Es summt und surrt in der Stadt

Bio-Honig von der Bürgerweide

Am frühen Vormittag kommt Hermann Murken mit seinem Transport aus Garlstedt an. Behutsam lädt er zwölf Bienenstöcke auf dem Betriebshof der Messe Bremen ab. Hier soll bald bester Bio-Honig produziert werden.
10.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten
Bio-Honig von der Bürgerweide

Imker Hermann Murken hat die Kästen am Dienstag aufgestellt. Im kommenden Jahr könnte man pro Bienenstock einen Ertrag von rund 50 bis 60 Kilogramm Honig erwarten, sagt er.

Roland Scheitz

Im Stadtteil Findorff ist von einem Tag auf den anderen ein Neubaugebiet mit mehr als 600 000 neuen Bewohnern entstanden. Sie nehmen nicht viel Raum in Anspruch, sind als ungemein fleißig bekannt, und wurden speziell mit der Absicht angesiedelt, sich zum Wohle der Allgemeinheit nützlich zu machen. Die Messe Bremen hat auf ihrem Betriebshof Platz für zwölf Bienenstöcke gemacht, um ein wenig mehr lebendige Natur an diesem Ort im Stadtteil zu etablieren.

Imker Hermann Murken ist der Herr der Bienenvölker. Am frühen Dienstagvormittag war er mit seinem kostbaren Transport aus Garlstedt angekommen. Ganz vorsichtig wurde das Dutzend Beuten – so die korrekte Bezeichnung der Bienenstöcke – auf die vorgesehene Konstruktion gehievt. Bienen seien es gewohnt, von Tracht zu Tracht transportiert zu werden, erzählt der Imker – zum Beispiel dorthin, wo gerade die Linden, der Raps oder die Robinien blühen. Doch die Bürgerweide-Bienen sollen dauerhaft sesshaft bleiben. Er geht davon aus: Rundherum werde in den Gärten, auf den Parzellen und im Bürgerpark sicherlich genug für alle zu finden sein.

Gleich nachdem die Türen ihrer Häuser geöffnet waren, machten sich die fliegenden Zuzügler mit ihrem neuen Wohnort bekannt – umschwirrten die Stöcke, wagten sich immer höher und höher. „So prägen sie sich ihren neuen Standort ein“, erklärt Murken, der seit zehn Jahren mit seiner Frau Sabine Stoewenau eine Imkerei mit insgesamt 150 Völkern nach den Richtlinien der Bioland-Imkerei betreibt. Sobald sie sich sicher fühlen, werden sie aus einem Radius von drei Kilometern immer wieder nach Hause finden, weiß der Imker. Denn trotz ihres winzigen Gehirns besäßen Bienen einen derart phänomenalen Orientierungssinn, dass selbst die Forschung noch staunt und sich wundert.

Kenner wissen natürlich: Biene ist nicht gleich Biene. Ausgewiesene Experten könnten die Bio-Bienen von der Bürgerweide als Vertreter einer Zuchtrasse mit einer spannenden Entstehungsgeschichte identifizieren. Die ersten Buckfast-Bienen schwirrten im Jahr 1916 in der südwestenglischen Grafschaft Devon herum. Benannt wurden sie nach dem Ort ihrer Herkunft. Die Züchtung im mittelalterlichen Kloster Buckfast Abbey war aus der Not geboren. Im Jahr 1913 war die auf den britischen Inseln heimische Honigbiene durch einen Parasiten nahezu komplett ausgerottet worden. Doch dann gelang es einem jungen Benediktinermönch schwäbischer Herkunft, durch Kreuzung überlebender Arten eine außergewöhnlich produktive und krankheitsresistente Honigbiene zu züchten, die sich zudem auch als besonders friedlich und sanftmütig erwies, erklärt Murken.

In internationalen Bienenfachkreisen ist der Name des Züchters legendär: Brother Adam – Bruder Adam – kam als Karl Kehrle 1898 in einer Gemeinde unweit des Bodensees auf die Welt, und wurde im Alter von nur elf Jahren von seiner Mutter in das englische Kloster geschickt. Weil man dem zarten Jungen die anstrengende körperliche Arbeit nicht zumuten konnte, wurde er dort der Imkerei zugewiesen. Mit seinen Zuchterfolgen, seiner Expertise und seinen Innovationen auf dem Gebiet der Bienenhaltung wurde der Mönch im Laufe der Jahrzehnte zur weltweit anerkannten Kapazität.

Sein Leitspruch lautete „Lass die Biene es dir sagen“. Seine Leistungen wurden mit Ehrendoktorwürden, dem Bundesverdienstkreuz und einem Ritterorden der englischen Königin gewürdigt. Seine Stellung als Bienenzüchter sei unübertroffen, schrieb die renommierte englische Wochenzeitung „The Economist“ 1996 in ihrem Nachruf, und kolportierte, dass Bruder Adam mit seinen Bienen redete und sie streichelte.

Nun werden sich die britischen Superbienen noch eine Weile in ihrer neuen Heimat akklimatisieren und an den letzten Herbstblüten naschen, bevor sie im Schutz der Beuten ihre monatelange Winterruhe antreten, erklärt Murken. Im kommenden Jahr könnte man pro Bienenstock einen Ertrag von rund 50 bis 60 Kilogramm Honig erwarten, von denen die Messe Bremen garantiert etwas abbekommen werde, verspricht der Garlstedter Imker. Doch die süße Belohnung sei in diesem Fall zweitrangig, sagt Tanja Wöbse, Initiatorin des Bienen-Projekts auf der Bürgerweide. Hier gehe es vor allem darum, etwas für die Artenvielfalt in der Stadt zu tun, so die Projektmitarbeiterin der ÖVB-Arena, die auch schon Ideen hat, wie das unmittelbare Umfeld bienenfreundlicher gestaltet werden könnte.

Hermann Murken kann sich vorstellen, ab dem kommenden Frühjahr sein Wissen über die Bedeutung der Bienen mit der interessierten Öffentlichkeit zu teilen. Was man auf jeden Fall wissen sollte: Die Bienen sind auch heute wieder in Gefahr. „Ohne uns Imker gäbe es vielleicht bald keine Bienen mehr“, mahnt er, der als Waldpädagoge der niedersächsischen Landesforsten seit Jahren Kindern die Natur näher bringt. „Und wo keine Bienen sind, kann der Mensch nicht leben.“

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