Spiel meines Lebens Eine besondere Saison, ein besonderes Team

Torsten Stellmann steigt mit dem TV Grambke im Mai 1996 nach einem packenden Play-off-Finale in die 2. Handball-Bundesliga auf.
21.03.2021, 14:43
Lesedauer: 5 Min
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Von Jens Pillnick

Freude-trunkene Spieler, das Feld stürmende Fans und ein Friseur, der Trainer Jörg Schröder und einigen seiner Spieler eine Glatze beziehungsweise Kurzhaarfrisuren verpasste – dies sind Szenen, die sich am 11. Mai 1996 nach dem Aufstieg des TV Grambke in die 2. Handball-Bundesliga der Männer in der Halle Sperberstraße abspielten. Mitten drin Torsten Stellmann, für den die dritte und entscheidende Play-off-Partie gegen Eintracht Hildesheim das „Spiel meines Lebens“ ist.

Ein Spiel, das eine Vorgeschichte hat und mit dem die Beteiligten ein Stück Geschichte geschrieben haben. Um ins Finale zu kommen, wurden zunächst einmal der Oldenburger TB und PSV Wilhelmshaven aus dem Weg geräumt. Dann folgte der Showdown, der mit einem 23:19-Heimsieg gegen Hildesheim begann. Eine eher mäßige Leistung führte zum 23:27 im Rückspiel und sorgte für Fragezeichen vor dem dritten und entscheidenden Finalspiel. Aber nicht für Zweifel, wie Torsten Stellmann sagt: „Wir haben uns nicht verunsichern lassen, stark am Ego gearbeitet und waren überzeugt, dass wir es schaffen.“ Auf dem Feld hätte man dann viel kommuniziert, leidenschaftlich gekämpft, sich gegenseitig aufgebaut und keinen Ärger zugelassen. Für Torsten Stellmann absolut nicht zu vergessen ist die Leistung des Trainergespanns Jörg Schröder/Thorsten Helfers insgesamt und in dieser speziellen Situation: „Sie haben gegen Hildesheim in der Halbzeit die Contenance unter Stress bewahrt, uns aufgebaut und uns unsere Stärken vor Augen geführt.“

Eine perfekte Fokussierung also. „Wenn nach dem Abpfiff jemand gesagt hätte, dass das Spiel 27:26 ausgegangen ist, hätten ich das auch unterschrieben“, blickt der heute 52-Jährige zurück und beschreibt damit, in welchem Tunnel er sich während der Partie und im Moment des Abpfiffes befunden hatte. Denn tatsächlich hatte das Endergebnis den Charakter eines Halbzeitstandes. Ein 13:12 nach 60 umkämpften, mitreißenden, aber nicht hochklassigen Minuten bescherte dem TVG in seinem dritten Anlauf über die Play-offs den ersehnten Sprung in die 2. Bundesliga. „Körperlich war ich gar nicht so kaputt, sondern emotional“, sagt Torsten Stellmann.

1200 Zuschauer waren in der Halle Sperberstraße Augenzeuge einer Partie, in der die Nerven der Feldspieler beim Torwurf flatterten und die Torhüter Glanztaten vollbrachten. Es fühlte sich so an, als wenn jedem einzelnen Treffer eine entscheidende Bedeutung zu kam. Drei der 13 Grambker Treffer erzielte Kreisläufer Torsten Stellmann, der sich nach einem Kreuzbandriss erst im Januar auf dem Spielfeld zurückgemeldet hatte. In den Play-offs machten ihn dann seine hohe Laufbereitschaft und seine Tore aus der Nahdistanz zu einem wichtigen Baustein des TVG-Triumphes. An den letzten beiden Aktionen der denkwürdigen Partie gegen Hildesheim war Torsten Stellmann allerdings nicht beteiligt. Zunächst gab es Jubelstürme für den 13. TVG-Treffer von Grzegorz Olzewschki, dann wehrte Keeper Andreas Stelljes den letzten Hildesheimer Wurf ab. „Stelle hält“ – diese Sequenz aus der Live-Übertragung im Radion war bei der eine Woche nach dem Aufstieg folgenden Mannschaftsfahrt nach Mallorca ein ständiger Begleiter und ein Erkennungsmerkmal der Gelb-Schwarzen auf der Mittelmeerinsel. Ebenso waren dies die T-Shirts mit der Aufschrift: Dreimal ist Bremer Recht.

„Diese Play-off-Runde war etwas Besonderes“, spürt Torsten Stellmann noch heute den Geist dieser Mannschaft, die sich aus Spielern aus Bremen und dem niedersächsischen Umland zusammensetzte. „Wir haben die Saison nicht als Erster abgeschlossen und sind nicht als Favorit in die Play-offs gegangen. Aber die emotionalen und kämpferischen Spiele haben uns noch mehr zusammengeschweißt“, erklärt Stellmann. Und dieses Gefühl transportierten die Grambker zu den Fans und Handballbegeisterten der Region. Beim ersten Finalspiel war die Halle Moormannskamp voll besetzt, beim dritten und letzten fanden 1200 Zuschauer einen der begehrten Plätze in der Halle Sperberstraße. Rund 200 Interessierte erhielten keinen Einlass mehr.

