Meine Woche Keine Trauer über verpasstes Werder-Spiel

Jonas Pfeiffer ist Handballer beim SV Grambke-Oslebshausen und ist bereits seit vier Jahren Mitglied beim SVGO. Der 22-Jährige blickt auf eine spannende Woche zurück.
13.04.2021, 13:59
Lesedauer: 6 Min
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Von Olaf Schnell

Mittwoch, 7. April: Nachdem ich gestern online und unter Videoüberwachung meine letzte Klausur für dieses Semester geschrieben habe, und zwar in der Elektrotechnik, steht der heutige Tag ganz im Zeichen der Entspannung. Der Höhepunkt des Tages ist natürlich das DFB-Pokal-Nachholspiel zwischen Jahn Regensburg und Werder Bremen am frühen Abend. Der ursprüngliche Tagesplan sah vor, die Zeit lesend im Park mit meinem Buch The Death of Democracy zu verbringen. Der erneute Wintereinbruch macht dies jedoch unattraktiv. Stattdessen verbringe ich den Tag damit, etwas PC zu spielen, mit meinen Mitbewohnern Jule und Hinner zu putzen und stattdessen drinnen etwas zu lesen. Es wäre vermutlich klug, sich schon mit dem in der nächsten Woche beginnenden kommenden Semester oder mit Computational Fluid Dynamics (CFD) auseinanderzusetzen. Aber zumindest einen freien Tag möchte ich mir nach dem langen Online-Semester auch nehmen. Die CFD-Kenntnisse brauche ich für einen Raketenbauwettbewerb der europäischen Studenteninitiative Euroavia, an dem ich gerade mit einigen Kommilitonen teilnehme. Die Faulheit siegt aber. Und die Vorfreude auf das Fußballspiel steigt. Mit sehnsüchtigen Hintergedanken an den stillstehenden Amateur-Handball gucke ich mir das ziemlich zähe Spiel an. Werder gewinnt durch ein schönes Tor von Yuya Osako, nach überragendem Pass von Marco Friedl mit 1:0.

Donnerstag, 8. April: Der Tag ist gekennzeichnet vom Spagat zwischen den Bedürfnissen, weiter nichts zu tun und produktiv zu sein. Ich organisiere Gruppeneinteilungen für das nächste Semester und kümmere mich um Lizenzen für das CFD-Tool, beende auf der anderen Seite aber auch die Netflix-Serie Narcos, die ich ziemlich gut finde. Außerdem warte ich verzweifelt auf den nächsten Teil meiner Lieblings-Romanserie Skulduggery Pleasant, der aber auf sich warten lässt. Dabei handelt es sich um postalisches Versagen. Die größte Sehnsucht ist für mich im Moment aber ganz klar der Handball. Jedes Mal, wenn ich meine Sportschublade öffne, um meinen Rucksack herauszunehmen, überkommt mich ein animalisches Verlangen, den Sport, den ich mit solcher Leidenschaft ausübe, wieder zu praktizieren. Ich spiele mittlerweile seit über 15 Jahren Handball. Und es schmerzt mich sehr, dies momentan nicht tun zu können, verstehe und respektiere das natürlich. Das mannschaftliche Miteinander fehlt mir aber genauso. Sport ohne soziale Komponente ist für mich nicht vorstellbar. Ich bin daher momentan so unsportlich wie nie zuvor. Ich freue mich schon sehr darauf, wieder mit der Mannschaft, in der ich mich so wohlfühle, in der Halle zu stehen. Nach der Auflösung der Herrenmannschaft meines Heimatvereins Hagener SV habe ich in Grambke ein neues sportliches und menschliches Zuhause gefunden, das ich nicht missen möchte. Der Abend gehört meinem guten Freund und Kommilitonen Tim und ein paar Cocktails.

