Herbstserie

Wolkenlose Tage des Glücks in Lesmona

Eigentlich brauchen sie gar nicht mehr in Urlaub zu fahren, da sind sich die Flaneure in Knoops Park einig. Denn der paradiesische Park mit dem Flair des Comer Sees ist zu jeder Jahreszeit schön.
26.10.2018, 19:42
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Wolkenlose Tage des Glücks in Lesmona
Von Sigrid Schuer
Wolkenlose Tage des Glücks in Lesmona

Rundbank auf der Steinberghöhe mit Blick auf die Lesum in der Nähe des Festival-Geländes des "Sommer in Lesmona".

Christian Kosak

Die Blumen, die sie in den Händen hält, sind jeden Tag frisch. Matti Melchers, die die Besucher von Knoops Park mit ihrem Mona-Lisa-Lächeln anschaut, trägt eine hochgeschlossene Spitzenbluse. Aber die Skulptur der Bremer Patriziertochter hält noch etwas in der Hand. In Bronze gegossene Notenblätter mit dem Text, mit dem ihr zwei Jahre älterer Cousin Percy der damals gerade mal 19-Jährigen in jenem berühmten Sommer in Lesmona 1894/95 den Kopf verdrehte: „There is a flower into my heart ... Daisy, Daisy, give me your answer do, I‘m half crazy all for the love of you...“.

Ja, dieser schlanke, hochgewachsene, mit seinem dunkelblondem Haar und seinen blauen Augen so fabelhaft aussehende, junge Brite, verband eine bittersüße „amour fou“ nur einen Sommer lang mit Matti Melchers. Aber diese geradezu verrückte Liebe hatte keine Chance. Percy war zu jung, seine unsicheren finanziellen Verhältnisse nicht standesgemäß.

Die Melodien des Sommers sind verweht

44 Jahre bewahrte Magdalene Pauli, die später eine Vernunftehe mit Gustav Pauli, dem Direktor der Bremer und dann auch der Hamburger Kunsthalle, eingehen sollte, sorgsam mit seidenen Bändern zusammengehalten, ihren Briefwechsel mit dem von ihr so sehr geliebten Percy auf. Dann entschloss sie sich doch noch, den Briefroman „Sommer in Lesmona“ unter dem Pseudonym Marga Berck zu veröffentlichen. Er sollte zum Namensgeber des nicht minder berühmten Festivals der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen werden, das jedes Jahr Tausende Klassikfans in Knoops Park zieht.

An festlich eingedeckten Tafeln wird im Schein silberner Kandelaber auf feinstem Porzellan das mitgebrachte Picknick kredenzt. Und die Atmosphäre des ausklingenden 19. Jahrhunderts wird drei helle Sommertage lang zelebriert. An diesem herrlichen Herbsttag ist es ganz ruhig in Knoops Park. Die Melodien des Sommers sind verweht. Aber zu der Skulptur der Romanheldin pilgern trotzdem immer wieder begeisterte Leser des Briefromans. So wie Siegfried Drygalla. Der fast 80-Jährige besucht jeden Tag seine Freundin Matti, wie er sagt.

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Ein steiler Weg führt von Esskastanien, Bucheckern und Brombeersträuchern gesäumt, zum Haus Lesmona, einem prominenten Schauplatz des Romans. Die weiße Villa hat das Künstlerehepaar Birgit und Jürgen Waller seit 1983 gepachtet und gibt hier Kunstkurse, auch für Jugend-Integrations-Projekte. Für Siegfried Drygalla ist Knoops Park der wohl schönste Platz Bremens.

„Ein Paradies“ stimmen ihm auch Cornelia Jürgens und Hermann Sczesny zu, die mit ihrer Tochter am etwas weiter entfernt gelegenen Admiral-Brommy-Weg die spätsommerlichen Temperaturen auf einer Bank direkt am Ufer der Lesum genießen. Die Familie ist eigens aus Achim angereist. Benannt ist der Weg nach dem Begründer der deutschen Marine, der unweit von hier im Haus Schwalbenklippe residierte. Kein Windhauch kräuselt den Fluss. Segelboote tuckern gemächlich vorüber. Ein Hauch von Comer See-Flair schwebt über der Lesum.

