Interview „Zusätzliche Anreize für junge Menschen und Familien schaffen“

Florian Boehlke leitet seit März 2012 das Burglesumer Ortsamt. Im Interview spricht der 37-Jährige über die befürchtete Vergreisung, fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen – und batürlich über die Sonnenseiten des Stadtteils.
18.11.2016, 12:13
Lesedauer: 5 Min
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Von Klaus Grunewald

Florian Boehlke, selbst im Ortsteil Marßel aufgewachsen, leitet das Burlesumer Ortsamt. Im Interview spricht er über die befürchtete Vergreisung des Stadtteils, fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen – und die Sonnenseiten Burglesums.

Reden wir über Burglesum, Herr Boehlke. Was fällt Ihnen spontan zu Ihrem Stadtteil ein. Bitte in drei Sätzen.

Florian Boehlke: In drei Sätzen? Also: Burglesum ist ein besonders grüner Stadtteil mit großen Naturflächen wie Knoops Park, Pellens Park oder Werderland, was für eine hohe Wohnqualität spricht. Einerseits, andererseits gibt es sozial benachteiligte Gebiete wie das Marßeler Feld und das Alwin-Lonke-Quartier in Grambke; dort benötigen Menschen staatliche Unterstützung. Und weil Burglesum der bremische Stadtteil mit dem zweithöchsten Altersdurchschnitt der Bewohner ist, müssen wir ihn attraktiver für junge Menschen und Familien machen.

Wie kann das realisiert werden?

Notwendig sind neue Wohngebiete mit Mehr- und Einfamilienhäusern wie sie gerade im sogenannten Lesum-Park neben der gemeinnützigen sozialwirtschaftlichen Einrichtung Friedehorst entstehen. Weitere Flächen für den Wohnungsbau bieten sich in den nächsten Jahren in Grambke an.

Und wie ist es mit der Fläche an der Billungstraße in St. Magnus, die eine Bürgerinitiative unbedingt vor der Versiegelung bewahren will?

Richtig, dabei warnt sie aber fälschlicherweise stets davor, eine Bebauung in Knoops Park zuzulassen. Das Areal der ehemaligen Stadtgärtnerei gehört nicht zu Knoops Park, der unter Denkmalschutz steht und unantastbar ist. Und es soll nur zum Teil für den Wohnungsbau genutzt werden. Der größere Teil soll als öffentliche Grünfläche hergerichtet werden.

Genügend Wohnraum zu erschwinglichen Preisen ist die eine Seite der Medaille. Beklagt wird allerdings auch immer wieder, dass die Betreuung von Kleinkindern sowie die schulische Versorgung zu wünschen übrig lassen.

Ja, uns wird zwar von den Senatsressorts oft gesagt, wir gehörten zu den privilegierten Stadtteilen und sollten uns bei Forderungen zurückhalten. Doch Fakt ist, dass es zu wenige Plätze zum Beispiel für die Betreuung der ein-bis dreijährigen Kinder gibt. Und neben dem Ausbau von Kindertagesstätten ist es erforderlich, das Angebot an Ganztagsschulen zu verbessern. Das ist wichtig für die Kinder, aber auch für Familien, die wir für den Stadtteil gewinnen wollen.

In Lesum wohnen rund 33 500 Menschen. Der Altersdurchschnitt liegt bei gut 46 Jahren, Tendenz steigend, vor allem in den Ortsteilen Lesum und St.Magnus. Vergreist der Stadtteil?

Zunächst einmal zeigt die Statistik, dass viele Menschen schon lange und gerne hier leben. Dass die Aufenthalts- und Wohnqualität in unserem Stadtteil sehr gut ist. Andererseits müssen wir zusätzliche Anreize für junge Menschen und Familien realisieren. Und dabei genießen die Aufgabenfelder Wohnungsbau, Bildung und vorschulische Betreuung Priorität.

Sie sind in Marßel aufgewachsen. Ein Ortsteil, dessen Großsiedlung mit 700 Bewohnern vor gut 50 Jahren auf grüner Wiese aus dem Boden gestampft worden ist und heute noch als soziales Problemgebiet gilt. Weshalb?

Wenn Menschen aus verschiedenen Nationen zusammenleben, kann es zu Konflikten kommen. Deshalb ist die Integrationsarbeit umso wichtiger. Die Gelder aus dem Förderprogramm Wohnen in Nachbarschaft (WiN) beispielsweise dürfen auf gar keinen Fall gekappt werden. Dafür setzt sich der Beirat immer wieder massiv ein. Insgesamt aber kann man unterstreichen, dass Marßel und das Marßeler Feld auch dank der Anstrengungen der Wohnungsbaugesellschaften in den letzten Jahren lebenswerter geworden sind.