Freitag, 9. April: Da ich das Wochenende bei meinen Eltern und meiner Freundin verbringe, geht es nach Hause, also nach Hagen. Außerdem möchte ich mich mit meiner besten Freundin Heinka, die gerade eine sehr süße Tochter zur Welt gebracht hat, treffen. Es ist überhaupt erst mein zweites Treffen mit Freunden seit dem vergangenen Sommer. Es ist deshalb schon verrückt, dass beide Treffen ausgerechnet in eine Woche fallen. Kurz vor der Heimfahrt beende ich mein Buch Death of Democracy, das den Niedergang der Weimarer Republik behandelt. Einige Parallelen zur heutigen Zeit sind wirklich alarmierend und machen mich sehr nachdenklich. Auch bei mir entwickelt sich durch das Versagen der Konservativen ein gewisses Gefühl von Nichtvertretung und Politikverdrossenheit. Die rechte Bedrohung macht mir Angst. Ich bin schon sehr gespannt auf die Bundestagswahlen. Die Gegenwart stimmt mich besser. Ich spiele mit meinem Bruder Ben im Garten Fußball. Wie alle Handballer sind wir natürlich auch überragende Fußballer. Anschließend genieße ich das Familienessen, das meine Mutter Kerstin Pfeiffer gezaubert hat, mit meiner Familie und meiner Freundin Carolin. Nach dem Essen spielen wir Uno und lassen den Abend vor dem Fernseher ausklingen. Gedanken an das nächste Semester verdränge ich noch gekonnt. Es ist immer wieder schön, zu Hause zu sein. Und es macht mich immer glücklich, Carolin zu sehen.

Sonnabend, 10. April: Nach einem gemütlichen Frühstück holen wir das gestern ausgefallene Treffen mit meiner besten Freundin Heinka und ihrem Freund Marcel nach. Die beiden bringen ihr Baby mit. Entgegen meiner, sonstigen Erfahrungen mit Säuglingen ist ihre kleine Tochter tatsächlich süß und unglaublich ruhig. Da sich das für gestern geplante Treffen verschoben hat, verpasse ich leider das Werder-Spiel gegen RB Leipzig in der Fußball-Bundesliga. Werders Aufstellung sieht aber sehr interessant aus. Als ich jedoch zwischendurch einen Blick aufs Handy werfe, steht es bereits 3:0 für Leipzig. Meine Trauer ob des verpassten Spiels hält sich also stark in Grenzen. Nun wieder Zeit mit Freunden zu verbringen, empfinde ich als unglaublich erholsam. Heinka und ich kennen uns schon seit über 20 Jahren. In einem so kleinen Dorf zusammen aufzuwachsen, schweißt auf jeden Fall besonders zusammen. Der Rest des Tages verläuft ruhig, was ich als angenehmen Kontrast zum sonst sehr stressigen Studienalltag empfinde. Carolin an meiner Seite zu haben, hilft mir wahnsinnig, um zu entspannen. Auch wenn es sehr schwer ist, zu Zeiten von Corona eine Fernbeziehung zu führen.

Sonntag, 11. April: Der Tag bietet mir ein vorletztes Mal die Gelegenheit auszuschlafen, bevor mich der Studienalltag einholt, sodass dies natürlich ausgenutzt werden muss. Nach einem sehr entspannten Morgen holen wir uns Mittagessen vom Asiaten. Nach dessen Genuss heißt es leider erneut, sich für eine Woche voneinander zu verabschieden. Carolin, die im März begonnen hat zu studieren, muss noch etwas für die Uni tun. Ich verbringe den Nachmittag daher mit meiner Familie. Mein Bruder muss erneut zum Sportmachen herhalten. Meine Mutter wartet zum Abendessen erneut mit einem meiner Lieblingsessen auf (Fischauflauf). Kurz vor dem Essen erreicht mich eine E-Mail, dass ich die letzte Klausur gut bestanden habe. Da dies für mich eine Nachhol-Klausur war, die ein anderes Modul gesperrt hat, freue ich mich unglaublich. Zuhause spiele ich noch kurz PC mit Tim, bevor ich mich zum Lesen auf meinen Sessel zurückziehe und den Tag ausklingen lasse. Ein alter Weggefährte aus meinem Heimatverein klopft an, ob ich für die kommende Saison zu haben bin. Ich lehne jedoch dankend ab, da ich beim SVGO voll zufrieden bin. Auch wenn es beeindruckend ist, was sich dort entwickelt und ein Wechsel für mich die Möglichkeit bieten würde, an der Seite meines Bruders zu spielen, der im nächsten Jahr den Sprung zu den Herren wagen wird, kommt er für mich momentan nicht in Frage.