Historische Fahrt auf der Lesum

„Schauen Sie nur, wie herrlich, die Reflexionen der Sonne auf dem Wasser und darüber der blaue Himmel“, schwärmt Heidrun Thelen-Fleisch, die wie auch jetzt wieder, oft mit ihren Freundinnen an ihren Lieblingsplatz kommt. „Knoops Park finden wir viel schöner als den Bürgerpark“, sind sie sich einig. Dabei wurden beide Park-Anlagen von ein und demselben Landschaftsarchitekten angelegt, von Wilhelm Benque. Der von ihm mit geheimnisvollen Grotten und verschwiegenen, kleinen Seen angelegte Park ist nach dem Finanzier Ludwig Knoop benannt.

Auch wenn das die Bremer nicht gern hören werden, da ist tatsächlich etwas dran. Denn der paradiesische Park, in dem sich, frei nach dem schwedischen Arzt Axel Munthe, auch im goldenen Oktober „wolkenlose Tage des Glücks“ verbringen lassen, quillt nur so über vor Geschichte und Geschichten. Und die kann niemand besser und spannender erzählen als Christof Steuer. Der pensionierte Baudirektor bietet für den Förderverein Knoops Park Führungen an.

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Mit ihm können die Besucher des „Sommer in Lesmona“ auch außerhalb des Festivals so manche lauschige, verborgene Ecke entdecken, beispielsweise das Café Knoops Park, das vor Kurzem seinen 30-jährigen Geburtstag feierte. Es hat jeden Tag von 12 bis 18 Uhr geöffnet, nur mittwochs ist Ruhetag. Unweit davon verbirgt sich im Schilf die improvisierte Anlegestelle für den Dampfer der Halöver-Reederei, mit dem Christof Steuer, pensionierter Architekt und Stadtplaner, in der schönen Jahreszeit eine mehrstündige „historische Fahrt auf der Lesum“ mit anschließender Führung durch Knoops Park anbietet.

Nur ein paar Meter weiter befindet sich die Stelle, an der die Lesumer Schwimmbegeisterten sich in das saubere Wasser begeben. So, wie es damals an der Wende zum 20. Jahrhundert auch der passionierte Schwimmer Percy tat. Die erste Szene von Peter Beauvais‘ Kultfilm „Sommer in Lesmona“ wurde hier gedreht, in der Benedikt Freitag alias Percy aus den glitzernden Fluten der Lesum auftauchte. Percy sei schon so ein kleiner Filou gewesen, sehr gefühlsbetont und musisch, erzählt Steuer.

Grandiose Aussichtspunkte

Er zeigt eine alte Aufnahme von ihm, den Zylinder aus der Stirn geschoben, im Mundwinkel lässig eine Zigarette, ganz so, wie sein filmisches alter ego. Ihm sollte im späteren Leben genauso wenig Glück beschieden sein wie Matti, die wohl nur ein einziges Mal, in ihrem Sommer mit Percy, eine Leichtigkeit des Seins verspürte. Magdalene Pauli war schließlich hochbetagt ganz allein. Fünf Jahre, nachdem er 1933 als Direktor der Hamburger Kunsthalle entlassen worden war, starb ihr Mann Gustav Pauli aus Gram.

Ihr Sohn Alfred, der als Homosexueller verfolgt wurde, und ihre Tochter Liselotte, die bei einem Unfall ein Bein verlor, begingen Selbstmord. Ihr jüngster Sohn Carl Theodor wurde als Pilot im Zweiten Weltkrieg abgeschossen. Schicksalsschläge, die sie mit großer Geduld mit ihrem Mona-Lisa-Lächeln ertrug. Bittere Ironie des Schicksals: Auch Percy, der in die USA emigriert war, um dort sein Glück zu versuchen, erschoss sich mit Ende 30. Er hatte sich verspekuliert. Seine Frau gab vor, seine Beerdigung nicht bezahlen zu können und so wurde er in einem Armengrab beigesetzt. Die Witwe ehelichte einen reichen, südamerikanischen Plantagen-Besitzer.

