75 Jahre Friedehorst in Lesum Es begann mit einer Rettung in letzter Sekunde

75 Jahre ist es her, dass in Lesum ein Ort sozialer Wohlfahrtspflege geschaffen wurde. Damals wurde Friedehorst gegründet. Unter Zeitdruck, denn die Pläne für das Gelände sahen anders aus.
23.09.2022, 08:00
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Von Ulrike Schumacher

Es war Rettung in letzter Sekunde. Auch daran wird man sich erinnert haben, als nun "75 Jahre Friedehorst" gefeiert wurde. Anlässlich des Jubiläums der diakonischen Einrichtung, die individuelle Förderung und Unterstützung für Menschen im Alter, mit Behinderung, mit erworbener Hirnschädigung oder auf der Suche nach Teilhabe am Arbeitsleben bietet, hatte Sozialsenatorin Anja Stahmann zu einem festlichen Empfang ins Bremer Rathaus eingeladen. Rund 120 Gäste feierten in der Oberen Rathaushalle. "1947 haben die Gründerinnen und Gründer von Friedehorst begonnen, neue Konzepte sozialer Wohlfahrtspflege umzusetzen. So haben alle Akteure seit der Gründung bis heute kontinuierlich an der Entwicklung hin zu einer modernen gemeinnützigen Organisation gearbeitet", hob Senatorin Stahmann in ihrem Grußwort hervor. Schon lange sei Friedehorst ein verlässlicher Partner des Sozialressorts.

Sprengung geplant

Was 1947 in Lesum begann, sollte eigentlich dem Erdboden gleichgemacht werden. Die amerikanische Militärregierung wollte die Gebäude auf dem früheren Wehrmachtsgelände, in denen nach Kriegsende das amerikanische Militärhospital untergebracht war, in die Luft jagen. Für die Sprengung war schon alles vorbereitet. So steht es in der Chronik zum 60-jährigen Bestehen der Einrichtung. Ohne den persönlichen Einsatz dreier Männer – Professor Eldon Burke sowie die Pastoren Bodo Heyne und Heinrich Johannes Diehl – hätte es diese Rettung in letzter Sekunde nicht gegeben.

Es wütete noch der Zweite Weltkrieg, als der amerikanische Geschichtsprofessor Eldon Burke beschloss, in einem Team aus Freiwilligen mitzuwirken, das eine Hilfsorganisation für Europa und insbesondere für Deutschland aufbauen wollte. So kam Eldon Burke als Leiter des Teams 1945 nach Bremen und erfuhr, dass das Militärhospital in Lesum geräumt und im Januar 1947 nach Bremerhaven verlegt werden sollte. Die Begegnung mit einem kriegsbeschädigten Soldaten, der nicht mehr in der Lage war, seinen Beruf auszuüben und die Familie zu ernähren, brachte Eldon Burke auf den Gedanken, auf dem frei werdenden Klinikgelände soziale Einrichtungen anzusiedeln, die auch der Rehabilitation Versehrter dienen sollten. Allerdings: Im Rathaus sah man keine Möglichkeit, am Rande der Stadt solch eine Einrichtung zu schaffen.

Beschluss in rekordverdächtiger Zeit

So kam Mann Nummer zwei ins Spiel: Pastor Bodo Heyne, Direktor des Vereins für Innere Mission. Die Zeit drängte, denn für eine Sprengung der Ge­bäude war bereits alles in die Wege geleitet worden. Es brauchte einen schnellen Vorstandsbeschluss des Vereins für Innere Mission. Angesichts zerstörter Telefonverbindungen und fehlender öffentlicher Verkehrsmittel schien das kaum machbar. Eldon Burke stellte die nötigen Kontakte teils persönlich und mithilfe seines Fahrers her, heißt es in der Chronik. Mit Erfolg. Binnen einer Woche beschloss der Vorstand, auf dem Lesumer Gelände mit diakonischer Arbeit zu beginnen. "Selten dürfte ein Beschluss mit so weitreichenden Konsequenzen in so kurzer Zeit gefällt worden sein“, schreiben die Chronisten. Am 19. September 1947 wurde das Gelände an die Innere Mission zum Zweck der Wohlfahrtspflege zur Nutzung übergeben. Ende Oktober begann der Aufbau, Ende November erhielt die Einrichtung ihren Namen: Friedehorst. Angelehnt an die Ortsbezeichnung „Horst“ und als Zeichen „für eine Stätte des Friedens".

Dritter Mann der ersten Stunde war Pastor Heinrich Johannes Diehl. Er wurde am 1. August 1948 erster Friedehorst-Vorsteher und war als der Verbindungsmann zwischen der Kirche und den Besatzungsmächten im nordwestdeutschen Raum bereits in die Übergabeverhandlungen einbezogen. Friedehorst entwickelte sich schnell. Sieben Heime gab es bereits im April 1948 auf dem Gelände. Dazu Werkstätten der Tischlerei, Schuhmacherei, Schlosserei und eine kleine Elektro-Werkstatt zur Umschulung von Kriegsbeschädigten und heimatlosen Heimkehrern. Außerdem wurde ein Saal hergerichtet, in dem es ab Ende November Kinovorführungen gab. Zum Ende des Aufbaujahres 1948 waren in Friedehorst bereits gut 500 Menschen untergebracht.

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