. Ist das für die Gewissheit der Spieler ein wichtiger Schritt?

Dass eine Entscheidung gefällt werden muss, ist für jeden Sportler wichtig, um zu wissen, wie es weitergeht. Die Spannung hochzuhalten und für einen möglichen Abbruch zu trainieren, ist vor allem für die Motivation eine schwierige Situation. Die andere Seite, also nicht zu trainieren und dann in den Ligabetrieb einzusteigen, ist ebenfalls nicht besser. Daher hoffe ist, dass die Vereine Modalitäten finden, um für jedes Szenario gewappnet zu sein.

Was wäre aus Ihrer Sicht die beste Lösung?

Dazu kann ich keine Aussage treffen, da ich die wirtschaftlichen Lagen und Interna der Vereine nicht kenne. Des Weiteren kenne ich nicht die genauen Inhalte der Konzepte der DFL, in denen sicherlich festgehalten sein wird, wie eine mögliche Umsetzung stattfinden kann und unter welchen Gesichtspunkten Spieler, Trainer und Betreuer geschützt werden können. Wenn es rein um den Fußball geht, hoffe ich für die Beteiligten, dass sie ihrer Sportart bald wieder in gewohnter Form nachgehen können.

Auch Profi- und Leistungssportler klagen wegen der Corona-Pandemie mit all ihren Folgen über Motivationsverlust und starke Verunsicherung. Was bedeutet die Krise für Spitzensportler?

Umgang mit Ungewissen betrifft nicht nur Leistungs- und Spitzensportler, sondern betrifft ja auch jeden Einzelnen. Der Umgang damit ist insofern schwierig, als dass der Mensch ein grundsätzliches Kontrollbedürfnis innehat. Das Steuer nicht in der Hand halten zu können, empfindet der Großteil der Bevölkerung als unangenehm. Die aktuelle Situation lässt sich bildlich mit einer Waage vergleichen. Auf der einen Seite sind die Aufgaben, die uns gestellt werden, auf der anderen Seite befinden sich die Fähigkeiten, die wir haben. Doch die Aufgaben sind aktuell nicht sofort klar erkennbar, da in der Pandemie uns immer mehr neue Informationen erreichen und wir uns beinahe täglich mit neuen Auflagen oder Lockerungen beschäftigen müssen. Hierdurch variiert unsere „Aufgabenseite“ häufig und wir müssen es schaffen, die Waage auszugleichen indem entsprechende Fähigkeiten und Ressourcen den Aufgaben entgegengesetzt werden, damit es in der waagerechten bleibt. Das schwierigste ist damit umzugehen, nicht vorbereitet sein zu können, sondern situativ handeln zu müssen und unter Umständen sich gewisse Fähigkeiten zum Ausgleich der Waage erst aneignen zu müssen. Das fällt vielen aktuell sehr schwer. Was das Thema Motivation betrifft, kann man es ganz einfach sagen: Ohne Zielsetzung keine Motivation. Wenn man kein Ziel hat, auf welches man hinarbeiten kann, dann fehlt den Meisten auch die Antriebskraft und das Durchhaltevermögen. Sportler wollen und brauchen immer ein „Wofür“ und da es dieses aktuell nicht gibt, müssen sie nun umdenken.

Gibt es einen großen Unterschied zwischen Spitzen- und Amateursportlern in der Hinsicht?

Einen Unterschied gibt es: Während die Amateursportler oftmals einem Beruf neben dem Sport nachgehen und ein Einkommen aus diesem beziehen, geht es bei den Spitzensportlern als Berufssportler um die Existenz. Der Sport ist deren Hauptberuf, der aktuell durch die Corona-Pandemie wegfällt. Nehmen wir das Beispiel eines olympischen Sportlers. Er bereitet sich jahrelang auf die für 2020 geplanten Sommerspiele in Tokio vor, hat Sponsorenverträge, die bis zu den Olympischen Spielen gehen und eben nicht bis August 2021. Sie sind nicht darauf vorbereitet gewesen, dass es jetzt noch ein Jahr dauert, bis sie zum absoluten Höhepunkt reisen können und aus ihrem geplanten Vierjahresrhythmus nun ein fünftes Jahr hinzukommt. Einige haben mit dem Gedanken gespielt, nach den Olympischen Spielen in Japan mit dem Spitzensport Schluss zu machen und sich ins Berufs- oder Familienleben zu stürzen. Nun müssen sie sich überlegen, ob sie ein Jahr verlängern und sich dem ganzen Stress, den Entbehrungen und weiterem aussetzen. Sie müssten wieder viel zurückstecken und vor allem muss es finanzierbar sein. Viele Sportarten in Deutschland können ohne Förderer und Sponsoren einfach nicht überleben.

