Tierische Landschaftspfleger Pferde pflegen das Werderland

Zwei Stuten und Angus-Rinder sind nun dafür zuständig, dass eine 25 Hektar große wertvolle Sandtrockenrasenfläche im Werderland nicht zuwuchert.
16.06.2019, 17:11
Lesedauer: 4 Min
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Von Sylvia Wörmke

Sie heißen Nena und Bianca – die Stuten, die gewissermaßen als lebendige Rasenmäher eine Fläche im Werderland pflegen sollen. Nun sind sie da. Die beiden kommen aus Schneverdingen. Nena und Bianca sollen mit den schon im Werderland lebenden Angus-Rindern von Landwirt Stefan Haake dafür sorgen, dass das Gebiet nicht zuwuchert. Das ist das Konzept, das Umweltbehörde und die Naturschützer des BUND (Bund für Umweltschutz Deutschland) entwickelt haben: Tiere als Landschaftspfleger.

Uroma Bianca, der man ihre 18 Jahre nicht ansieht, und die drei Jahre alte Nena, genannt Mausi, wirken total entspannt. Ihnen hat die zweistündige Anreise über Landstraßen nichts ausgemacht. „Sie haben geschlafen“, erzählt Heike Brenken, die im Naturschutzpark Lüneburger Heide den Landschaftspflegehof Tütsberg betreibt.

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Morgens vor der Abreise haben sich die beiden Stuten noch mit dem Hengst Findus vergnügt. „Kein Wunder, dass sie so entspannt sind“, lautet der Kommentar aus der kleinen Gruppe, die zum Empfang an der Koppel im Werderland steht. Wenn es geklappt hat, dann sind die beiden Damen im nächsten Jahr stolze Mütter von Fohlen. Auch der Nachwuchs kann dann mithelfen, die Fläche im Naturschutzgebiet zu pflegen.

Zoologisch wertvoll

Bei dem neuen Zuhause der Pferdedamen handelt es sich um ein früheres Spülfeld, auf dem nach Auskunft der BUND-Biologin Birgit Olbrich schon vor über 100 Jahren Sand aufgefahren wurde. Auf diesem Sandtrockenrasen haben sich besondere Vogel- und Insektenarten angesiedelt. Dazu zählen Nachtigall und Neuntöter, die Blauflüglige Ödlandschrecke, seltene Käferarten und Amphibienarten wie Kreuz- und Knoblauchkröte.

Früher sei ein Teil der Weiden für eine Flakstellung und für Flüchtlingsbaracken genutzt, auch landwirtschaftlich bewirtschaftet worden. Seit 20 Jahren werde das Gelände nicht mehr genutzt. So konnte sich im Sandboden ein reiches Leben entwickeln, das es laut Birgit Olbrich nur noch an ganz wenigen Stellen in Bremen gibt. „Das Spülfeld Mittelsbüren ist das zoologisch wertvollste Sandspülfeld in Bremen.“

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Ein Grund für die Seltenheit dieser besonderen Landschaft ist, dass es einen großen Aufwand erfordert, die Flächen frei von Gehölzen wie etwa Brombeerbüschen zu halten. Wenn auf dem Areal nicht regelmäßig der Aufwuchs von jungen Bäumen und Büschen zurückgeschnitten werde, wachse das Gelände immer mehr zu und verliere dadurch seine besondere Wertigkeit, hatte die Biologin dem Beirat Burglesum bei der Konzeptvorstellung vor zwei Jahren erläutert.

Offene Sandstrukturen

Über Jahre entfernten BUND-Mitarbeiter in den vergangenen Jahren Sträucher und auch Robinien, um die gut 25 Hektar große Fläche vor dem Zuwuchern zu bewahren. Es reichte aber auch nicht, dass die Angus-Rinder von Landwirt Stefan Haake hier schon seit Längerem weiden und schon mal einen Teil der Pflegemaßnahmen übernommen haben. Deshalb bekommen sie nun Unterstützung. „Pferde und Rinder haben ein unterschiedliches Fress- und Sozialverhalten und ergänzen sich sehr gut in einem solchen Projekt. Die Rinder fressen Gras und Kräuter und schaffen durch den Tritt immer wieder offene Sandstrukturen. Das machen die Pferde auch, aber sie verbeißen auch gerne Rinde von Bäumen und Büschen und sorgen dafür, dass die Gehölze nicht zu stark zunehmen“, erläutert die Biologin den Gedankengang, der zum Pflegekonzept mit Tieren führte.