Montag, 12. April: Es handelt sich um meinen letzten freien Tag vor Semesterbeginn. Es wird Zeit, sich endlich mit CFD für den Raketenbauwettbewerb zu beschäftigen. Die Software (Simscale) ist erstaunlich zugänglich, sodass dies sogar Spaß macht. Es stehen aber nicht nur vergnügliche Dinge an. Jede Menge administrativer Kleinigkeiten wollen geregelt werden. Ich muss eine Ordnerstruktur für das neue Semester erstellen, meine Module anmelden und Wäsche machen. Außerdem müssen einige vertragliche Dinge für eine studentische Tätigkeit geklärt werden, in der ich zusätzliche Informationen zum Flugregelungsskript eines unserer Professoren zusammenstellen werde. Ich schaffe es jedoch auch, noch etwas zu entspannen, spiele ein paar Stunden und versuche, trotz der Kälte ein paar Sonnenstrahlen zu genießen. Ich hätte nichts gegen einen richtigen Frühlingsanfang. Dieser würde mir vermutlich auch bei meinem Vorhaben helfen, wieder mehr Sport zu machen, um rechtzeitig zum Beginn der nächsten Handballsaison wieder fit zu sein. Ich hege nach wie vor die leise Hoffnung, dass die nächste Saison vollständig stattfinden kann. Ich leide unter dem Bewegungsentzug. Vielleicht würde eine zielstrebigere Corona-Politik das Problem ja schneller lösen.

Dienstag, 13. April: Es ist der erste Tag meines sechsten Semesters. Mein Tag beinhaltet nur einen Vorlesungsblock mit Satellitentechnik und Orbitalsystemen, der allerdings zur extrem studentenunfreundlichen Uhrzeit von 8 bis 9.30 Uhr stattfindet. Nichtsdestotrotz ist das Thema sehr interessant. Ich bin mit der Wahl meiner Arbeitsgruppe für dieses Modul auch sehr zufrieden. Für den Rest des Tages gilt es, die Mechatronikvideos für die erste Semesterwoche zu schauen und sich weiter auf den Rest der Woche vorzubereiten. Außerdem möchte die Aerodynamik unserer Wasserrakete so ausgelegt werden, dass diese möglichst effizient fliegt. Passend zum Ende meiner freien Zeit ist das Buch angekommen, sodass ich viel Lesezeit in den Tag quetsche. Es ist außerdem an der Zeit, mein Zimmer aufzuräumen. Und der Putzplan verlangt, dass ich mich der Küche widme. Nach einer kleinen Sporteinheit und dem Rest des Abendessens von Sonntag, den ich mitbekommen habe, bin ich via Discord mit Carolin verabredet. Nach einem solchen Tag tut es mir wahnsinnig gut, mich kurz auszutauschen und zu hören, wie ihr Start in die Woche war. So noch einmal kurz zu entspannen, hilft mir, mich auf den morgigen Tag vorzubereiten. KH

Lukas Fierek von den Verbandsklassen-Tennis-Herren des Beckedorfer TC wird als Nächster über seine Woche berichten.

Info

Zur Person

Jonas Pfeiffer (22)

ist Handballer beim SV Grambke-Oslebshausen. Der Student der Luft- und Raumfahrttechnik befindet sich im sechsten Semester im Bachelor und ist bereits seit vier Jahren Mitglied beim SVGO. Der Ex-Hagener wohnt in einer WG in der Bremer Neustadt. KH

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