Kunst im Westen

Bilderwelten ohne Ort und Zeit

Es sind eigene Welten, die Miriam Esdohr im Findorffer Nachbarschaftshaus Nahbei in FOrm von Bildern präsentiert. Und es sind spannende noch dazu.
16.08.2019, 17:58
Lesedauer: 2 Min
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Von Anke Velten

Nerds sind jene Menschen, die sich in ihren spezifischen Interessensgebieten vergessen können, aber in Dingen des Alltags und im Umgang mit anderen Menschen unbeholfen sind: So ungefähr ließe sich die gängige Definition zusammenfassen. Man darf Miriam Esdohr getrost unter der Kategorie dieser passionierten Sonderlinge verorten. Schließlich hat sie den Titel ihrer Ausstellung selbst gewählt. „Nerdwerk 2.0“ ist mehr als eine Auswahl von Bildern. Es sind Einblicke in ihre Welten jenseits von Ort und Zeit. Bereits zum zweiten Mal nach 2014 zeigt die diplomierte Grafikerin ihre Arbeiten im Findorffer Nachbarschaftshaus Nahbei.

Ein Mensch blickt über eine Felslandschaft in den blutroten Horizont. Ein androgyner Held fixiert einen Punkt, der sich den Blicken des Betrachters entzieht. Eine Blondine im Kampfanzug richtet ihren Scheinwerfer auf eine Kreatur, die an eine eiserne Spinne erinnert – und bei aranchnophoben Betrachtern nicht weniger Unbehagen auslöst: Das ist das Stichwort, denn das Erzeugen gefälligen Wohlbefindens ist Miriam Esdohrs Sache nicht. Wenn schon, dann geht es hier um den wohligen Schauder, den Leser und Zuschauer der literarischen und filmischen Genres der spannungsreicheren Sorte so sehr lieben. Thriller, Mystery, Science Fiction sind das Element der 35-jährigen Bremerin – einer zierlichen, angenehm zurückhaltenden, viel jünger wirkenden Person, die mit sanfter Stimme spricht.

Die Arbeiten, die teils am Computer, teils ganz analog mit Pinselstift und Tusche entstanden sind, wirken wie Titelbilder oder die ausdrucksvollen Standfotos, die Neugier auf den Kinobesuch wecken sollen – und sie sind es eigentlich auch. Es sind Ausschnitte von Comics, Graphic Novels oder Videospielen – beziehungsweise könnten es sein. Bereits seit Kindheitstagen zeichnet Miriam Esdohr ­Comics. Während sie in ihren frühen Geschichten die fiktiven Abenteuer ihrer authentischen Haustiere erzählte, sind Stil und Genre im Laufe der Zeit definitiv erwachsen geworden.

Wie sie ihre Leserschaft packt und fesselt, hat die freischaffende Grafikerin von der Pike auf gelernt: Bereits 2014 – während ihres Studiums an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste – veröffentlichte sie ihren grafischen Roman „Iakes“. Der Thriller um den Kriminalpsychologen Rik, den die Suche nach einem Serienkiller in die Welt der Toten führt, wird in Online-Rezensionen hoch gelobt. Sein Nachfolger „Skymir“ ist eine episodische Science-Fiction-Novel mit Fantasy-Elementen, erklärt die Autorin und Illustratorin.

Ihr täglich Brot verdient Esdohr mit Concept Art – dem Entwickeln und Gestalten visueller Konzepte für Videofilme oder Spiele. Auch als Illustratorin für Musikvideos ist sie zu buchen – so wie für die holländische Witch-Pop“-Band Shireen, deren Sängerin sich für Esdohrs Arbeiten begeistert hatte. Zu ihren Auftraggebern gehören außerdem Privatpersonen, die sich ein Porträt wünschen – ganz nach Geschmack fotorealistisch oder als Sketch im Comic-Stil.

„Mich fasziniert die Möglichkeit, komplette imaginäre Welten zu erschaffen“, erklärt Esdohr. Von Charakteren und Kreaturen über Landschaften und Räume bis hin zu Fahrzeugen, Objekten und Waffenarsenal. Sich diese in sich geschlossenen Welten auszudenken und über eine schlüssige Geschichte zusammenzuhalten, erfordert nicht nur Leidenschaft, Fantasie und Kreativität, sondern auch viel Disziplin, strategisches Denken, Geduld und Perfektion – die klassische Kombination an Charakteristika, um die man Nerds eigentlich nur beneiden kann.

Die Ausstellung „Nerd“ kann bis zum 24. August im Nachbarschaftshaus Nahbei, Findorffstraße 108, besucht werden. Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Mehr über die Künstlerin und ihre Arbeiten im Internet unter der Adresse www. miriamesdohr.de.

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