Aller Glanz auf Erden ist bekanntlich vergänglich

Christof Steuers Lieblingsplatz ist indes nicht das Haus Lesmona, sondern die Anhöhe, auf der einst der vom russischen Zaren Alexander II. zum Baron geadelte, höchst erfolgreiche hanseatische Kaufmann Ludwig Knoop sein Schloss Mühlenthal im hochherrschaftlichen Tudor-Stil erbauen ließ. Von hier aus, dort, wo jetzt eine weiße Bank steht, eröffnen sich grandiose Sichtachsen und Aussichtspunkte.

Christof Steuer an seinem Lieblingsplatz.

Christof Steuer an seinem Lieblingsplatz.

Foto: Christian Kosak

Das Sonnenlicht malt helle Streifen in das satte Grün, das sich peu à peu zum leuchtenden „Indian Summer“ zu färben beginnt. Die uralten, exotischen Bäume geben immer wieder den Blick auf die glitzernde Lesum frei. Zumindest eine Statue von Baron Knoop kann diesen Ausblick immer noch genießen. Auch ihm haben passionierte Park-Flaneure zum Dank eine Rose in die Hände gelegt. Gleich einen ganzen Rosenstrauß hätte der Vorstand des Freundeskreises Knoops Park samt seinen 450 Mitgliedern verdient, denn sie sorgen seit 30 Jahren mit ihrem ideellen und finanziellen Engagement federführend dafür, dass das Idyll am Ufer der Lesum erhalten bleibt. Und die Arbeit daran endet nie.

„Sic transit gloria mundi“, aller Glanz auf Erden ist bekanntlich vergänglich. So, wie es der Knoop-Gruppe erging, als sie 1916 für eine Kriegsanleihe des Zarenreiches bürgte. Eine fatale Fehlentscheidung, die nicht nur den Verlust des russischen Industriekonzerns durch die Oktoberrevolution zur Folge hatte, sondern auch des global agierenden Baumwoll-Handelsnetzwerks. Gut, dass Baron Knoop, der bereits 1894 gestorben war, nicht mehr miterleben musste, wie sein Schloss zunehmend zerfiel. 1933 wurde es abgerissen.

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Dass das Park-Idyll in seiner heutigen Form erhalten blieb, ist den Bürgern der Gemeinde Lesum zu verdanken, die 1938 mit Unterstützung des Senates das 60 Hektar große Areal für 200 000 Reichsmark erwarben. Nicht besser als den Knoops erging es übrigens Matti Melchers‘ Onkel Herrmann, dem Besitzer des Hauses Lesmona. Er nahm sich in der Weltwirtschaftskrise das Leben.

Nach „Kränholm“, dem Textilfabrik-Komplex, den Knoop 1857 in Estland nahe Narva erbauen ließ, sind übrigens auch das Kunst-Café und das Restaurant benannt. Das malerische Areal mit der Adresse Auf dem Hohen Ufer 36 ist nicht nur im goldenen Herbst allemal einen Besuch wert. Mit Ausnahme der Ruhetage montags und dienstags ist hier jeden Nachmittag von 14 bis 18 Uhr ein opulentes Kuchen-Büffet zu haben, mit Kuchen und Kaffee satt. Von 10 bis 14 Uhr wird hier inklusive Getränken ein ebenso opulentes Frühstücksbüffet für 9,50 Euro serviert. So lässt es sich in Knoops Park leben!

Für diejenigen, die Mitglied des Fördervereins Knoops Park werden möchten, hier die Kontaktdaten: Christof Steuer, Lesmonastraße 52, Telefon 6 39 77 30. www.foerderverein-knoops-park.de. Der Beitrag für fördernde Mitglieder beträgt sieben Euro, für aktive Mitglieder 35 Euro pro Jahr.

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