Lesumerin in Simbabwe „Wir müssen Menschenleben retten“

Simbabwe befindet sich in einer schweren humanitären Krise. Die Situation verschlechtert sich kontinuierlich. Die Nordbremerin Regina Feindt engagiert sich dort seit vier Jahren für die Welthungerhilfe.
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„Wir müssen Menschenleben retten“
Von Patricia Brandt

Lesum/Simbabwe. Immer zu Weihnachten fährt Regina Feindt nach Hause – zu ihrer Mutter nach Lesum. So sagt sie es. „Obwohl“, sagt die Bremer Landesdirektorin der Welthungerhilfe, „trotz aller Schwierigkeiten ist auch Simbabwe über die Jahre mein Zuhause geworden.“ Schwierigkeiten hat Simbabwe viele: Die Zahl der Hungernden ist weiter gestiegen, Brunnen sind trocken gefallen und zeitweise wütet die Cholera. „Simbabwe befindet sich in einer schweren humanitären Krise“, so die Entwicklungshelferin. Ein Gespräch mit einer Nordbremerin, die zwischen zwei Welten pendelt.

Regina Feindt ist als Tochter eines Arztes und einer medizinisch technischen Assistentin in Stade geboren und in Bremen-Nord aufgewachsen. Ihr Abitur machte sie am Schulzentrum an der Eggestedter Straße. Inzwischen lebt sie 15 Flugstunden entfernt: In einem Land, das offenbar kurz vor dem Kollaps steht.

„Mir persönlich geht es noch gut“, sagt sie am Telefon. „Weil ich finanzielle Ressourcen habe, aber mich belastet die Situation der Menschen.“ Die Afrikanistin wohnt in Simbabwes Hauptstadt Harare. Harare ist die größte Stadt im Land: Im Stadtgebiet sind 1,5 Millionen Menschen registriert. Derzeit habe sie ständig mit neuen Herausforderungen zu kämpfen. „Es sind lange Tage, in denen wir alle sehr beschäftigt sind“, sagt Regina Feindt und meint sich und ihre Kollegen von der Welthungerhilfe. In Simbabwe gibt es zurzeit von allem viel zu wenig.

Es besteht die Gefahr, dass Millionen von Menschen bis Ende des Jahres von einer schweren Hungerkrise betroffen sind, wenn keine schnelle Hilfe erfolgt: „Wir rechnen damit, dass zu Beginn 2020 sieben Millionen Menschen auf Nahrungsmittel-Hilfe angewiesen sind. Wir bereiten uns darauf vor, Anfang 2020 Nahrung an die Haushalte zu verteilen“, berichtet die Mittfünfzigerin.

Es gibt viele Gründe, die Schuld sind an der Misere, in der die Menschen in Simbabwe stecken. Ein Grund sei der Klimawandel und die daraus resultierende Dürre und die Auswirkungen des Wirbelsturms Idai. „Die Auswirkungen des Klimawandels sind seit vier Jahren spürbar. Wir hatten keine Regenzeit, die normal war.“ Entweder die Felder wurden überflutet und die Ernte dadurch zerstört oder die Trockenphasen dauerten zu lange. Im zweiten Jahr nacheinander erlebt Simbabwe nun eine Dürreperiode. Die Maiskolben seien viel zu klein, selbst dürreresistentere Pflanzen wie Hirse seien kaum gewachsen, berichtet die Entwicklungshelferin. Die Ernte-Ausfälle seien dramatisch hoch.

Regina Feindt spricht schnell. Sie schildert ihren Alltag, erzählt unter anderem von ihren Besuchen in Schulen. Manche Kindern bekämen nur einmal am Tag zu essen, andere nur alle zwei Tage. Zumeist gebe es Maisbrei, der zwar sättige, aber alles andere als eine ausgewogene Mahlzeit darstelle. Zunehmend mache den Familien der gravierende Wassermangel zu schaffen. Sie berichtet von Mädchen, die zu entfernten Wasserstellen geschickt werden und deshalb nicht mehr zur Schule kommen können.