Vorbilder gibt es dafür beispielsweise in der Lüneburger Heide. Von dort kommen Nena und Bianca, die Dülmener Pferde. Es handelt sich um eine alte Haustierrasse. Die Pferde werden auf dem Hof Tütsberg in Schneverdingen gezüchtet – „und für die Offenhaltung der Lüneburger Heide eingesetzt“, erläutert die Biologin. Es hat eine Weile gedauert, bis die BUND-Mitarbeiter fündig geworden sind. „Dülmener Pferde sind sehr schwer zu erwerben“, erzählt Birgit Olbrich. Die Vorbereitung des Konzeptes sollte aber auch ordentlich sein. „Wir übernehmen eine hohe Verantwortung für die Pferde“, sagt sie. Heike Brenken freut sich, dass „Naturschutz und Erhaltungsschutz“ durch das Konzept miteinander verbunden werden. Auf ihrem Landschaftspflegehof in der Lüneburger Heide leben zwei Dülmener Hengste, zehn Zuchtstuten, insgesamt 30 Pferde. Die Stiftung Naturschutzpark kümmert sich um die Arterhaltung der alten Pferderasse. Pro Jahr gibt Heike Brenken drei bis vier Tiere ab, die noch nie im Stall waren, „um das Blut aufzufrischen“.

Mit Landwirt Stefan Haake besteht nun eine Kooperation. Er und Ina Haake werden sich um die Tiere kümmern – mit allem, was dazu gehört: die tiermedizinische Betreuung, dass sie genug zu essen und zu trinken haben, sich gut einleben können. Die Pferde wurden über Spendengelder finanziert, so Birgit Olbrich, und werden dem Landwirt verpachtet. Der BUND kooperiere schon seit über 30 Jahren mit der Familie Haake in Naturschutzprojekten und könne damit eine gute Versorgung der Tiere sicherstellen.

Auf Rat der Schnevedinger hat man sich für eine ältere Stute und ein jüngeres Pferd entschieden. „Die Ältere bringt der Jüngeren Benehmen bei“, so die Biologin. Falls die Stuten tatsächlich trächtig werden, kann die jüngere Fohlenmutter von den Erfahrungen der älteren Kollegin zudem profitieren. Ina Haake wird die Tiere im Blick behalten und schauen, ob bei ihnen alles in Ordnung ist. „Die Geburt machen sie allein“, sagt sie.

„Wir gehen einen Schritt nach dem anderen“, sagt Birgit Olbrich. Zunächst soll die Geburt der Fohlen abgewartet werden. Von einer großen Herde ist nicht die Rede. Die Pferde sollen sich auch nicht wild vermehren. „Wir beabsichtigen keine große Zucht.“

Inzwischen hat sich auch der Stress mit Anwohnern gelegt. Nachdem Birgit Olbrich das Projekt im Beirat vorgestellt hatte, ohne sie vorher zu informieren, hagelte es Kritik. Es ging um die fehlende Absprache, darum, dass Weiden und Wege durch Zäune nicht mehr zugänglich sind und um das Abholzen von Büschen und Bäumen. „Als Naturschützer holzen wir nicht einfach so ab“, sagt die BUND-Mitarbeiterin. In diesem Fall sei es eine Frage der Abwägung. „Wir haben die Anwohner nicht mitgenommen“, gesteht sie ein und meint, „dass beide Seiten Fehler gemacht haben“. Inzwischen gab es Treffen mit Anliegern. Man habe Lösungen für die Begehbarkeit gefunden. „Eine Koppel ist immer offen. Wir haben Tore eingebaut, und der so genannte Flakweg ist weiter begehbar. Wir wollen doch in Frieden miteinander leben.“

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