Wozu Kirchengemeinden, die Sportgemeinschaft Marßel, Schulen und Nachbarschaftshaus erheblich beigetragen haben.

Richtig, ohne das ehrenamtliche Engagement der Menschen vor Ort wären Politik und Verwaltung gescheitert. Das kann man nicht oft genug betonen. Und deshalb ist es auch gut und richtig, dass mit Oliver Feye seit August ein Quartierskoordinator in Marßel arbeitet, der viele Ideen zur Verbesserung der Lebens- und Wohnsituation auf dem Marßeler Feld einbringt. Hierbei möchte ich ihn gerne unterstützen.

Stichwort Sport. Wir erleben gerade, dass der SV Grambke-Oslebshausen um seine Existenz fürchtet, weil ihm Mitglieder zuhauf den Rücken kehren. Hauptgrund: Die Sporthalle im Föhrenbrok muss aufwendig saniert werden. Schadet das dem gesamten Stadtteil?

Sportvereine erfüllen ungemein wichtige Aufgaben zur gesellschaftlichen Integration und Gesundheitsvorsorge. Deshalb müssen auch die Signale des SV Grambke-Oslebshausen und aus anderen Vereinen ernst genommen werden. Aber es gibt auch positive Meldungen. Der TSV Lesum-Burgdamm erhält ein neues Umkleide- und Sanitärgebäude, der FC Burg hat einen neuen Kunstrasenplatz bekommen.

Nach langer Wartezeit. Noch länger kämpfen das Ortsamt und der Beirat für eine Verbannung des Lkw-Durchgangsverkehrs aus dem Heerstraßenzug in Burg und Burgdamm.

Ja, und der Verkehrssenator vertritt hier eine andere Auffassung als wir. Er verweist auf das Lkw-Führungsnetz, das die Schwerlastverkehre in Bremen steuern soll, meines Erachtens jedoch ein veraltetes Instrumentarium ist. Mit der Digitaltechnik ließen sich die Verkehre besser leiten und für eine Entlastung der Wohngebiete sorgen. Besonders wichtig aber wäre, dass der Autobahnring um Bremen endlich geschlossen wird.

Auch in Grambke ist die Verkehrsbelastung hoch. Dort geht aber zurzeit die Angst vor einer neuen Mülldeponie im Industriepark Bremen mit all seinen negativen Auswirkungen für die Wohnbevölkerung um. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Der Beirat Burglesum lehnt den Standort Industriepark ebenso ab wie der Beirat Gröpelingen. Am 8. Dezember werden beide Kommunalparlamente ihre Position auf einer gemeinsamen Sitzung in der Mensa des Schulzentrums Alwin-Lonke-Straße darlegen. Eine Deponie im Industriepark als Ersatz für die Blockland-Deponie ist nicht nur eine Belastung für die Bevölkerung, sondern konterkariert auch die Bemühungen, den Industriepark weiterhin für ansiedlungswillige Firmen attraktiv zu halten.

Von den Problemen mit den Hinterlassenschaften einer modernen Wohlstandsgesellschaft zu ihren kulturellen Errungenschaften: Was hat Burglesum auf diesem Terrain zu bieten?

Eine Menge. Seit 21 Jahren findet das Klassik-Sommer-Freiluft-Vergnügen der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen in Knoops Park statt, schon zwei Jahre vorher sind die Burglesumer Kulturtage aus der Taufe gehoben worden, die eine Woche lang Einblick in die kulturellen Aktivitäten des Stadtteils bieten. Und als neues Highlight darf getrost das Dixiland-Festival eingestuft werden, das in diesem Jahr zum dritten Mal am Lesumhafen über die Bühne ging.

Und nicht nur die ältere Generation, sondern sicherlich auch die Jugend begeistert.

Richtig. Die sich in Burglesum übrigens auch ganz offiziell kommunalpolitisch engagiert. Seit sechs Jahren gibt es einen Kinder- und Jugendbeirat, in dem sich Zwölf- bis 21-jährige für ihre Altersgruppe engagieren können. Hierfür bekommen sie vom Beirat jährlich 10 000 Euro zur Verfügung gestellt. Der Kinder- und Jugendbeirat ist dem Stadtteilparlament zugeordnet, der ihn auch gerne zu Rate zieht, wenn es um Jugendthemen geht.

Zur Person:

Zur Person

Florian Boehlke ist 37, verheiratet und hat einem Sohn (13). Er ist im Ortsteil Marßel aufgewachsen und seit März 2012 Burglesumer Ortsamtsleiter.
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