Über Amsterdam nach Hause

Vor dem Lockdown abgehoben

Weltreise, Sozialprojekt, Flucht aus Südafrika - Emma Brodowski vom SV Grambke-Oslebshausen hat bewegende Monate hinter sich
30.03.2020, 16:42
Lesedauer: 3 Min
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Von Olaf Kowalzik
Vor dem Lockdown abgehoben

Emma Brodowski kümmerte sich in Südafrika auch um Kindergartenkinder.

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Grambke. Emma Brodowski wurde angespannter. Eine Fluggesellschaft nach der anderen stellte wegen der Ausbreitung des Coronavirus ihren Dienst ein, als sie am Flughafen von Johannesburg um ihre Rückkehr nach Bremen bangte. Auch Fly Emirates, für die sie ein Ticket hatte. Und wer noch flog, war ausgebucht. Der Herr am Airportschalter erklärte der A-Jugend-Handballerin des SV Grambke-Oslebshausen, dass es die nächsten freien Plätze am 6. April gäbe. Da war es aber gerade erst der 22. März, 19 Uhr! Und wer wusste schon, wie rasant sich diese prekäre Situation noch weiterentwickelt?

Sicherheitshalber kaufte sie sich das für den 6. April angebotene Ticket, sie ließ aber nicht locker und hakte weiter nach. „Ich musste dem Herrn am Counter aber auch alles aus der Nase ziehen“, blickt Emma Brodowski mittlerweile längst tiefenentspannt zurück. Dank ihrer Hartnäckigkeit erfuhr sie von einer Liste, auf die man sich für den Fall der Fälle setzen lassen konnte, falls irgendwo doch noch ein Platz frei werden würde. „Mein Ziel war einfach nur, es nach Europa zu schaffen. Von da aus kann ich mich schon irgendwie durchschlagen“, schildert die 18-Jährige die Gedanken, die ihr zu der Zeit durch den Kopf sausten. Sie eroberte sich auf der Liste den siebten Platz, schnell wuchs diese auf 40 Gestrandete an. Ihre Schnelligkeit wurde belohnt: Noch in derselben Nacht hob Emma Brodowski um 23.55 Uhr mit KLM in Richtung Amsterdam ab, von dort aus ging es per Zug ins heimische Alt-Marßel.

Vier Tage nach ihrer Ausreise verhängte der Präsident Südafrikas, Ramaphosa, den bis zum 16. April dauernden „Lockdown“, mit dem er auch kommerzielle Flüge aus seinem Land heraus komplett unterband. Hätte Emma Brodowski die Ausreise nicht vorher geschafft, wäre sie für diese Zeit über 9000 Kilometer Luftlinie von ihrer Heimat getrennt gewesen. „Ich hatte bei meiner Reise mehr Glück als Verstand“, sagt die Rückkehrerin. Und das will schon etwas heißen, bei ihrem Einser-Abitur.

Letztendlich war es der nervenaufreibende Abschluss einer spannenden Reise, an die sich Emma Brodowski noch lange zurückerinnern wird. Am 4. November des vergangenen Jahres begann ihre Tour quer durch drei Kontinente, für die sie lange bei einem Bäcker, auf dem Freimarkt und bei Daimler geschuftet hatte. Und für die sie ihre Geldgeschenke zu Weihnachten oder an Geburtstagen extra zur Seite gelegt hatte. „Moin auf Weltreise“ nannte sich die Gruppe, mit der sie Dubai, Thailand, Malaysia, Singapur, Bali, Australien und Neuseeland bereiste.

Danach trennte sie sich von der weiter tourenden Gruppe und nahm an einem sozialen Projekt an der Ostküste Südafrikas, in Sodwana Bay, teil. Die Gegensätze in dieser Region könnten kaum extremer sein. 350 Kilometer von Südafrikas drittgrößter Stadt Durban entfernt, gilt die am Indischen Ozean liegende Region als Hotspot für Taucher. Reiseführer bezeichnen ihn als das neue Great Barrier Reef mit 1200 Meerestierarten.

Wenige Kilometer davon entfernt erlebte Emma Brodowski in ihrem Camp die Kehrseite der Medaille, denn sie arbeitete bei ihrem Hilfsprojekte im Armenhaus der Provinz. Strom gab es dort nicht, der Kindergarten wirkte baufällig und Toiletten? Fehlanzeige! Die Kinder bekamen von ihren Eltern zum Essen eine kleine Tüte Chips, ein paar kalte Pommes oder Reisbrotsticks mit, wenn es überhaupt etwas gab. „Das war krass, ich war den Tränen nahe“, schildert der Blondschopf die Gemütslage der ersten Tage. Einige Eltern schickten ihren Nachwuchs offenbar nur deshalb in den Kindergarten, weil der pro Tag eine Mahlzeit bereitstellte. Oder weil die Eltern so jung waren, dass sie selbst noch zur Schule gingen. „Da wird einem erst vor Augen geführt, wie glücklich wir uns schätzen können, in Deutschland leben zu dürfen“, stellt Emma Brodowski fest. „Trotzdem lächeln alle und wirken glücklich.“

Sie selbst wohnte in der Zeit knapp eine Viertelstunde vom Camp entfernt in einem weitläufigen Ort mit rund 2000 Einwohnern, durchtrennt von einer befestigten Hauptstraße. Sie lebte dort recht einfach, schlief in einem in die Jahre gekommenen Bett und erlebte zwei bis drei Stromausfälle täglich. Im Camp machte sich Emma Brodowski zur Aufgabe, ein marodes Klettergerüst und eine Wasserpumpe zu reparieren, ein Gemüsebeet anzulegen und den Kindergarten, eigentlich nur ein kleiner Raum in einer Hütte, zu renovieren.

Davon, dass sich das Leben derweil auf dem Globus radikal änderte, bekam sie wenig mit. Wie auch, wenn sie recht abgeschieden lebte und Corona dort lange Zeit kein Thema war. Das Internet ist zwar erstaunlich breitflächig quer über das Land verteilt, es ist jedoch entsprechend teuer, die Kontingente werden mit Prepaidkarten gekauft.

„Ich habe die Corona-Lage vor Ort unterschätzt“, gibt Emma Brodowski zu. Als sich die Familie bei ihr verstärkt meldete, um ihr die Lage in Europa zu schildern, wurde sie hellhörig. Als dann auch in Südafrika die ersten Maßnahmen zur Eindämmung von Corona-Infektionen anliefen, hatte sie ihre soziale Arbeit bereits abgebrochen und sich quer durchs Land auf den Weg nach Johannesburg begeben. „Ich hätte meine Teilprojekte gerne noch zu Ende gebracht“, bedauert Emma Brodowski das überstürzte Ende. Die Zeit in Südafrika war für sie die Prägendste auf ihrer Reise. Und für Emma Brodowski ist eines klar: „Ein soziales Projekt würde ich in Zukunft gerne noch einmal unterstützen.“

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