Aufgrund der anhaltenden Dürre sei der Grundwasserspiegel abgesunken, Flüsse und Brunnen trocken gefallen. Regina Feindt: „Es gibt kein sauberes Trinkwasser mehr. Die Situation in den Krankenhäusern ist katastrophal. Letztes Jahr hatten wir einen Cholera-Ausbruch und Typhus. Das ist eine Zeitbombe.“

Nicht nur die humanitäre Situation ist in ihren Augen besorgniserregend. Auch wirtschaftlich gehe es Simbabwe nach jahrelanger Misswirtschaft schlecht. Es herrsche eine Hyperinflation vor, in der sich das Preisniveau sehr schnell erhöht. „Die Regierung hat die Veröffentlichung von Inflationszahlen eingestellt. Experten schätzen jedoch eine Bandbreite zwischen 300 und 800 Prozent pro Jahr“, berichtet Regina Feindt. Gleichzeitig hielten die Gehälter nicht mit der Inflation Schritt. Die Arbeitslosigkeit in der Hauptstadt sei zudem groß. „93 Prozent der Bevölkerung von Harare leben unterhalb der Armutsgrenze.“

Der Preis für Maismehl sei in den vergangenen 15 Tagen um 80 Prozent gestiegen. Seit Jahresbeginn sei auch der Kraftstoffpreis um mehr als 750 Prozent gestiegen. Darüber hinaus hat das Land mit einem lähmenden Strommangel zu kämpfen. Regina Feindt spricht von langen Stromausfällen – in der Stadt dauern diese bis zu 20 Stunden, in ländlichen Regionen tagelang. Für die Entwicklungshelferin bedeutet das, dass sie ihre Waschmaschine oft nur nachts betreiben kann – wenn Strom vorhanden ist. „Ich habe mir eine Solaranlage zugelegt, damit ich zumindest den Kühlschrank betreiben kann.“ Selten war es trockener und heißer in Simbabwe als in diesen Tagen. Tagsüber herrschten bis zu 38 Grad. Doch das Solarsystem deckt den Bedarf kaum ab: Laptops, Internet, Drucker im Büro laufen nur zeitweise.

Wie viele andere Menschen in Simbabwe hatte Regina Feindt gehofft, mit dem Rücktritt des inzwischen verstorbenen Autokraten Robert Mugabe werde sich die wirtschaftliche Situation des Landes verbessern. „Vor anderthalb Jahren war ich vorsichtig positiv gestimmt“, sagt Regina Feindt. „Aber es hat sich leider nicht positiv entwickelt.“ Im Gegenteil.

Für die Nordbremerin ist Simbabwe nicht nur eine globale Herausforderung, sondern auch eine persönliche. „Die Extremsituation ist mein Job. Das ist das, was mich antreibt. Deshalb sind wir hier: Um unseren Beitrag zu leisten. Wir haben eine humanitäre Verpflichtung, jetzt diese Menschenleben zu retten.“

Simbabwe ist in ihren Augen ein wunderschönes Land mit vielen netten Menschen. „Es ist eine ganz andere Welt als Bremen-Nord. Ein Kontrastprogramm. Gleichzeitig komme ich Weihnachten immer wieder gern nach Hause. Ich bin in Bremen-Nord aufgewachsen, sehe die Veränderungen.“

Die Afrikanistin war für die Welthungerhilfe auch schon in Afghanistan im Einsatz und in Myanmar, Nordkorea und Nepal. Sie hätte jetzt die Möglichkeit gehabt, noch einmal das Land zu wechseln: „Aber ich habe mich entschieden, auf jeden Fall 2020 noch in Simbabwe zu bleiben.“ Sie geht davon aus, dass es ihr schwerstes Jahr werden wird.

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