Ein Stück Vergangenheit verschwindet

Bootswerft am Torfkanal wird abgerissen

Vor drei Jahren war der Pachtvertrag abgelaufen und nach mehreren Begehungen kamen Fachleute von Ämtern und Behörden zu dem Schluss: Da ist nun wirklich nichts mehr zu machen, das Bootshaus muss weichen.
16.08.2020, 22:03
Lesedauer: 5 Min
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Von Anke Velten
Bootswerft am Torfkanal wird abgerissen

Drei stattlich gewachsene Eichen ragen aus dem Dach heraus. Sie haben sich im Laufe der Jahre ihren Weg durch das Bootshaus gebahnt, und sollen – anders als das Gebäude – bleiben.

Roland Scheitz

Für das alte Bootshaus am Torfkanal haben die letzten Stündlein geschlagen. Die Stadt hat den Auftrag zum Abriss der ehemaligen Bootswerft von Dietrich Steinforth erteilt. Mit ihr wird eine der letzten sichtbaren Erinnerungen an eine Ära Findorffer Lokalgeschichte verschwinden, und ein prägendes Stück nostalgischen Charmes. Was mit dem leer geräumten Grundstück am Weidedamm 163 passieren soll, vermag zurzeit noch niemand zu sagen.

Nur so viel: Hinter dem Rücken des Stadtteils werde überhaupt nichts geschehen, beteuert die Baubehörde. Dennoch meldet der Findorffer Beirat Informationsbedarf an, sagt Bauausschuss-Sprecher Ulf Jacob (Grüne): Bei nächstmöglicher Gelegenheit sollen Vertreter der zuständigen Behörde den Sachstand und die Gemengelage am Torfkanalufer erläutern.

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Vor drei Jahren war der Pachtvertrag abgelaufen, den drei Generationen der Findorffer Familie fast hundert Jahre lang gehalten hatten. Nach mehreren Begehungen kamen Fachleute der zuständigen Ämter und Behörden zum Fazit: Da ist nun wirklich nichts mehr zu machen. Das Gutachten, das Immobilien Bremen dem Findorffer Beirat Mitte Juni vorgelegt hatte, belegt den Zustand in Worten und Bildern.

Baufällig und nicht verkehrssicher

Dicke Risse ziehen sich senk- und waagerecht durch teils tragende Wände. Holz und Mauerwerk bröseln und faulen, die nördliche Außenfassade sackt ab und ist in Schieflage geraten. Wurzeln und Kronen der beiden alten Eichen, die mitten durch die Lagerhalle gewachsen sind, haben die Bodenplatte zerstört und die Dachhaut durchdrungen. Die Konstruktion hängt statisch an seidenen Fädchen. Die Diagnose: baufällig und nicht mehr verkehrssicher. Das Urteil: „nicht sanierungsfähig.“ Die Abrisstrupps müssen vorsichtig hantieren. Es dürfen keine Bruchstücke ins Fleet fallen, die alten Bauteile und der Boden müssen auf Kontaminationen geprüft werden. Die Lagerhalle muss in Handarbeit demontiert werden, damit die beiden Eichenbäume keinen Schaden davontragen, sagt das Gutachten.

In den Vorzeiten Findorffer Geschichte war der Weidedamm das ersehnte letzte Teilstück auf der langen und beschwerlichen Reise der Moorbauern gen Bremer Torfhafen. Nachdem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der Torf seine Bedeutung als Energielieferant zunehmend verlor, entwickelte das Ufer ein ungestörtes Eigenleben mit Handwerksbetrieben, Gärtnereien, Parzellen und kleinen Gaststätten. Nach und nach siedelten sich Bootsbaubetriebe an, die wiederum Wassersportler und –vereine anzogen. Den Anfang hatte bereits Anfang der 1920-er Jahre Friedrich Bremermann gemacht, der ein Studium als Schiffsbauingenieur und eine Leidenschaft fürs Segeln und Rudern mitbrachte.

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Bremermanns Bootshaus stand bis 1959 am Rand des Torfhafens, und musste dann der Straßenverbreiterung weichen. Ihm folgten Bootsbauer wie Emil Langer, Erich Schober, Fritz Manske, Wilhelm Heuer und Nico Meyer an den Weidedamm, die sich unter Wassersportenthusiasten einen guten Namen machten. 1920 errichtete Friedrich Wilhelm Bolte sein Bootshaus mit Gaststätte am Torfkanal, das sich rasch auch zum erfolgreichen Bootsbaubetrieb weiterentwickelte. Bis ins neue Jahrtausend wurde der Gaststättenbetrieb von Bremermanns Tochter weitergeführt.

Vor allem in den Nachkriegsjahrzehnten boomten Wassersport und Gastlichkeit am Torfkanal. Danach wurde es immer ruhiger um den rund 7000 Quadratmeter großen Streifen zwischen der Straße am Weidedamm und dem Torfkanal. Liebevoll gepflegte Parzellen grenzen an Brachgrundstücke wie die ehemalige Bootswerft von Erich Schober: Das Gebäude und die charakteristische kleine Brücke mit den Bremer Stadtmusikanten waren im Sommer 2014 mit dem Argument der Baufälligkeit abgerissen worden. Ansätze, das Areal zu revitalisieren, sind bislang gescheitert.