„Ich war total gepusht, wenn die Halle voller und voller wurde. Ich brauchte nicht mehr. Allerdings war es natürlich auch eine Verpflichtung“, erzählt Torsten Stellmann vom Gefühl, vor gefüllten Rängen aufzulaufen. Und er erinnert sich auch daran, dass dieser TV Grambke ein Sympathieträger für den Bremer Handball-Sport gewesen ist und der Erfolg ihm gegönnt war.

Ein Erfolg, den Torsten Stellmann in seinem zweiten Jahr beim TV Grambke erlebte, und der sich aus einem guten Gesamtpakt entwickelt habe: Jörg „Jogi“ Schröder als Trainer, Thorsten Helfers als Co-Trainer, Bernd Meyer als Teammanager, Detmar von Salzen, der anerkannt war und laut Stellmann fast väterlich über der Truppe gestanden habe und den Partnerinnen der Spieler, die angemalt und mit Pauken und Trompeten unterstützend dabei waren. Und der Mannschaft natürlich. Die Spieler waren der letzte Jahrgang, der fast ausschließlich aus der Region kam und die über das gemeinsame Hobby hinaus viel Zeit miteinander verbrachten. Stellmann: „Auch das war etwas Besonderes.“ Zielführend sei letztlich die sportliche Motivation aller gewesen, die darauf basierte, als Mannschaft gemeinsam Spaß und Erfolg zu haben.

Dafür, dass die Erinnerung an den Zweitliga-Aufstieg von vor knapp 25 Jahren lebt, sorgt auch ein Videozusammenschnitt der drei Partien gegen Hildesheim, den die TVG-Spieler geschenkt bekommen haben. Der mittlerweile überarbeitete Mitschnitt war bei einer von Torsten Stellmann ausgerichteten Revival-Party 15 Jahre nach dem Aufstieg der Hingucker. Stellmann: „Wir haben ihn als Endlosschleife laufen lassen.“ Aber auch ohne Radio-Sequenz und ohne bewegte Bilder ist der 13:12-Siegtreffer gegen Hildesheim bei Torsten Stellmann ständig präsent: „An das letzte Tor von Grzegorz erinnere ich mich wie gestern.“ Nicht mehr so gut ist das Erinnerungsvermögen bei Torsten Stellmann an die Stunden nach dem Aufstieg. Man sei an der Sperberstraße geblieben, „aber wie die Aufstiegsnacht ausgegangen ist, weiß ich echt nicht mehr...“

Auch wenn an dieser Stelle die eine oder andere Stunde der TVG-Vergangenheit vernebelt ist, steht für Torsten Stellmann fest, dass jede Minute der Regionalliga-Zeit mit dem TV Grambke ein Genuss gewesen ist. Er spielte mit alten Kumpeln zusammen. Er sog die Atmosphäre auf. Er hatte Spaß. Er erfreute sich am intakten Kollektiv. Die folgenden zwei Jahre boten Torsten Stellmann zwar die Möglichkeit, Zweitliga-Handball zu spielen, aber eine neue Ausrichtung seitens der Verantwortlichen änderte einiges. „Es war weniger persönlich“, stellt Torsten Stellmann fest, dass ein wichtiger Teil dessen, was ihm so wichtig war, fortan fehlte.

Im April 1998 wurde er als Mannschaftskapitän verabschiedet. Eine Verabschiedung, die Torsten Stellmann noch heute emotional berührt. Kurz vor dem Anpfiff liefen die Grambker – wie üblich gewöhnlich vom Mannschaftskapitän angeführt – aus dem Kabinentrakt in die Halle ein und wurden von den Fans mit Applaus begrüßt. Diesmal hielt jedoch Andreas Eckner die anderen Spieler zurück, sodass Torsten Stellmann allein auf die Tribüne zusteuerte und dort mit donnernden Beifall begrüßt und verabschiedet wurde. „Ich war ja als Mannschaftskapitän der Erste, der eingelaufen ist. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass keiner hinter mir ist“, blickt Stellmann zurück und schildert diesen Moment: „Allein vor dem applaudierenden Publikum zu stehen war sehr ergreifend.“ Rund zwei Jahre zuvor hatte ihn das „Spiel meines Lebens“ auf eine andere Art und Weise ergriffen.

Info

Zur Person

Name: Torsten Stellmann

Alter: 52

Familienstand: verheiratet mit Anka, zwei Kinder (Moritz und die 2008 verstorbene Ronja)

Beruf: Diplom-Sozialpädagoge, stellvertretender Einrichtungsleiter Theresienhaus

Vereine: TSV Neuenkirchen, SG Oslebshausen, SG Bremen-Ost, TV Grambke, HSG Schwanewede/Neuenkirchen

Hobbys: Fahrrad und Bulli, Haus und Hof, Musik (Besuch von Konzerten und Festivals) PJ

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