Projekt an der Oberschule Lesum

Schreiben für mehr Selbstbewusstsein

14 Schüler und Schülerinnen der Oberschule Lesum arbeiten mit Schriftsteller Heinz Helle am Schulhausroman. Ihr Werk wird im Juni in der Zentralbibliothek vorgestellt.
30.01.2020, 17:20
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Von Iris Messerschmidt
Schreiben für mehr Selbstbewusstsein

Lothar Franke, Vorsitzender der Stiftung „Gib Bildung eine Chance“, die Geschäftsführerin des Literaturhauses Bremen, Heike Müller, und Schriftsteller Heinz Helle (kniend), lauschen den Ideen der Schüler und Schülerinnen.

Iris Messerschmidt

Lesum. Am Anfang hätten sie gar nicht gewusst, was das ist: Schulhausroman. Der 13-jährige Linus hat sogar seine ältere Schwester gefragt, die ebenfalls an der Oberschule Lesum ist. „Die wusste es aber auch nicht.“ Kein Wunder, wird dieses Projekt doch zum ersten Mal an dieser Oberschule angeboten. Linus und sein gleichaltriger Kollege Tjark sind jedenfalls Feuer und Flamme.

Schon am zweiten Workshoptag arbeiten sie ihre Ideen für Protagonisten aus: ein Geschwisterpaar, das seine Eltern beim Autounfall verlor, adoptiert wurde, und jetzt beim Besuch des Opas diesem hinterherspioniert. Ihr Verdacht: Der Großvater ist ein Wilderer. Es ist nur eine von vielen Ideen. Am Ende sollen diese mithilfe des mehrfach ausgezeichneten Schriftstellers Heinz Helle zu einem Gesamtwerk verschmelzen.

„Wir setzen in diesem Jahr Schwerpunkte in Bremen-Nord“, erzählt Lothar Franke und weist darauf hin, dass das Schulhausroman-Projekt ebenfalls an der Schule in den Sandwehen umgesetzt wird. Lothar Franke, der in Gröpelingen geboren wurde, hat 2009 mit seiner Frau Elisabeth die Stiftung „Gib Bildung eine Chance“ gegründet. „Unsere Stiftung will dazu beitragen, Kinder und Jugendliche nachhaltig und dauerhaft für Bildung zu begeistern. Und zwar vor allem in einem Umfeld, wo dies vielleicht nicht immer als selbstverständlich betrachtet wird“, sagt Franke, der auch Stiftungsvorsitzender ist.

Erfolgreiche Kooperation

Seit 2014 fördert die Stiftung unter anderem das Projekt Bremer Schulhausroman. Das kreative Sprachförderprojekt an zehn Oberschulen wird federführend vom Literaturhaus umgesetzt – mit großem Erfolg. 2016 wurde der Bundespreis für modellhafte Kooperationen von Kultur und Schule an den „Bremer Schulhausroman“ verliehen.

Heike Müller, Geschäftsführerin des Literaturhauses Bremen, ist stolz, für die Umsetzung auch immer Fachleute gewinnen zu können. „Nicht jeder Schriftsteller kann auch unterrichten“, gesteht sie. Heinz Helle, 2019 Förderpreisträger des Bremer Literaturpreises, kann es. Seit gut zehn Jahren lebt und arbeitet er in Zürich, seit einigen Jahren betreut er auch Schülerprojekte in der Schweiz. „Die größte Herausforderung ist es, die Schüler und Schülerinnen davon zu überzeugen, dass sie es können“, berichtet der 41-Jährige von seinen Erfahrungen.

Heike Müller ist davon überzeugt. „Die Kinder profitieren enorm von der Zusammenarbeit mit einem Profi.“ Heinz Helle gesteht: „Wenn die Schüler und Schülerinnen mit Sprache erfahren, dass sie eine gemeinsame Welt erschaffen können, dann ist das für mich ein sehr berührender Moment, der mir auch selbst bei meiner Arbeit helfen kann“. Mit all seiner Erfahrung möchte Heinz Helle die Teilnehmer unterstützen, dabei sich selbst allerdings nicht in den Vordergrund stellen. Die Nachwuchsautoren sollen kreativ werden, eigene Ideen entwickeln, Texte schreiben und diese auch vortragen.

Ideen werden zusammengetragen

„Es gibt schon einige interessanten Ideen“, berichtet Heinz Helle vom ersten Workshoptag. Vier Stunden dauert im Übrigen so ein Workshop, den Deutschlehrerin Viktoria Adam begleitet. Sie war es auch, die sich für die Oberschule Lesum um das Projekt bemühte und nun mit 14 Schülern und Schülerinnen aus dem achten Jahrgang den Anregungen von Heinz Helle lauscht.

Er hatte zu Beginn den Nachwuchsautoren eine besondere Aufgabe gestellt: Sie sollten Bilder aus Zeitschriften und Zeitungen als Inspirationsquelle nutzen. In den Textanfängen tauchen Entführung auf, Wilderer in Afrika, Klimakatastrophen und Angst vor Wasser. Ein leichtes Blitzen in den Augen des Schriftstellers verrät, er hat schon so seine Ideen, was sich daraus machen ließe. Doch er will den Ideen der Nachwuchsautoren nicht vorgreifen. „Wir versuchen, aus diesen Einzelgeschichten einen gemeinsamen Rahmen zu bauen“.

Dieses Projekt steht nicht nur für den etwas anderen Deutschunterricht, für besondere Sprachschatzentwicklung, Spaß am kreativen Schreiben, Aufarbeitung eigener Themen. Der Bremer Schulhausroman steht auch für die Entwicklung sozialer Kompetenz, Teamfähigkeit und nicht zuletzt, entsprechendes Selbstbewusstsein. „Denn es entsteht ein Roman, der von den Schülern und Schülerinnen mit einer Lesung der Öffentlichkeit vorgestellt wird, am 24. Juni in der Zentralbibliothek, moderiert durch Katharina Guleikoff von Bremen Eins“, blickt Heike Müller schon in die Zukunft.

Bis dahin bleibt für die Nachwuchsautoren noch einiges zu tun: Sie skizzieren ihre Ideen, besprechen sie gemeinsam, verwerfen, fügen hinzu, erstellen Texte, stimmen sie ab, um am Ende ein Buch mit circa 40 Seiten vorweisen zu können. Der Titel? „Das klärt sich am Schluss“, erzählt Heinz Helle, der darauf Wert legt, dass sich vieles aus den Lebenswelten der Schüler wiederfindet. Sein Anspruch: „Ich will nichts zensieren.“ Obwohl es durchaus vorgekommen sei, dass vor der Lesung ein Schüler ein Wort selber strich. „Das war ihm zu frauenfeindlich“, sagt Helle und lacht.

Heike Müller arbeitet im Übrigen schon an einer weiteren Idee: „Den Lesumer Nachwuchsautoren eventuell 2021 einen Austausch mit Züricher Schülern zu ermöglichen.“ Das steht allerdings noch nicht fest. Fest steht dagegen: Das Werk der Lesumer Schüler wird am Ende für fünf Euro zu kaufen sein, und für einen selbstbewussten öffentlichen Auftritt werden sie eigens geschult.

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