„Schlachte II“, prophezeite Lärm, Verkehr und Trubel

2006 hatte die Baubehörde einen Versuch unternommen, planungsrechtlich Ordnung auf der verwunschenen kleinen Insel am Weidedamm zu schaffen. Die Stadtplaner stellten sich ein Sondergebiet „Wassersport am Torfkanal“ vor, das eine geringe Bebauung, die Nutzung durch Wassersportvereine, viel Grün, aber auch gastronomische Angebote vorgesehen hatte. Eine Gruppe von Anwohnern übersetzte das als „Schlachte II“, prophezeite Lärm, Verkehr und Trubel, legte Widerspruch ein und kippte das Projekt. Ende 2016 hatte ein privater Interessent dem Findorffer Beirat seine Ideen für die Steinforth-Werft vorgestellt: Er traute sich zu, das Haus in bester Wasserlage zu restaurieren. Das Sitzungsprotokoll vermerkt, dass der Beirat seinen Plänen „wohlwollend“ gegenüber stand. Um das Gebäude wieder als Bootshaus mit Einliegerwohnung zu nutzen, wäre keine Änderung des Baurechts nötig gewesen, sagt Carsten Klapproth.

Nach fast vier Jahren Überzeugungsarbeit, in denen er auch die Landesdenkmalpfleger an seiner Seite wusste, habe er resigniert. „Ich hätt’s gerne gemacht“, sagt Klapproth – doch die Stadt habe keine Anstalten gemacht, das „Filetgrundstück“ abzugeben. Mit Ausnahme des knapp 1800 Quadratmeter großen Areals um das Bootshaus Bolte, das sich in Familienhand befindet, gehören sämtliche Grundstücke zum so genannten „Sondervermögen Infrastruktur“, das beim Senator für Umwelt, Bauen und Verkehr angesiedelt ist.

Wie will die Stadt damit verfahren? Werden die Grundstücke nach und nach geräumt, um das Gelände anschließend zum Bauland umzuwidmen und zu veräußern? Zumindest derzeit sei nichts dergleichen geplant, versichert Jens Tittmann, Sprecher der Senatorin für Bau und Umwelt. Bevor das Gebiet stadtplanerisch entwickelt werden könne, müsse zunächst Planungsrecht geschaffen werden – ein Verfahren, dass sich mindestens zwei Jahre lang hinziehe. Stadtteilpolitik und Bürger bekommen dabei die Gelegenheit, ihre Meinungen abzugeben. Und man kann davon ausgehen: Das werden sie auch tun.

Info

Zur Sache

Der Findorffer Bootsbauer Diedrich Steinforth (1899-1964)

Johann Diedrich Steinforth, der sich später nur noch Diedrich nannte, stammte aus einer Familie von Schiffern und Schiffszimmermännern, deren Name erstmals im Jahr 1924 in den Bremer Adressbüchern auftaucht. Um dieselbe Zeit gründete Diedrich Steinforth seine Bootsbauerei an der Oslebshauser Wurth, ganz in der Nähe des Wohnhauses Auf der Heuen. 1928 zog Steinforth an den Torfkanal. Fast neunzig Jahre lang und über drei Generationen blieb das Erbpachtgrundstück in den Händen der Familie.

Vor allem „in den guten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg“ nahm die Werft am Weidedamm Fahrt auf und gab zeitweise bis zu fünfzehn Leuten Arbeit, berichtete Karl-Heinz Hofmann in seiner 2014 im Eigenverlag veröffentlichten Chronik der Bootswerften am Bremer Torfkanal. Einen erstklassigen Ruf habe sich Steinforth auch „als geschickter Handwerker für das Beheben von Versicherungsschäden“ erarbeitet. 1939 übernahm er die benachbarte Werft von Bootsbaumeister Walter Mater. Von den rund hundert Booten, die Steinforths Werft verließen, haben sich laut Hofmann einige in Bremen und Umgebung erhalten. Das Deutsche Museum in München hat eines der Boote aus der Steinforth-Werft zum Museumsstück geadelt.

Der Wanderkanadier „Mapi“, gefertigt im Jahr 1931, ist Teil der Dauerausstellung in der Abteilung Schifffahrt. „Mapi“ wurde aus schmalen Holzstreifen gefertigt, mit einer Haut aus Leinwand überzogen und mit einem speziellen Lack wasserfest gemacht, erklärt ein Schild den Museumsbesuchern. Gebaut wurde sie für bewegungsfreudige Naturfreunde der Neuzeit, die sich mit Stechpaddel fortbewegten oder bei günstigem Wind die Treibsegel setzen konnten.

Bei Bedarf konnte auch ein 1,5 kW-Seitenbordmotor zum Einsatz kommen, erläutert das Schild weiter – und verweist auf den passenden Hilfsmotor, der einen eigenen Platz im Deutschen Museum bekommen hat. Zumindest ihre letzten aktiven Jahre hatte die prächtig erhaltene Mapi vermutlich auf dem Starnberger See verbracht, erklärte ein Museumssprecher dieser Zeitung. Von dort stammte jedenfalls der Eigentümer, der dem Museum das Boot überlassen hatte.

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