Wildpferde leisten im Werderland Naturschutz

Nachwuchs wird in Kürze erwartet

Im Werderland beweiden zwei Wildpferde einen Sandtrockenrasen. Sie unterstützen damit den Naturschutz. In Kürze werden zwei Fohlen erwartet.
31.03.2020, 06:23
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Werderland. „Diese Pferde fressen nun mal nicht aus der Hand“, sagt Birgit Olbrich vom BUND Bremen. „Die Besitzer müssen schon einige Tricks anwenden, um an sie heranzukommen, zum Beispiel, um die Hufe zu pflegen oder wenn der Tierarzt seine veterinärmedizinischen Untersuchungen machen will.“ Schließlich sind Nena und Bianca zwei Wildpferde, die nie einen Stall von innen sehen oder Menschen auf ihren Rücken reiten lassen. So stehen sie das ganze Jahr über draußen, eingezäunt von einem Elektrozaun, und ernähren sich von dem Aufwuchs, der auf dem ehemaligen Sandspülfeld bei Mittelsbüren gedeiht.

Die Fläche ist ein trockenes Kleinod im ansonsten eher feuchten Werderland. Auf ihr herrschen besondere Bedingungen: Vor über 100 Jahren wurde hier Sand aufgefahren. An Trockenheit angepasste Gräser, Kräuter und Gebüsche kamen auf. Seitdem haben sich dort Nachtigall und Neuntöter, Kreuzkröte und Knoblauchkröte sowie eine Fülle seltener Insektenarten angesiedelt.

Doch Brombeere, Spätblühende Traubenkirsche und andere Gehölze ließen das Gebiet im Laufe vieler Jahre verbuschen – was für Tier- und Pflanzenarten offen-sandiger Biotope das lokale Aussterben bedeutet. Die Mittelsbürener Sandfläche, die zum Natura 2000 Gebiet Werderland gehört, sollte jedoch gehölzfrei bleiben, um diese Spezialisten zu retten. Viele Jahre lang hatten sich BUND-Mitarbeiter darum bemüht, dies per Handeinsatz zu leisten, etwa durch Schneiden der Gehölze. Doch die Bäume und Gebüsche behielten die Oberhand.

Natürliche Rasenmäher

Als eine Art natürliche Rasenmäher wurden auf der rund 25 Hektar großen Fläche, die in drei Parzellen eingeteilt ist, zunächst Angusrinder eingesetzt. Sie gehören dem Landwirt Stefan Haake, dessen Hof direkt an die Sandflächen grenzt. Seit 2019 wird die Rinderbeweidung durch die zwei Wildpferde namens Nena und Bianca ergänzt, die im Besitz des BUND sind. Pferde grasen nicht nur, sie knabbern auch gern an Büschen und Bäumen. Rinder weiden ferner Stellen ab, die von Pferden verschmäht werden – so ergänzen sich die Arten ideal.

Rinder wie Pferde halten nicht nur durch Fressen den Gebüschbestand klein, sie zertreten auch kleinere Flächen intensiv oder ruhen sich auf dem Boden aus – durch diese extreme „Störung“ entsteht offener Sand. Er schafft Lebensraum für Pioniere und Spezialisten, die solche trockenen, vegetationsfreien Flächen brauchen, wie zum Beispiel die Blauflügelige Ödlandschrecke. Wildpferde als Landschaftspfleger einzusetzen hat sich bereits in vielen Naturschutzgebieten bewährt, wie zum Beispiel an der Ostsee in Schleswig-Holstein, in Brandenburg oder auch in Oostvaardersplassen in den Niederlanden.

Nena und Bianca gehören zur Rasse des Dülmener Wildpferds, dem ältesten in Deutschland beheimateten Kleinpferd, das bereits 1316 in einer Urkunde erwähnt wird. Die Trockenlegung von Niedermooren und Auen führte im 19. Jahrhundert zu einem starken Rückgang dieser Wildpferdrasse. Dank einer Initiative von Alfred von Croy, der 1847 20 dieser Tiere in den Merfelder Bruch im südlichen Münsterland brachte, konnte die Rasse gerettet werden.

Das ganze Jahr im Freien

Seit 2004 werden die Dülmener Wildpferde auch in der Lüneburger Heide zum Erhalt der Landschaft eingesetzt, wo sie Wiesen, Weiden und Heideflächen beweiden. Da die Pferde das ganze Jahr im Freien leben können und sehr robust sind, eignen sie sich besonders zur Haltung auf schwierigen Weideflächen, die anderen Pferderassen Probleme bereiten.

Aus der Lüneburger Heide stammen auch Nena und Bianca, mit denen Landwirt Stefan Haake zwei Ziele gleichzeitig erreicht: Die Pferde tragen dazu bei, den offenen Charakter der trockenen Fläche zu erhalten. Zusätzlich leistet Haake einen Beitrag zum Schutz dieser seltenen Pferderasse, die seit 2014 auf der Liste der gefährdeten Nutztierrassen steht.

„Allerdings müssen wir immer ein Auge auf die Pferde haben und kontrollieren, ob sie genügend Futter finden“, sagt Birgit Olbrich. Ihre Arbeit wird vom Naturschutzwart Heinz Heumann tatkräftig unterstützt, der täglich das Werderland durchstreift und bei der Gelegenheit auch nach den Pferden schaut. „Und wir helfen bei der Pflege der Flächen auch etwas nach, indem wir den Aufwuchs mulchen und dabei Traubenkirschen und Robinien entfernen“, sagt Birgit Olbrich.

Nena ist erst vier Jahre alt, Bianca ist deutlich älter 19. Beide sind derzeit hoch trächtig, nachdem sie sechs Wochen bei einem Hengst verbracht haben. Der Zeitpunkt der Geburt ihrer Fohlen ist nun nicht mehr fern. „Was mit den Fohlen geschieht, müssen wir sehen“, sagt Birgit Olbrich, „wenn ein Hengst dabei ist, muss er kastriert werden oder kommt in ein anderes Gebiet, denn eine weitere Vermehrung der Tiere ist nicht vorgesehen. Wir wollen hier keine Pferdezucht betreiben.“

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