Die Bundesliga durfte nun unter strengen Auflagen wieder starten. Wie bewerten Sie diesen Schritt und sehen Sie eher einen Vor- oder Nachteil darin?

Ob es einen Vor- oder Nachteil gibt, kann man glaube ich erst am Ende der Saison sagen, wenn alle neun Spieltage unter diesen Auflagen vollzogen worden sind. Ich glaube, man muss die restlichen Spieltage als etwas Besonderes, was anderes sehen, weil sie auf jeden Fall in die Geschichte eingehen werden. Abgesehen davon, dass es Spiele ohne Zuschauer sind, sind die Abläufe für die Spieler verändert. Sie gehen auf das Feld und statt 50 000 jubelnder Fans erwartet sie eine ungewohnte Stille. Auf einmal hört man sich gegenseitig viel besser, man kann den Trainer von der Seitenlinie nicht nur verstehen, wenn man an seiner Seite den Flügel rauf und runter läuft. Neu ist die geforderte Quarantänewoche im Hotel, die vielen Testungen auf das Coronavirus und die Vorbereitung der letzten Wochen. Die Abläufe weichen sicherlich von den gewohnten Ritualen der Spieler ab. Es geht jetzt darum, dass sie die Bilder, die sie im Kopf haben, ersetzen, ihre Vorstellung mit leeren Stadien „updaten“ und dann die bestmögliche Leistung auf dem Platz erbringen, denn auf dem Rasen bleibt es ein Elf gegen Elf über 90 Minuten.

Ein Spiel ohne Zuschauer: Hat das einen Einfluss auf die Spieler?

Da scheiden sich in der Psychologie tatsächlich die Geister (lacht). Es gibt Forschungsgruppen, die sagen, dass die Zuschauer keinen Einfluss haben. Wenn man die Spieler selber fragt, sagen sie, dass es schon einen großen Einfluss hat, ob auf den Tribünen Zuschauer sind oder nicht. Ich glaube, es kommt auch auf den Spielertypen an, den man befragt. Es gibt meiner Meinung nach drei Kategorien von Spielertypen. Die einen, die sich rein auf das Spiel fokussieren, psychologisch wertvoll, weil das Hauptaugenmerk voll und ganz auf das Spiel gerichtet ist und alles andere Drumherum ausgeblendet wird. Die zweite Kategorie sind diejenigen, bei denen die Kulisse für Motivation und Antrieb sorgt. Das „Pushen“ von der eigenen und oder die Schmähgesänge der gegnerischen Fans sind für diese Charaktere als wahrer Motor zu sehen. Dann gibt es die, die Zuschauer und deren Erwartungen als Druck empfinden. Psychologisch ist es nicht von Vorteil, wenn jeder Spieltag als stressig empfunden wird und der Druck nicht in positive Energie umgewandelt werden kann. Ich bin also sehr gespannt, inwieweit sich Veränderungen auf dem Spielfeld beobachten lassen.

Wie sieht es aus sportlicher Sicht aus?

Man darf nicht vergessen, dass auch die Bundesliga-Profis sich für mehrere Wochen im Homeoffice befunden haben und dort nur eingeschränkt trainieren konnten. Diesem Heimtraining folgen bei vielen Vereinen einige Trainingseinheiten mit kontaktlosen Mannschaftstraining, in welchem es noch nicht allzu viel mit spielnahem Fußball zu tun hatte. Kein Zweikampf, keine Grätschen, kein Trikot ziehen, kein Stellen des Gegners. Und erst seit Kurzem sind auch „normale“ Trainingseinheiten wieder möglich. All diese Veränderungen müssen zum einen vom Kopf her verarbeitet werden, sich schnellstmöglich an die entsprechenden Aufgaben anpassen und zum anderen aber auch körperlich, die Muskulatur und Beanspruchung betreffend. Ich hoffe, dass es nicht zu Verletzungen der Spieler kommt und der Wettkampfmodus trotz wechselnder Trainingsumstände schnell wiedergefunden werden kann.

Das Interview führte Nastassja Nadolska.

Info

Zur Person

Kathrin Seufert (32)

wohnt in Lesum, ist freiberufliche Sportpsychologin und hat in Nachwuchsleistungszentren bei Dynamo Dresden, Erzgebirge Aue und dem 1. FC Köln gearbeitet. Von 2008 bis 2012 war sie bei der Bundeswehr und absolvierte danach ein Auslandsjahr in den USA. 2013 studierte sie in Köln Psychologie und machte anschließend ihren Master in Halle mit dem Schwerpunkt Sportpsychologie.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+